Bild: © Stadtwerke Heidelberg

Der offizielle Start des Rollouts intelligenter Messsysteme beginnt mit der Markterklärung, die das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) abgibt. Ab dann, gilt die Frist für die Mindest-Rolloutquote von zehn Prozent aller Pflichteinbaufälle, die in drei Jahren installiert sein müssen.

Was bewirkt ein verzögerter Rollout?

Damit diese Markterklärung geschieht, müssen mindestens drei verschiedene Smart-Meter-Gateways von der Behörde zertifiziert sein. Bislang hat dies noch kein Hersteller geschafft, auch wenn einige in den letzten Monaten Erfolge verkünden konnten, indem Sie die eichrechtliche Zulassung erhalten haben, oder den sogenannten Lebenszyklus-Test begonnen oder auch schon erfolgreich beendet haben, wie unlängst EnBW mit Landis + Gyr.

Der BDEW geht inzwischen davon aus, dass die Markterklärung nicht mehr in diesem Jahr erfolgen wird. Die ZfK fragte nun Zähler-Hersteller, Versorger und Smart-Meter-Gateway-Dienstleister, wie sie diese Einschätzung bewerten. Und welche Auswirkungen das hat.

MVV Energie: Branche bleibt nicht mehr viel Zeit – der Druck aus Messstellenbetreiber wächst

Gerald Hornfeck, Geschäftsführer der Soluvia Metering GmbH – Metering-Gesellschaft der Mannheimer MVV Gruppe – teilt die Einschätzung des BDEW. Wenn überhaupt, rechne man damit, dass im Laufe des Jahres nur ein Gateway zertifiziert sein wird.

Dass sich der Zertifizierungsprozess immer weiter verzögere, nennt er ernüchternd, da man sich bereits intensiv auf den Rollout-Beginn vorbereitet habe. Zudem bleibe der Branche nicht mehr viel Zeit: Waren ursprünglich acht Jahre für den Rollout vorgesehen, so verbleiben bei dem aktuell fixen Enddatum 2024 nur noch sechs Jahre. Für Messstellenbetreiber und Servicedienstleister verdichte sich die Belastung stark, wenn das Messstellenbetriebsgesetz nicht angepasst wird.

Rheinenergie: Energiewirtschaft hat bereits hohe Investitionen getätigt

Der Vertriebsvorstand der Rheinenergie Achim Südmeier weist darauf hin, dass die Energiewirtschaft bereits hohe Investitionen getätigt habe, um einen reibungslosen und vor allem kundenfreundlichen Rollout zu gewährleisten. Mit dem Ausbleiben der Markterklärung gerate die für die Energiewende nötige Digitalisierung der Elektrizitätsversorgung ins Stocken.

"Das BSI sollte nun alles daran setzen, die rechtssichere Markterklärung schnellstmöglich herbeizuführen. Nur so haben wir Planungssicherheit, können die noch offenen technischen Fragen klären und dann auch mit dem Rollout beginnen", so Südmeier.

Schleupen: Kunden können ihre neuen Geschäftsmodelle nicht in die Praxis umsetzen

Volker Kruschinski, Vorstandsvorsitzender von IT-Schmiede Schleupen, sieht seine Kunden durch diese Verzögerung massiv in ihrem Geschäft behindert. "Sie haben bereits – teilweise sehr hohe – Investitionen getätigt, die sie nicht nutzen können. Sie sind nicht in der Lage, ihre neuen Geschäftsmodelle in die Praxis umzusetzen und sie können letztlich auch nicht die von der Politik gestellten Anforderungen erfüllen", so Kruschinski.

Landis+Gyr: Deutschland droht im internationalen Vergleich zurückzufallen!

Gateway-Hersteller Landis+Gyr hat Verständnis, dass Sicherheit und Datenschutz höchste Priorität haben. Man arbeite in der Zertifizierung eng und partnerschaftlich mit den zuständigen Stellen zusammen.

"Grundsätzlich wünschen wir uns eine möglichst zügige Markterklärung", sagt Thorsten Klöpper, Geschäftsführer Landis+Gyr Deutschland und Österreich. Deutschland drohe sonst beim Netzausbau im internationalen Vergleich weiter zurückzufallen.

PPC: Markterklärung kommt noch dieses Jahr!

Dass die Markterklärung noch dieses Jahr erfolgt, ist sich Ingo Schönberg, Vorstandsvorsitzender von PPC, einem weiteren Gateway-Hersteller, sicher. "Auch das BSI ist hochmotiviert, die Zertifizierungsverfahren zeitnah ins Ziel zu bringen", verdeutlicht Schönberg. Die Lebenszyklus-Tests laufen ihm zufolge gut, die Interoperabilität mit modernen Messsystemen habe man ebenfalls nachweisen können.

