Die Wärmewende kommt nur schleppend voran. Dabei ist der Wärmesektor mit einem Anteil von etwa 52 Prozent am Endenergiebedarf der energieintensivste Anwendungsbereich. Doch die Prognosen sind düster: Höchstwahrscheinlich wird der Gebäudesektor auch in diesem Jahr wieder die Klimaziele verfehlen. Was muss die künftige Bundesregierung tun, um den Wärmesektor zügig zu dekarbonisieren? Um diese und andere Fragen rund um die Wärmewende ging es beim Online-Politik-Talk des BEE, der unter der Überschrift „Mehr als heiße Luft?! Wie die kommende Regierungsperiode zur Legislatur der Wärme wird“ stand.
Julia Verlinden, die Sprecherin für Energiepolitik der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, betonte in der Debatte, dass man die Wärmewende nicht nur als Herausforderung sehen sollte, sondern auch als Chance im Sinne eines riesigen Konjunktur- und Investitionsprogramms für Wirtschaft und Handwerk. Es müsse darum gehen, sich unabhängig zu machen von fossilen Energien und steigenden Preisen. Die Bundestagsabgeordnete sprach sich dafür aus, die Wärmewende messbar zu machen, etwa durch klar definierte Ausbauziele für Erneuerbare und deren Einsatz im Gebäudesektor. Zu schaffen sei das alles nur, wenn man dabei auch die Energieeffizienz in den Blick nehme, mahnte Verlinden. Zudem müsse die neue Bundesregierung bei den bestehenden Förderprogrammen nachjustieren und Fehler der Vergangenheit vermeiden. Investitionen in Fossile sollten nicht mit Steuergeldern unterstützt werden, so die Grüne.
Bestand als Herausforderung
Für die CDU/CSU stellte Carsten Müller fest, dass das Thema Wärme in der Debatte über die Energiewende nach wie vor viel zu kurz komme. Dabei gebe es dort noch viel Potenzial. Der Bundestagsabgeordnete plädierte für ein Anreizsystem, das nicht nur den Neubau, sondern vor allem den Bestand in den Blick nehmen sollte. „Da liegen die eigentlichen Herausforderungen.“ Er plädierte für gut ausgestattete, unbürokratische Förderprogramme. Zudem müsse die Politik entschiedener gegen den Fachkräftemangel vorgehen. Wichtig sei auch eine bessere Sichtbarmachung des Nutzerverhaltens. Nicht allen sei klar, welche Konsequenzen z.B. ein bestimmtes Heizverhalten habe. Technologieoffenheit ist ein weiterer Punkt, der Müller wichtig ist. „Wir dürfen nicht alles mit der Wärmepumpe erschlagen. Das könnte die eine oder andere Enttäuschung nach sich ziehen“, ist er überzeugt.
VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing machte unmissverständlich klar, dass man im Wärmebereich ins Hintertreffen geraten sei. „Wir brauchen eine Aufholjagd.“ Der Verbandschef sprach von einer sehr diffusen Lage bei der Wärmeversorgung. „Daher kann es bei der Wärmewende nicht die eine Lösung geben, die von Berlin aus über die gesamte Republik ausgerollt wird.“ One size fits all – das werde nicht funktionieren. Es brauche differenzierte Lösungen. Die kommunalen Unternehmen seien bereit, die Wärmewende vor Ort umzusetzen. „Aber dazu brauchen sie auch gute Rahmenbedingungen.“
Liebing: Verpflichtende kommunale Wärmeplanung
Liebing sprach sich dafür aus, stärker als bislang auf das Instrument der kommunalen Wärmeplanung zu setzen. „Ohne eine solche regiert das Zufallsprinzip.“ Es spreche viel dafür, die kommunale Wärmeplanung flächendeckend verpflichtend einzusetzen und mit guten Förderprogrammen zu kombinieren. Insbesondere bei den Wärmenetzen braucht es nach Liebing längerfristig angelegte Programme. Es gehe hierbei um Planungssicherheit für die Unternehmen und das Handwerk. Niemand fahre seine Kapazitäten hoch, wenn die Förderung bereits nach fünf Jahren auslaufe.
Auf eine sozialverträglich ausgestaltete Wärmewende angesprochen, unterstützte Carsten Müller den unter anderem von BEE-Chefin Simone Peter gemachten Vorschlag, den technischen Ertüchtigungsstand der Immobilie zum Maßstab für die Umlagefähigkeit zu machen. Mehrkosten hälftig Eigentümern und Mietern überzuhelfen, sei der falsche Ansatz.
Wärmewende als soziale Frage
Auch Ingbert Liebing bekundete für seinen Verband ein großes Interesse daran, dass das Thema nicht zu einem „sozialen Sprengsatz“ werde. Es sei klar, dass sowohl Vermieter als auch Mieter einen Teil der Mehrkosten durch die Wärmewende tragen müssen. Wichtig sei ihm auch mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit, in den Debatten nicht nur einzelne Gebäude zu betrachten, sondern in Quartierslösungen zu denken. Richtig sei auch, dass Gebäudeeffizienz als Ansatz das System nicht einfacher mache. Kommunale Unternehmen hätten keinerlei Interesse an neuen bürokratischen Anforderungen für Versorger, mahnte er. (amo)



