Herr Edelmann, der Verband BNE schließt aus der Punkteverteilung zum Barometer zur Digitalisierung der Energiewende, dass Deutschland gerade mal die Note "mangelhaft" erreicht …
Bei dem Barometer geht es nicht darum, Schulnoten zu verteilen oder irgendjemandem den "Schwarzen Peter" zuzuschieben. Natürlich kann zwei Jahre nach dem Inkrafttreten des Gesetzes zur Digitalisierung der Energiewende, kurz GDEW, noch nicht alles zu 100 Prozent umgesetzt sein. Die Digitalisierung der Energiewende ist ein Weg – ein sehr langer Weg – auf dem bereits viele Schritte gemacht wurden. Natürlich könnte es an der einen oder anderen Stelle deutlich schneller gehen. Dazu bedarf es vor allem der Überwindung von Partikularinteressen einzelner Marktteilnehmer.
Im Übrigen: der BNE scheint noch nicht gemerkt zu haben, dass er im gleichen Boot sitzt. Zur Punktverteilung haben auch der BNE und seine Mitglieder beigetragen. Auch sie gehören mit zu denjenigen, die das GDEW umzusetzen haben. Mit Vorschlägen wie der Selbstzertifizierung durch die Industrie, die kontraproduktiv zum Ziel sind, ein angemessenes Maß an Datenschutz und Datensicherheit zu gewährleisten, trägt der BNE mit zu einer Verunsicherung im Markt bei. Auch das hindert die zügige Umsetzung des Gesetzes.
Trotz aller Kritik: Gibt es auch etwas Positives zur Digitalisierung der Energiewende?
Absolut. Wir sehen eine Vielzahl an Aktivitäten in Behörden, Verwaltung, bei den Energieunternehmen wie auch in der Industrie. Neue Geschäftsmodelle werden entwickelt und der Gedanke, das Smart Meter Gateway als umfassende Kommunikationsplattform im Gebäude zu etablieren hat sich bei dem einen oder anderen bereits durchgesetzt.
Im Barometer heißt es: "Die Gefahr eines Scheiterns besteht". Wo sehen Sie hier die Gefährdungspunkte und was würde ein Scheitern bedeuten?
Wir sehen die Gefahr, dass Energie- und Verkehrswende scheitern könnten, wenn wir nicht mehr Intelligenz in die Netze bekommen. Und das Smart Meter Gateway ist dabei die entscheidende Schnittstelle zwischen den einzelnen Marktteilnehmern. Die massenhafte Integration von dezentralen Erzeugungseinrichtungen und der Elektromobilität benötigt detaillierte, möglichst Echtzeit-Informationen über den Netzzustand teilweise bis in den einzelnen Strang der Verteilnetze hinein. Denn neue Geschäftsmodelle rund um die Elektromobilität oder die Aggregation vieler dezentraler Erzeugungs- und Speichereinrichtungen werden auf Dauer nur über eine sichere Kommunikation und hohe Transparenz über den aktuellen Netzzustand möglich sein. Zusätzlich benötigt der Verteilnetzbetreiber die Möglichkeit, bei Bedarf steuernd einzugreifen, um Netzengpässe zu vermeiden. Die Alternative dazu wäre der übermäßige Ausbau der Verteilnetze. Damit würde die Energie- und die Verkehrswende jedoch sehr viel teurer und insbesondere in den Innenstädten baulich fast gar nicht durchführbar werden. Dies würde letztlich zu großem Widerstand in Industrie und der Bevölkerung und zum Scheitern der Energie- und der Verkehrswende führen.
Sehr wichtig war es Ernst & Young auf den Plattformgedanken der intelligenten Messgeräte hinzuweisen. Warum tut sich die Energiewelt so schwer, hier umzudenken?
Weil die Menschen es gewohnt sind linear zu denken, das heißt in Zuständigkeitsbereichen, abgegrenzten Aufgabengebieten und einem Schritt nach dem anderen. Mit der digitalen Revolution gewinnt jedoch das systemische und vernetzte Denken massiv an Bedeutung. Die Digitalisierung beruht auf exponenziellen Veränderungen, die sich mit dem linearen, oft auch hierarchischen und bürokratischen Denken der Vergangenheit, nicht bewältigen lassen. Dieser Umdenk- und Lernprozess braucht einfach Zeit. Da die Energiewirtschaft aufgrund von Regulierung und vielen gesetzlichen Regelungen teilweise noch in einem geschützten Raum agiert, dauert dieser Prozess in der Energiewirtschaft naturgemäß etwas länger als in anderen Branchen.
Sie sprechen sich bei der Kommunikationsanbindung für 450-MHz-Lösungen aus. Was können diese Lösungen besser als andere?