Drewag: Verzögerungen sind gerechtfertigt!

Die Drewag hingegen sieht eine weitere Verzögerung gerechtfertigt und notwendig, "da die Geräte, Systeme und Prozesse noch nicht die notwendige Reife und Stabilität für einen massenhaften Rollout aufweisen", sagt Tino Ellger, Projektleiter für die Einführung intelligenter Messsysteme und moderner Messeinrichtungen bei den Dresdnern.

Eine überstürzte Markterklärung hätte erhebliche Folgen auf die Branche und die Kunden. Es bedürfe auch mit drei verfügbaren Smart-Meter-Gateways noch einer ausreichenden produktiven Testphase, bevor der Startschuss falle.

Kinderkrankheiten beseitigen!

Die Verzögerung sehe man als Chance, mehr Sicherheit und Stabilität für die eigenen Kunden zu schaffen, indem existierende Kinderkrankheiten durch ausgedehnte Testphasen und einhergehende System- und Prozessoptimierungen beseitigt werden können.

Als proaktives Unternehmen auf diesem Gebiet habe die Drewag einen sehr hohen Qualitätsanspruch an sich selbst und die Produkte, die man den Kunden anbiete. Deshalb setze man auf ein möglichst hohes Maß an Interoperabilität.

Eon Metering: Intelligente Messsysteme sind essenziell!

Dienstleister Eon Metering hingegen, wünscht sich, dass der Rollout bald startet. Schließlich könne man Erfahrungen letztlich nur in der Praxis sammeln, sagt Paul-Vincent Abs, Geschäftsführer der Eon-Tochter.

Wegen paralleler technischer Entwicklungen zu den intelligenten Messsystemen sehe man die Gefahr, dass Chancen vergeben werden. "Die steigende Anzahl an Erneuerbaren sowie Elektroautos in ein Smart-Grid einzubinden, ist mit diesen unsicheren Techniken nicht möglich", so Abs. Die intelligenten Messsysteme seien für eine erfolgreiche Digitalisierung der Energiewende essenziell.

Smartoptimo: Es gibt noch viele weitere Aufgaben!

Auf einen weiteren Punkt weist Fritz Wengeler, Geschäftsführer von Smartoptimo hin: Neben der Verfügbarkeit von zertifizierten Gateways gebe es noch eine Menge an To-Dos abzuarbeiten, bevor die intelligenten Messsysteme in Betrieb genommen werden können. Beispielsweise:

  • eine ausgereifte Anbindung von nachgelagerten (ERP)-Systemen bei Stadtwerken,
  • effiziente Prozesse für die Beschaffung und Inbetriebnahme von intelligenten Messsystemen wie sichere Lieferkette, Implementierung von elektronischen Bestell- und Lieferschein, Umgang mit signierten Konfigurationsdateien,
  • Telekommunikationsinfrastrukturen für stabile WAN-Anbindungen von Gateways,
  • Konzepte und Prozesse für den lokalen Zugriff von Letzverbrauchern und Servicetechnikern auf die HAN-Schnittstelle, etwa die Bereitstellung von Zugangsdaten für das Transparenzdisplay oder Servicetechnikerzertifikate,
  • Konzepte für die Anbindung von Steuerbox-Geräten,
  • sicherer Umgang mit Firmwareu-Udates auf den Gaetways,
  • störungsfreie Abläufe für Zertifikatswechsel von Gateways, Administrator und externen Marktteilnehmern.


Diese Punkte seien zwingend erforderlich, um betriebsbereit zu sein, wenn die Markterklärung durch das BSI erfolge.

Näheres zur Taskforce des BDEW

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hat inzwischen eine Taskforce zum Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) gegründet. Im Verband sei die Sorge groß, dass die aktuellen Diskussionen sowie die anspruchsvollen technischen und gesetzlichen Vorgaben des Gesetzes in eine Sackgasse führen und der Zukunftsvision einer flächendeckenden Smart-Grid-Infrastruktur zuwider laufen, so ein BDEW-Pressesprecher.

Deutschland könnte ein miserables Bild bei der Einführung intelligenter Messsysteme abgeben. Die Taskforce soll nu klären, ob und wenn ja, welche konstruktiven Vorschläge in Richtung der Behörden und des Gesetzgebers entwickelt werden können, um das Projekt Digitalisierung der Energiewirtschaft wieder in Schwung zu bringen. (sg)

Weitere Aspekte zum verzögerten Smart-Meter-Rollout finden Sie in der aktuellen ZfK auf Seite 19. Das Abo gibt es hier.




 




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