Von Hans-Peter Hoeren
Die doppelte Wesentlichkeitsanalyse ist das Herzstück beim Aufbau einer Nachhaltigkeitsberichterstattung. Diese identifiziert die für das jeweilige Stadtwerk wesentlichen Felder, über die berichtet werden soll. Sie ist somit auch entscheidend für die angestrebte Unternehmenssteuerung über so genannte nicht-finanzielle Leistungsindikatoren.
Laut einer aktuellen Analyse von 28 Nachhaltigkeitsberichten von 14 großen deutschen und österreichischen Stadtwerken (darunter etwa MVV, Stadtwerke München und Duisburg, Entega) werden in der Branche aktuell etwas mehr als ein Dutzend Themen als wesentlich eingestuft und hoch priorisiert. Diese lassen sich in drei Dimensionen unterteilen:
• In der ökologischen Dimension stehen im Fokus: Energieeffizienz, (Treibhausgas-)Emissionen, Klimaschutzmaßnahmen, die Energie-, Wärme- und Mobilitätswende sowie eine zuverlässige und hochwertige Abfallentsorgung.
• Diesoziale Dimension umfasst vor allem die Themen: Gesundheitsschutz, die Attraktivität als Arbeitgeber, die Sicherheit der Dienstleistungserbringung, nachhaltige Städte und die Produktverantwortung.
• In der Governance-Dimension stehen ganz oben auf der Prioritätenliste: Compliance und Korruptionsbekämpfung, Sicherheit und Schutz von Daten, Industrie, Innovation und nachhaltige Infrastruktur sowie effiziente Betriebsabläufe.
Nach den EFRAG-Leitlinien führen diese drei Dimensionen zu knapp 200 Datenpunkten. In allen Stadtwerke sind folgende Berichtsstandards (ESRS) am höchsten priorisiert: SW ESRS E1: Klimawandel, ESRS S1: Eigene Arbeitskräfte und ESRS G1: Geschäftliches Verhalten.
"Versorgungssicherheit ist für alle Stadtwerke zentral"
Erstellt wurde die Untersuchung am Institut für Management Accounting der Johannes Kepler Universität Linz in Österreich. Für die Studie von Philumena Bauer und Dorothea Greiling wurden außerdem fünf Interviews mit österreichischen Stadtwerken geführt.
"Die Quintessenz der Studie ist, dass die analysierten Stadtwerke 14 Themen für sich als wesentlich identifiziert haben. Das Thema Versorgungssicherheit ist für alle Stadtwerke zentral", resümiert Dorothea Greiling im Gespräch mit der ZfK. Die meisten der betrachteten kommunalen Unternehmen seien aber noch nicht so weit, dass sie die generierten Nachhaltigkeitsdaten bereits strategisch einsetzten. Alle einbezogenen Stadtwerke haben auch schon in der Vergangenheit meist auf freiwilliger Basis Nachhaltigkeitsberichte veröffentlicht.
Während einige wenige der untersuchten Unternehmen ihre doppelte Wesentlichkeitsanalyse nach den ESG-Dimensionen bereits abgeschlossen und wesentliche Themen in ihre Unternehmensstrategie eingebettet haben, ist die strukturierte doppelte Wesentlichkeitsanalyse im Einklang mit der Umwelt-, Sozial- und Governance (ESG)-Systematik weit fortgeschrittten, aber die Bestandsaufnahme der relevanten Datenpunkte noch nicht abgeschlossen.
Komplexität der CO2-Bilanzierung
"Eine entsprechende Restrukturierung ihres Nachhaltigkeitsberichterstattungsprozesses ist noch voll im Gange. Dies führt zu einer Entwicklung mit zwei Geschwindigkeiten, bei der die Pioniere proaktiv eine ESG-Integration betreiben und schon sehr weit in ihrer ESG-Berichterstattung einschließlich der damit einhergehenden Key Performance-Indikatoren sind", erklärt Greiling weiter.
Eine zentrale Herausforderung für alle Stadtwerke sei die Komplexität der CO2-Bilanzierung, insbesondere der Scope-3-Bilanzierung, die beträchtliche Ressourcen binde und methodisch sehr anspruchsvoll sei. Bei der Implementierung der ESG-Berichterstattung fallen in allen Stadtwerken erhebliche Beratungskosten an und der Prozess ist auch sehr zeitintensiv.
