Eine erste wichtige Stellschraube, welche man bereits angegangen habe, sei die Diversifizierung der Gaszuflüsse. Hierbei verdanke man sehr viel "unseren norwegischen, belgischen und niederländischen Nachbarn". Prämisse der BNetzA sei, die landseitigen Anbindungen zu verstärken und zu ermöglichen. Die europäische und grenzüberschreitende Zusammenarbeit sei hierbei entscheidend. "Ohne das, was wir unseren europäischen Nachbarn verdanken, sähe es in Deutschland ganz, ganz anders aus", sagte Müller.
Auch ein erster Testversuch mit der Lieferung von französischem Gas auf Höhe des Saarlandes nach Deutschland sei erfolgreich verlaufen, und ab circa Mitte Oktober sei mit weiteren Gaszuflüssen aus Frankreich zu rechnen, so Müller.
Industrie schon 22 Prozent Gas eingespart
Wenn es gelinge, drei schwimmende LNG-Terminals in diesem Winter anzuschließen, sei dies ein weiterer, wichtiger Schritt im Sinne der Versorgungssicherheit. Die BNetzA stehe mit den drei betroffenen Landesregierungen im engen Austausch und "Stand diese Woche sehen wir keine unaufhaltbaren, unlösbaren Probleme vor uns", betonte der BNetzA Chef. Doch hätten die letzten 24 Stunden deutlich gemacht, dass auch "sehr unangenehme, unerwartete Überraschungen" möglich seien, sagte er im Hinblick auf die Nordstream-Lecks. Im Winter des kommenden Jahres rechnet Müller damit, dass maximal acht schwimmende LNG-Terminals in Deutschland zur Verfügung stehen (5 vom Bund, bis zu 3 private).
Doch entscheidend sei, dass es gelinge, mindestens 20 Prozent Einsparungen beim Gasverbrauch im Vergleich zum Vorjahr zu erreichen. Von seiten der Industrie sei hier mit Einsparungen in Höhe von derzeit 22 Prozent schon sehr viel passiert, so über Energieeffizienztechnologien oder dem (fossilen) Fuel Switch. Doch gehöre zur Wahrheit auch, dass zunehmend Unternehmen sagten, dass sie aufgrund der hohen Energiepreise nicht mehr in Deutschland produzieren können, betonte Müller.
Auch private Haushalte gefordert – weiter durchhalten
Die "große Blackbox" sei, inwieweit private Haushalte Gas einsparten, dies betreffe etwa 50 Prozent der Haushalte in Deutschland. "Das sind 20 Millionen Entscheidungen, die die nächsten ungefähr 180 Tage täglich neu getroffen werden", so Müller. Diese Woche werde die BNetzA jedenfalls die erste Verbrauchsstatistik für den privaten Bereich veröffentlichen.
Der BNetzA-Chef zeigte sich zuversichtlich, dass aufgrund der in den vergangenen Wochen weiter angestiegenen Preise auch im privaten Bereich verstärkt Gas eingespart wurde, nach dem "das Ende August, Anfang September noch nicht ganz so toll aussah". Die Zahlen, die ihm schon vorlägen, machten ihn optimistisch. Doch nun gelte es, mit den Einsparungen weiter durchzuhalten bis Frühling nächsten Jahres, so der Appell von Müller.
Volle Speicher existenziell – "wir agieren unter Unsicherheit"
Ein entscheidender Faktor sei hierbei jedoch das Wetter mit Auswirkungen auf die derzeit fast vollen Erdgasspeicher. Sollte es zu einer Gasmangellage kommen, die Bundesregierung dies festgestellt haben, und die BNetzA als Bundeslastverteiler eingreife, "wollen, müssen und werden wir uns Zeit kaufen. Das können wir nur durch volle Speicher", unterstrich Müller.
"Alle die der Meinung sind, es ist alles grade ganz easy, denen kann ich nur zurufen: Ich weiß nicht, ob wir in diesem Winter eine, keine oder in Wellen auftauchende Gasmangellagen haben. Wir agieren unter Unsicherheit", sagte Müller.
"Deutschland muss dringend resilienter werden"
Als wichtiges marktbasiertes Instrument, eine Gasmangellage zu verzögern oder gar zu verhindern, sieht Müller das neue Regelenergieprodukt, das am 1. Oktober an den Start geht. Er appellierte an die Unternehmen, dies auch zu nutzen. Bei eventuell nötigen Gasrationierungen würden im Übrigen auch Vorleistungen der Unternehmen berücksichtigt.
Die aktuellen Lecks in Nordstream 1 und 2 unterstrichen jedenfalls nochmals, wie wichtig Resilienz, ausreichende Speicherkapazitäten, der Ausbau der Erneuerbaren international und national sowie der Netzausbau seien. "Deutschland muss dringend innehalten, zum richtigen Zeitpunkt resilienter zu werden", so der Behördenchef. Doch habe Resilienz einen Preis, den er nicht im normalen Marktgeschehen sehe.
Auch bei Preisdeckel Lenkungsanreize fürs Energiesparen erhalten
In puncto Gas- oder Strompreisdeckel appellierte Müller an die Politik, einen Weg zu wählen, der den Lenkungseffekt zum Energiesparen aufrecht erhält und zugleich soziale Fairness sichert. "Ich hoffe, dass die Politik ein Modell wählt, das Lenkungsanreize, marktliche Anreize und viel Wettbewerb irgendwie möglich erhält", sagte Müller.
Gegenüber der "Augsburger Allgemeinen" hatte sich Müller im Übrigen laut "Welt" vom Dienstag dezidiert für höhere Speicherkapazitäten sowie den Aufbau eines Wasserstoffnetzes bzw. eine Umnutzung des Erdgasnetzes ausgesprochen. (hcn)



