Einige Probleme der Sicherheit der Wasserversorgung sollen darauf zurückzuführen sein, dass die Wasserinfrastruktur in Deutschland zum Teil überaltert ist. Wie schätzen Sie die Lage ein? Wie groß ist der Investitionsstau und spielt dieses Problem im Zusammenhang mit der Versorgungssicherheit eine Rolle?
Norbert Jardin:Ich bin davon überzeugt, dass die Wasserwirtschaft insgesamt – und das betrifft sowohl die Abwasserwirtschaft als auch die Trinkwasserwirtschaft – ihre Hausaufgaben in der Vergangenheit sehr gut erledigt hat. Was wir im Straßenverkehr an manchen Stellen erleben, dass Brücken gesperrt werden, weil sie nicht mehr ausreichend tragfähig sind, ist uns in der Wasserwirtschaft bisher nicht passiert und wird uns wahrscheinlich auch nicht passieren. Denn wir haben in den letzten Jahrzehnten sehr bewusst Werterhalt betrieben.
Allerdings kommen wir nun zunehmend in eine Phase gesteigerter Reinvestitionstätigkeit. Im Bereich der Abwasserwirtschaft haben wir beispielsweise in unserem eigenen Unternehmen bereits im Jahr 1990 mit Modernisierungen begonnen und bis zum Jahr 2005 alle unsere Kläranlagen an die aktuell geltenden Anforderungen angepasst. Hierfür hat der Ruhrverband im Zeitraum von 1989-2005 insgesamt 1,6 Mrd. Euro aufgewandt. Dies heißt damit natürlich auch, dass viele Anlagen mittlerweile in einem Alter sind, das Reinvestitionen in den nächsten Jahren unbedingt erforderlich macht. Darauf bereiten wir uns – wie viele andere Abwasserunternehmen im Augenblick auch – intensiv vor.
Die Landwirtschaft ist ja momentan ein eher geringer Faktor bei der Nutzung. Es gibt aber Studien, dass sich der Verbrauch wesentlich erhöhen könnte ...
Also man sollte nicht dem Trugschluss erliegen, dass der landwirtschaftliche Wasserbedarf bundesweit von untergeordneter Bedeutung ist. Zwar stimmt dies in der bundesweiten Bilanz, wonach tatsächlich nur wenige Prozentpunkte des Wasserverbrauchs für landwirtschaftliche Zwecke verwendet werden. Regional hat das aber natürlich eine große Bedeutung. Vor allem da, wo hohe landwirtschaftliche Bedarfe auf ausgeprägte Trockenheit und Wasserstress stoßen, beispielsweise in den ostdeutschen Bundesländern, die schon seit einigen Jahren unter zunehmender Trockenheit leiden. Dort kann durch die Landwirtschaft tatsächlich ein erheblicher Nutzungsdruck bei insgesamt nur begrenzt zur Verfügung stehenden Wasserressourcen entstehen.
Die Landwirtschaft hat einen großen Anteil an der Wasserverschmutzung. Wie schätzen Sie dieses Thema ein?
Bei diesem Thema geht es ja in erster Linie um die Grundwasserverschmutzung durch Nitrat und daneben auch um Pflanzenschutzmittel. Auch hier ist die Situation regional höchst unterschiedlich. Wo intensiv Viehwirtschaft betrieben wird, das ist beispielsweise in Teilen Niedersachsens so, aber auch bei uns in Nordrhein-Westfalen, im Münsterland oder am Niederrhein, da finden wir sehr hohe Nitratkonzentrationen im Grundwasser, und das schon seit Jahrzehnten. Alle Ansätze, dieses Problem zu verringern, müssen daher auch den regionalen Rahmenbedingungen Rechnung tragen. Was aber für die Wasserwirtschaft völlig klar ist: Wir brauchen einen anderen Umgang mit Gülle, um die resultierenden Nährstoffeinträge in den Wasserkreislauf zu reduzieren.
Ein Stichwort, das im Zusammenhang mit neuen Ansätzen in der Wasserwirtschaft genannt wird, ist Water-Re-Use. In südlichen Ländern ist das durchaus üblich. Ist das auch für Deutschland sinnvoll?
Water-Re-Use, also die Wiederverwendung von gereinigtem Abwasser, ist keine neue Entwicklung, sondern das gibt es weltweit schon in ganz vielen Regionen seit langer Zeit. Diese Wasserwiederverwendung ist seit Jahrzehnten geübte Praxis und wird auch mit großem Erfolg praktiziert. Für Südeuropa wird das ein Teil der Lösung sein müssen, um die zunehmende Wasserknappheit in bestimmten Regionen – in Spanien, in Portugal, aber auch in Italien – zu lindern.
In Deutschland sehe ich das persönlich eher in regionalem Maßstab. Ich hatte schon auf die Situation in Ostdeutschland hingewiesen: Da will ich nicht ausschließen, dass es an der einen oder anderen Stelle durchaus sinnvoll sein könnte, über eine Wasserwiederverwendung in der Landwirtschaft nachzudenken. Ich sehe das aber nicht flächendeckend in Deutschland. (hp)
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