Welche Auswirkungen haben die anhaltend hohen Temperaturen auf die Wasserversorgung in Deutschland?
Jeder von uns verbraucht täglich rund 120 Liter Trinkwasser, an heißen Tagen sogar mehr. Trinkwasser ist in Deutschland überall, jederzeit und zu höchster Qualität verfügbar. Dafür sorgen die bundesweit über 5800 Wasserversorger. Da eine dauerhafte Verfügbarkeit auf höchstem Niveau sichergestellt wird, ist Trinkwasser für viele Menschen längst selbstverständlich geworden. Wir sollten uns insbesondere an heißen Tagen wie diesen bewusstmachen, dass Wasser ein wertvolles Gut ist, auch wenn es mit nur 1,80 Euro pro tausend Litern vergleichsweise günstig ist. Aber der Klimawandel geht auch an der Wasserversorgung in Deutschland nicht spurlos vorbei. Einen Extremsommer können die Versorger gut verkraften. Problematisch kann es werden, wenn Hitzeperioden gehäuft vorkommen. In diesem Jahr – ähnlich wie 2018 – gehen wir nicht von einer akuten Verknappungssituation aus, zumal Versorger sich noch besser als in der Vergangenheit in Engpasssituation vernetzen.
Wann würde die Lage kritisch und welche Notfallpläne gibt es?
Deutschland ist ein wasserreiches Land. Weniger als drei Prozent der Wasserressourcen werden für die öffentliche Trinkwasserversorgung genutzt. Niemand muss daher Angst haben, dass zu Hause plötzlich kein Wasser mehr aus dem Hahn kommt. Versorgungsunterbrechungen in Deutschland haben meist technische Gründe und sind extrem selten: Insgesamt und hochgerechnet auf das gesamte Netz mit über 530.000 Kilometern nur zwei bis drei Minuten pro Jahr. Hitzeperioden bedeuten einen Stresstest für die Wasserversorgung. Lange Trockenheit kann zu geringeren Grundwasserneubildungen und damit zu einer Verknappung der nutzbaren Wasserressourcen führen. Hinzu kommt, dass bei großer Hitze der Wasserbedarf der Bevölkerung ansteigt. Mancherorts, zum Beispiel in Hessen oder Niedersachsen, meldeten örtliche Versorger im Juni neue Rekordwerte bei der täglichen Wasserabgabe. Und was Notfallpläne betrifft: Ja, die gibt es. Sie sind aber höchst unterschiedlich, da die regionalen Gegebenheiten nicht vergleichbar sind.
Experten sagen mit Bezug auf den Klimawandel, dass extrem heiße Sommer auch in Deutschland eher die Regel als die Ausnahme sein werden. Wie also schützen wir unser Wasser in Zukunft?
Die Tipps zum sorgsamen Umgang mit dem Trinkwasser verfestigen sich immer stärker in den Köpfen der Menschen. Stundenlanges Autowaschen und Garten-Bewässern bei knapp 40 Grad ist für die meisten tabu. Uns ist als Branchenvereinigung für die Trinkwasserversorgung in Deutschland aber etwas Anderes wichtig: Die öffentliche Wasserversorgung muss immer Vorrang zur Nutzung der Ressourcen gegenüber anderen, zum Beispiel der Landwirtschaft oder der Industrie haben. Nur so kann die Ressource Wasser dauerhaft – und gerade in Extremsituationen – im Sinne der Daseinsvorsorge für die Gesellschaft insgesamt nachhaltig genutzt werden. Die Realität aber ist leider eine andere: Die konkurrierenden Nutzungsansprüche machen den Versorgern zunehmend zu schaffen. Mit Blick auf die Bedeutung von Trinkwasser als Lebensmittel Nummer Eins und als Grundlage von Wirtschaft und Gesellschaft müssen Kommunen den Belangen der öffentlichen Trinkwasserversorgung zwingend eine höhere Priorität beimessen. Diesen Vorrang für Trinkwasser gegenüber konkurrierender Nutzung beabsichtigen wir, klar in unserer Gesetzgebung verankert zu sehen.
Dirk Waider ist seit 2013 Vorstandsmitglied der Gelsenwasser AG. Waider trat 2003 in das Wasser- und Energieversorgungsunternehmen mit Hauptsitz in Gelsenkirchen ein. Zunächst war er dort Leiter der Stabsstelle strategische Geschäftsentwicklung und seit 2008 Prokurist und Hauptabteilungsleiter „Unternehmensentwicklung“.Waider gehört dem DVGW-Bundesvorstand seit September 2013 an. Zudem ist er aktuell Vorsitzender des Forschungsbeirates Wasser. (ls)
