Sarah Roes (Partnerin für Handel und Vertrieb) sowie Lukas Schuffelen (Kompetenzteamleiter Transaktion) von BET erläutern die Auswirkungen der Corona-Bekämpfung für die Energiewirtschaft.

Sarah Roes (Partnerin für Handel und Vertrieb) sowie Lukas Schuffelen (Kompetenzteamleiter Transaktion) von BET erläutern die Auswirkungen der Corona-Bekämpfung für die Energiewirtschaft.

Bild: © Stockberg aus Aachen/BET

In einem ZfK-Interview erläutern Sarah Roes, Partnerin für Handel und Vertrieb bei dem Beratungsunternehmen BET sowie ihr Kollege Lukas Schuffelen, Kompetenzteamleiter Transaktion, wie sich die Entscheidungen der politischen Führung vom Mittwoch auf die Energiewirtschaft auswirken.

Am Mittwoch gab die politische Führung mehrere Entscheidungen zum weiteren Vorgehen bei der Corona-Pandemie bekannt. Welche Auswirkungen ergeben sich aus Ihrer Sicht?

Sarah Roes:Die unmittelbaren Auswirkungen von Covid-19 sind derzeit für jeden deutlich spürbar. Mit der gestrigen Entscheidung ist ein angestrebter Aufschwung möglich, aber derzeit noch nicht final zeitlich und im Ausmaß abzusehen. Die Energiewirtschaft befindet sich zurzeit in einer abwartenden Haltung und versucht, ihren Kunden möglichst kulant gegenüberzutreten, ohne die unternehmerische Belastung auszureizen oder die eigene Liquidität zu gefährden. 

Lukas Schuffelen: In der ökonomischen Theorie gibt es in Folge von Wirtschaftsschocks verschiedene potenzielle Zukunftsszenarien, die sich V-U-L-Szenarien nennen. Demnach gibt es drei mögliche Szenarien für die Entwicklung der Wirtschaft nach einem Schock.

Lassen sich denn gesamtwirtschaftliche Effekte direkt auf die Energiewirtschaft übertragen?

Schuffelen: Die einfache Antwort ist natürlich: Es kommt drauf an. Die Nachfrage beispielsweise insbesondere nach Commodities bei B2B-Kunden im Vertrieb steht in einem engen kausalen Zusammenhang und ist stark betroffen. Unserer Einschätzung nach ergeben sich aber für die Energiewirtschaft andere Formen von Szenarien wie auf das klassische BIP der ökonomischen Lehre.

Roes: Genau, wir erwarten z.B., dass die Aufholeffekte im Gegensatz zur allgemeinen Wirtschaftsentwicklung nicht so groß sein werden. Wenn die Unternehmen ihre Arbeit wiederaufnehmen, werden sie dieselben Maschinen bedienen wie vorher und damit gleich viel Strom verbrauchen. Ein positiver (Nachfrage-) Unterschied könnte daher nur aus einer zeitlichen Mehrnutzung resultieren, z.B. dadurch, dass Schichten nun weiter auseinanderliegen oder die Unternehmen schlicht länger arbeiten aufgrund von Nachholeffekten.

Was erwarten Sie dann für Effekte auf die Energiewirtschaft?

Roes: Die Entwicklungen von Mittwochabend deuten darauf hin, dass es im Gewerbe, Handel und Dienstleistungs(GHD)-Sektor zu einer Lockerung kommen wird. Der Industrie-, Produktions- und Konsumsektor hingegen bleibt weiterhin betroffen. Daher ist kurzfristig mit einem geringen Nachfrageanstieg zu rechnen. Wir haben hierbei drei Szenarien V-U-L.

DasV-Szenario beschreibt den klassischen Schock.In der theoretischen Ökonomie bedeutet dies: Nach einem Rückgang in Folge des Schocks gibt es eine Überkompensation. Damit erfolgt ein vollständiger Aufholeffekt.Für die Energiewirtschaft abgeleitet, ergibt sich, dass es nach dem Rückgang in Folge des Schocks zu keiner Überkompensation kommt. Sondern vielmehr gelangt man wieder auf den Ursprung zurück.

Das U-Szenario erwartet keine vollständige und sofortige Erholung nach der Pandemie.In der Theorie bleibt nach dem Rückgang eine Überkompensation aus. Es ergeben sich in Summe Verluste durch den Schock. Hinsichtlich der Energiewirtschaft bleibt auch in diesem Szenario eine Überkompensation aus. Der Schock hält deutlich länger an. Dies wäre auf Maßnahmen zur Pandemieunterbindung zurückzuführen wie verlängerte Ausgangssperren und ein ausgesprochenes Kontaktverbot.

Das L-Szenario ist das Unwahrscheinlichste im Augenblick, jedoch nicht vollkommen ausgeschlossen. In der Ökonomie kommt es darin zu nachhaltigen strukturellen Schäden der Wirtschaft. Das alte Wirtschaftswachstum kann nicht mehr erreicht werden. Für die Energiewirtschaft bedeutet dies, dass es nach der Stagnationsphase nur sehr langsam und auf geringerem Niveau wieder zu einem marginalen Aufschwung kommt.

Welche Bereiche eines Unternehmens sind dann nun besonders betroffen?

Schuffelen: Betroffen ist in der aktuellen Situation jeder. Aber in Energieversorgungsunternehmen sind derzeit unserer Wahrnehmung nach Vertrieb und Handel besonders betroffen. Im Vertrieb muss der Kontakt zu den B2B-Kunden stark ausgebaut werden, um da gemeinsam die Szenarien durchzusprechen. Dadurch muss gewährleistet werden, dass man das Hochfahrszenario den sehr unterschiedlichen Anfahrroutinen der Unternehmen anpasst. Einige werden ein anderes Lastverhalten haben durch Streckung der Arbeitszeit auf Schichtbetrieb. Manche werden nicht mit voller Leistung wieder hochfahren. Andere dürfen wieder, können aber noch nicht, weil sie in der Lieferkette weiter hinten sind und für ihre Produkte noch keinen Abnehmer finden.

Roes: Das ist auch wichtig, insbesondere für die Beschaffung und den Handel. Die dynamische Koordination des Beschaffungsvolumens ist elementar, um Rückverkäufe in der Zukunft zu vermeiden. Hier werden derzeit insbesondere die Risikohandbücher der Händler überarbeitet. Diese müssen bezüglich der dynamischen Entwicklungen "Corona-ready" gemacht werden.

Mit der Entscheidung sind nun die Weiche auch für die Energiewirtschaft gestellt?

Roes: Erst einmal gibt es dadurch kurzfristig etwas mehr Planungssicherheit, was grundsätzlich gut ist. Jedoch bleibt abzuwarten, wie lang die Öffnung anhält und wie die Auswirkungen auf die Nachfrage tatsächlich sein werden. Daher ist eine enge Marktbeobachtung notwendig. Weiterhin werden wir ja auch durch die globalen Einflüsse auf Ressourcenpreise beeinflusst. Heißt, wir müssen auch diese Entwicklungen mitdenken.

Schuffelen: Es ist grundsätzlich aber spätestens jetzt der Zeitpunkt für Energieversorger gekommen, um aus der reaktiven in die aktive Rolle zu wechseln. In jedem Unternehmen, das ist unsere Wahrnehmung, hat die Pandemie auch ein neues Miteinander freigesetzt und Entscheidungszeiten beschleunigt. Diesen Schwung gilt es jetzt zu nutzen, um die Prozesse auch nachhaltig effizienter zu gestalten.

(Die Fragen stellte Adrian Gun)

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper