Von Andreas Baumer
Der Wandel der Fernwärme weg von fossilen hin zu klimaneutralen Energiequellen macht sich in immer mehr Kundenabrechnungen bemerkbar. So kündigten in den vergangenen Monaten unter anderem die Stadtwerke Krefeld, die Hamburger Energiewerke und der Berliner Versorger BEW an, ihre Preisgleitklauseln umzustellen.
Der Grund war dabei häufig derselbe: Die Unternehmen folgten Empfehlungen der Rechtsprechung und Politik und legten als Marktelement nicht mehr einen Gaspreis-, sondern einen Wärmepreisindex zugrunde. In der Folge stiegen die Preise beziehungsweise sind Preissteigerungen zu erwarten – in Hamburg beispielsweise, das von einem sehr niedrigen Niveau kommt, um fast ein Drittel.
Fernwärme-Image in Hanau noch gut
Die Fernwärmeakzeptanz in der Hansestadt sei "sehr hoch" gewesen, schilderte Christian Stüwe von der Hamburger Umwelt- und Klimabehörde bei einer Veranstaltung des Fernwärmeverbands AGFW im Rahmen der Berliner Energietage. Es habe sehr viele Anschlussbegehren gegeben. "Wir merken aber, wie die Stimmung so langsam ein bisschen kippt", sagte er. Als wesentlichen Grund nannte er die andauernden Preisdiskussionen.
Im hessischen Hanau sei das Image der Fernwärme bislang noch ganz gut, berichtete die örtliche Stadtwerkechefin Martina Butz. Der Ausstieg aus der Kohlewärme habe "tollen Zuspruch" erfahren, sagte sie. Sie sei aber gespannt, was passiere, wenn in einem Jahr die Nebenkostenabrechnungen kommen würden. "Momentan ist es ruhig."
Wie vielerorts waren die Preise in der Fernwärmehochburg Flensburg bereits in den vergangenen beiden Jahren ein heißes Thema. Mehr als 90 Prozent aller Haushalte sind in der norddeutschen Stadt an die Fernwärme angeschlossen. Als die krisenbedingt hohen Preise durch das abrupte Auslaufen der Energiepreisbremsen Anfang 2024 voll durchschlugen, schaffte es die Flensburger Fernwärme über eine Frage des Abgeordneten Stefan Seidler (Südschleswigscher Wählerverband) sogar in den Bundestag.
"Sehr viele Stadtwerke und Energieunternehmen haben sehr hohe Gewinne letztes Jahr gemacht", erwiderte der damalige Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), dessen Haus in Flensburg ebenfalls mit Fernwärme beheizt wird. Insofern sei es gut, wenn Teile dieser Gewinne nun an Verbraucher weitergegeben würden, mahnte er.
Mehr dazu: Habecks Stadtwerke-Warnung: Werden uns hohe Fernwärmepreise genau ansehen
"Kartellrechtliche Möglichkeiten reichen nicht aus"
Tatsächlich taten die Stadtwerke Flensburg im vergangenen Jahr das Ihre zur Dämpfung der Preissteigerungen, indem sie jedem Fernwärmekunden eine Gutschrift in Höhe von mindestens 400 Euro überwiesen. Für dieses Jahr kündigte das vollständig kommunale Unternehmen eine Preissenkung von 20 Prozent an.
Zur Einordnung: Unter anderem durch den zeitweisen Ausstieg aus dem überregionalen Gasvertrieb hatten die Stadtwerke Flensburg 2022 und 2023 Rekordgewinne erzielt. Nach Abklingen energiekrisenbedingter Einmaleffekte wird für 2024 eine Normalisierung erwartet. Zugleich stehen millionenschwere Investitionen in die Energie- und Wärmewende an.
An den Flensburger Umgang mit stark gestiegenen Fernwärmepreisen erinnerte bei den Energietagen auch Tom Janneck, der seit diesem Januar das Team Energie und Bauen beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) leitet. Zuvor hatte er für die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein gearbeitet.