Eine 450-MHz-Lösung hat gleich mehrere Vorteile: Erstens verfügt diese Frequenz über eine hohe Durchdringungsrate für Deep-indoor-Verbindungen, das heißt über die Möglichkeit bis zum Zählerschrank in den Keller vorzudringen. Zweitens könnte mit einer 450-MHz-Lösung die Schwarzfallfestigkeit relativ kostengünstig sicher gestellt werden, weil im Vergleich zu anderen TK-Lösungen weniger aktive Netzkomponenten mit Batterien oder Notstromversorgung ausgestattet werden müssen. Somit besteht Konnektivität auch im Falle eines Blackouts. Dezentrale Erzeugungseinrichtungen könnten im Spannungsabfall schnell gezielt angesprochen werden. Und drittens könnte hier eine separate Frequenz für die Zwecke der Energiewirtschaft bereit gestellt werden, die nicht in Konkurrenz zu anderen Massenmarktanwendungen steht. Dabei würde, um das klar zu stellen, die Lösung nicht nur für die Anbindung der Smart Meter Gateways genutzt werden können, sondern zusätzlich auch für andere energiewirtschaftliche Zwecke wie dem Betriebsfunk der Verteilnetzbetreiber.
Die Entwicklung der Gateways dauert zu lange, das sagen 87 Prozent der befragten Energieversorger. Jetzt hat das BSI schon wieder die Markterklärung verschoben. Verzweifelt man da nicht langsam?
Deutschland hat mit dem Smart Meter Gateway einen regulatorisch aufwendigen Weg beim Rollout intelligenter Messsysteme gewählt, um ein Höchstmaß an Datenschutz und Datensicherheit für die kritische Infrastruktur der Stromversorgung gewährleisten zu können. Das ist kein einfacher Weg. Es wird sich nach meiner Überzeugung aber am Ende lohnen – wenn man ihn konsequent geht. Die Vielzahl an Hacker-Angriffen und Vorfällen im Bereich des Datenschutzes zeigen die Notwendigkeit nur allzu deutlich, diesen Weg auch zu gehen. Dieser Weg rechnet sich aber nur, wenn die Unternehmen das Smart Meter Gateway tatsächlich auch als Plattform für eine Vielzahl an Anwendungen nutzen. Wenn mit einem intelligenten Messsystem nur Stromverbrauchsdaten ausgelesen werden, würden die Unternehmen viel Potenzial verschenken.
Die Gefahr besteht, dass sich die Zählerwelt abseits des Gateways abspielt. So funken zum Beispiel moderne Messeinrichtungen über LoRaWAN ihre Zählerstände vorbei am intelligenten Messsystem an den Endkunden. Wie kann man hier gegensteuern?
Das Bewusstsein für Datenschutz und Datensicherheit ist sowohl bei Unternehmen als auch beim Endkunden noch weiter zu schärfen. Auch hier mangelt es oft an der systemischen und ganzheitlichen Sicht: So reicht es zum Beispiel nicht aus, einen verschlüsselten Kommunikationsweg zu nutzen, um damit vermeintlich Datenschutz und Datensicherheit sicher zu stellen. Bereits bei der Produktion und der Installation der Messeinrichtungen kann es zu Manipulationen kommen. Um dies zu verhindern, hat das BSI das Konzept der sicheren Lieferkette beim Smart Meter Gateway eingeführt. Mit der Markterklärung wären damit auch andere Lösungen am Gateway vorbei nicht mehr gesetzeskonform und nur als Übergangslösung anzusehen.
Auch ist die Bevölkerung noch unzureichend informiert, was den Rollout der modernen Zähler und Gateways anbetrifft. Das Bundeswirtschaftsministerium will hier eine Kampagne starten oder hat diese schon gestartet.Nur: man merkt davon nicht viel.
Momentan ist das aus meiner Sicht noch nicht kritisch. Spätestens wenn der Rollout intelligenter Messsysteme beginnt, ist eine umfassende Information der Bevölkerung jedoch zwingend notwendig. Die Information der Bevölkerung sollte dabei an vielen Punkten ansetzen und auch durch viele Parteien erfolgen. Dabei steht man vor der Herausforderung, einerseits der Komplexität der Thematik gerecht zu werden, dies andererseits aber so zu verpacken, dass die Bevölkerung auch tatsächlich mitgenommen wird. Ich halte es da mit Einstein: "Everything must be made as simple as possible. But not simpler".
Was ist Ihrer Meinung nach der springende Punkt, damit die Digitalisierung der Energiewende endlich vorankommt?
Die Digitalisierung kann nicht mit den Rezepten und Strukturen der Vergangenheit erfolgreich gemeistert werden. Dies betrifft das Denken und Handeln in Behörden, Verwaltung wie auch in der Industrie und der Energiewirtschaft. Vor allem der System- und Plattformgedanke des Gesetzes muss stärker gelebt werden. Wenn immer nur Partikularinteressen verfolgt werden, wird die Digitalisierung der Energiewende nur sehr langsam vorankommen. Daher ist eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten notwendig, in der gemeinsam auf das Ziel der Digitalisierung der Energiewende hingearbeitet wird. Dazu bedarf es von Seiten des BMWi eines stringenten, personell stärker besetzten Projektmanagements als bisher, von Seiten der Industrie mehr Veränderungswillen und eine höhere Veränderungsbereitschaft.
Die Fragen stellte Stephanie Gust