Das Omnibus-I-Paket und der damit einhergehende Vorschlag der EU, die Vorgaben für eine künftige Berichterstattungspflicht deutlich zu lockern, habe die Planungsunsicherheit in der Branche verstärkt. Zur regulatorischen Unsicherheit trägt bei, dass vorgesehen ist, die Anzahl der berichtspflichtigen Datenpunkte zu reduzieren.
"Nachhaltigkeitsdaten sollten helfen, die Transformationsentwicklung zu monitoren"
"Grundsätzlich begrüße ich die vorgesehenen Erleichterungen und die Reduktion der Datenpunkte. Alle großen Stadtwerke, mit denen ich gesprochen habe, sind darüber erleichtert", berichtet Greiling. Die Nachhaltigkeitsberichterstattung sei kein Selbstzweck, die dazu diene mit großem personellen und zeitlichen Aufwand "neue Datenfriedhöfe und einen neuen Markt für Beraterdienstleistungen zu generieren". "Die Nachhaltigkeitsdaten sollten vielmehr dafür bestimmt sein, die Transformationsentwicklung des Unternehmens zu monitoren. Deshalb sollten sie mit der Unternehmensstrategie verknüpft werden", so die Professorin. Ein Stadtwerk könne man aber nicht anhand von Hunderten Datenpunkten, sondern "vielleicht seriös anhand von 20 steuern".
Insofern sind auch die wesentlichen Erkenntnisse der vorliegenden Untersuchung ein Beleg dafür, dass eine Begrenzung und Fokussierung auf die wirklich notwendigen Datenpunkte essentiell sei.
Proaktive Unternehmen sind im Vorteil
Die doppelte Wesentlichkeitsanalyse sei zentral, um die ESG-Berichterstattung auf die wesentlichen Themen zu reduzieren. Um die Gefahr des Greenwashings zu vermeiden und auch den besonderen Beitrag von Stadtwerken als Unternehmen der Daseinsvorsorge und damit der kritischen Infrastruktur sichtbar zu machen, sollte die ESG-Berichterstattung als Chance gesehen werden, die spezifischen Leistungen der kommunalen Versorger für einen breiteren Kreis an zentralen Anspruchsgruppen sichtbarer zu machen. Die Vorreiter bei den Stadtwerken könnten hier als Benchmarks dienen, während diejenigen, die ihren ESG-Ansatz noch entwickeln, Best Practices und externes Fachwissen nutzen könnten, um ihre Fortschritte zu beschleunigen.
Die Autorinnen sprechen sich aber gleichzeitig dezidiert gegen einen minimalistischen Berichterstattungsansatz aus. Aus ihrer Sicht ist es unerlässlich zur Stärkung der unternehmerischen Resilienz und der Darstellung des Wertschöpfungsbeitrags der Stadtwerke als Unternehmen der Daseinsversorgung, die hoch priorisierten wesentlichen Themen in die Unternehmensstrategie einzubetten.
Die Integration hoch priorisierter Themen in die Unternehmensstrategie stärke Reputation, Employer Branding und Resilienz. "Proaktive Stadtwerke haben Vorteile bei der Transformation ihres Geschäftsmodells und können ESG-Daten zur strategischen Neupositionierung nutzen", resümiert Dorothea Greiling. Das komplette Working-Paper finden Sie hier.
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Die CSRD und die Nachhaltigkeitsstrategien kommunaler Unternehmen sind auch ein Schwerpunktthema der ZfK-Nachhaltigkeitskonferenz am 17. Juni in Berlin. Dabei wird es auch um die Frage gehen, welche Handlungsoptionen die Stadtwerke jetzt haben, die aufgrund der jüngsten Vorschläge der EU (Omnibus I) künftig wohl nicht mehr berichtspflichtig sein werden. Hierzu sind neben Impulsvorträgen und moderierten Talks und Erfahrungsaustauschen auch vertiefende Workshops geplant. Zum Programm und zur Anmeldung geht es hier.
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