Janneck warb einmal mehr für eine zusätzliche Fernwärmepreisaufsicht. Den Einwand führender Fernwärmeverbände, dass der Markt bereits stark reguliert und kontrolliert sei, ließ er nicht gelten. Die schleswig-holsteinische Kartellbehörde habe in den vergangenen Jahren Branchenumfragen gemacht, sagte er. Das Ergebnis laut Janneck: "Die kartellrechtlichen Möglichkeiten reichen nicht aus, um die Fernwärme ausreichend zu kontrollieren."
Wirtschaftsprüfer prüft auch Fernwärmepreis
Einen anderen Weg zeigte Hanaus Stadtwerkechefin Butz auf. Ihr Unternehmen lasse den Fernwärmepreis jährlich von einem Wirtschaftsprüfer prüfen, "um diese externe Brille noch einmal zu haben" und die Akzeptanz zu erhöhen.
Fernwärme-Sektoruntersuchungen durch die Landeskartellbehörde seien in Hessen nicht üblich, erzählte Butz weiter. Deshalb warb sie, die bereits bestehenden rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, statt neue Preisaufsichten zu schaffen. Letzteres mache den Fernwärmepreis mit Blick auf den damit verbundenen Kostenaufwand auf Versorgerseite "sicherlich nicht günstiger".
Von einer zusätzlichen Fernwärmepreisaufsicht hält auch Krefelds Stadtwerkechef Carsten Liedtke nichts. Sein Rezept: "Wir verweisen darauf, dass auch die Kosten für andere Formen der Wärmeversorgung tendenziell steigen", sagte er in einem ZfK-Interview. "Wir sind zudem davon überzeugt, dass die Fernwärmepreise gegenüber Gas immer noch attraktiver sind, wenn man die Gesamtkosten sieht."
Wer an die Krefelder Fernwärme angeschlossen wird, brauche keine Gasheizung und bei Neubauten auch keinen Schornstein samt Schornsteinfeger mehr. "Er muss auch nicht mehr fürchten, dass er die volle Wucht der CO2-Preissteigerungen zu spüren bekommt, wenn der Emissionshandel für den Wärmesektor 2027 europäisiert wird."
Auf Transparenz und Aufklärung setzt auch die Berliner BEW, die mit Wirkung zum 1. März ihre Preisänderungsklauseln geändert hat. Sie hat dafür nicht nur eine eigene Internetseite eingerichtet, sondern auch ein Erklärvideo auf Youtube hochgeladen.
Ministeriumsvertreterin sagt ab
In Hamburg stünden sogenannte Hamburger Energielotsen als kostenlose Energieberater für verunsicherte Bürger bereit, schilderte Stüwe von der örtlichen Umweltbehörde. Die Energielotsen sind ein staatlich gefördertes Kooperationsprojekt, an dem neben der Handwerkskammer Hamburg beispielsweise auch die Verbraucherzentrale Hamburg beteiligt ist. "In diesem Rahmen haben wir sehr viele Veranstaltungen gegeben, um aufzuklären. Wir sehen uns als Stadt auch als eine Art Dienstleister, auch um Orientierung geben zu können."
Stüwe begrüßte ausdrücklich, dass die neue Bundesregierung mehr Transparenz im Fernwärmemarkt schaffen wolle. Es wird erwartet, dass eine Reform der sogenannten AVB Fernwärmeverordnung Transparenzpflichten schärft und erweitert. Aus Stüwes Sicht würde das die Akzeptanz von Fernwärmepreisen erhöhen.
Was das federführende Bundeswirtschaftsministerium dazu konkret plant und bis wann, blieb allerdings offen. Die zur Diskussion eingeladene Ministeriumsvertreterin Kerstin Deller, Leiterin der Unterabteilung II A "Grundsatzfragen Effizienz, Wärme und Wasserstoff", sagte kurzfristig ab.
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