Das Pipeline-Verlegeschiff "Audacia" verlegt auf der Ostsee vor der Insel Rügen Rohre für die Ostsee-Erdgaspipeline Nord Stream 2. Pro Tag werden rund 1,6 Kilometer Rohre im Bauch des Schiffes zusammengeschweißt (Archivbild von November 2018).

Das Pipeline-Verlegeschiff "Audacia" verlegt auf der Ostsee vor der Insel Rügen Rohre für die Ostsee-Erdgaspipeline Nord Stream 2. Pro Tag werden rund 1,6 Kilometer Rohre im Bauch des Schiffes zusammengeschweißt (Archivbild von November 2018).

Archivbild: © Stefan Sauer/dpa

Zusätzliche Filter in Kläranlagen sollen künftig dafür sorgen, dass weniger Nährstoffe in die Rügenschen Boddengewässer gelangen. 70 Tonnen Stickstoff (N2) und drei Tonnen Phosphor (P2) sollen pro Jahr in den Klärwerken Bergen, Göhren, Greifswald und Stralsund zurückgehalten werden. Das teilte Mecklenburg.-Vorpommerns Agrar- und Umweltminister Till Backhaus (SPD) am Montag beim Besuch der Kläranlage in Bergen mit. Die Filter zahlt der Investor Nord Stream AG als Ausgleich für (andere) Umweltschäden, die beim Bau der zweiten Ostseepipeline für russisches Erdgas im deutschen Küstenmeer und an Land entstanden.

Backhaus räumt ein, angesichts der 830 000 Tonnen Stickstoff und 33 000 Tonnen Phosphor, die die Anrainerstaaten jährlich in die Ostsee einleiten, seien die aus den Klärwerken gefilterten Mengen gering. Für den allergrößten Anteil der Nährstoffe in der Ostsee sei die Landwirtschaft verantwortlich. Allein Mecklenburg-Vorpommern müsse den Eintrag an Stickstoff um 5000 Tonnen jährlich reduzieren, um seinen Anteil zu dem Ziel beizutragen, die Ostsee bis 2021 in einen guten ökologischen Zustand zu versetzen.

Kompromiss mit Bauern

Allerdings zählt Backhaus zufolge für den Kleinen Jasmunder Bodden, der um 16 Tonnen Nitrat (NO3-) jährlich entlastet werde, und für den Greifswalder Bodden als Kinderstube des Ostseeherings jede Tonne, die weniger in die Gewässer gelange. Der Kleine Jasmunder Bodden ist ein schwach salzhaltiger Binnensee auf Nordrügen, der Greifswalder Bodden die Ostsee-Bucht zwischen Rügen, Greifswald und Lubmin, dem Anlandepunkt von Nord Stream 1 und 2.

Die Zusatzfilter waren jedoch ein Kompromiss. «Mein Traum war eine grüne Lunge um den Kleinen Jasmunder und den Greifswalder Bodden», sagte Backhaus. Ein 300 bis 400 Meter breiter Streifen aus Wiesen und Weiden sollte entstehen. Landwirte liefen Sturm dagegen, bestes Ackerland in Grünland umzuwandeln.

Sandfilter und Alkohol

Die Kosten für den Bau der Sandfilteranlagen betragen mehr als zehn Millionen Euro. In Bergen fließt das schon geklärte Abwasser aus dem Nachklärbecken durch die Sandfiltration und verliert dabei alle festen Bestandteile. Zuletzt wird dosiert Alkohol zugesetzt. Bakterien nehmen diesen auf und verbrauchen den im Nitrat gebundenen Sauerstoff. Übrig bleibe ein klimaneutrales Gas. Der Sand werde gereinigt, der Klärschlamm verbrannt.

Neben dem Werk entstand Mecklenburg-Vorpommerns erste Verbrennungsanlage für Klärschlamm. Der Zweckverband Wasserversorgung und Abwasserbehandlung Rügen (ZWAR) übernahm die Anlage Ende Juni. Sie sei weltweit die kleinste ihrer Art, sagte Betriebsleiter Maik Bankowski. Pro Jahr würden 2500 Tonnen Klärschlamm von der ganzen Insel verbrannt und daraus Wärme und Strom gewonnen.

Auch für Polder und Fischlandwiesen

Nord Stream setzt in Mecklenburg-Vorpommern Ausgleichsmaßnahmen im Umfang von 40 Millionen Euro um, sagte ein Unternehmenssprecher. Weitere Vorhaben der Gazprom-Tochter sind der Polder Bargischow (Vorpommern-Greifswald), wo 440 Hektar wieder unter Wasser gesetzt werden sollen, sowie die Renaturierung der Fischlandwiesen auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst.

Nord Stream 2 ist derzeit im Bau und ost- sowie energiepolitisch in Europa umstritten: Die alte EU-Kommission ist faktisch genauso dagegen wie Polen, die Ukraine, die baltischen Länder und der gescheiterte Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei, Manfred Weber. Die deutsche Politik ist, abgesehen von den Grünen, weitgehend dafür. Die Röhre würde pro Jahr bis zu 55 Mrd. Kubikmeter westsibirisches Erdgas zusätzlich in Lubmin anlanden, das dann über andere Ableitungsröhren auch nach Westeuropa und nach Tschechien weitertransportiert wird. Nord Stream 1 mit der gleichen Maximalkapazität ist seit Ende 2011 in Betrieb.

Westeuropäische Konzerne bei Nord Stream

Die Betreibergesellschaft, eine AG mit Sitz in Zug (Schweiz), gehört zu 51 Prozent dem russischen Produzenten Gazprom. Weitere Aktionäre sind

  • die BASF-Tochter Wintershall Dea,
  • der Eon-Konzern,
  • der holländische staatliche Ferngasnetzbetreiber Gasunie und
  • der französische Energiekonzern Engie (früher GDF Suez). (dpa/geo)
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