Preisturbulenzen nicht ausgeschlossen: Der Kohleausstieg wird zum Stresstest für Regierung und Energieversorger.

Preisturbulenzen nicht ausgeschlossen: Der Kohleausstieg wird zum Stresstest für Regierung und Energieversorger.

Bild: © EEX

Die Großhandelspreise von Strom und CO2 steigen weiter an, auf Niveaus, die schon seit Jahren nicht mehr gesehen wurden: Die Grundlastlieferung nach Deutschland für das gesamte Jahr 2019 verteuerte sich an der Energiebörse EEX übers Wochenende, an dem kein Terminhandel stattfindet, im Abrechnungspreis von 49,27 auf 50,47 Euro pro MWh.

Dass das Produkt über 50 Euro notiert, hatte man seit 19. November 2012 nicht mehr gesehen. Das ergeben ZfK-Berechnungen von EEX-Zahlen. Damals hatte der letzte Preis bei 50,25 Euro pro MWh gelegen, für die deutsch-österreichische Lieferung ins damalige Frontjahr, 2013. Die Vergleichbarkeit zwischen der reinen Lieferung nach Deutschland und dem Lieferprodukt für Deutschland oder Österreich ist gegeben, weil die Preise stark korrelieren.

Frontjahr Base jetzt fünf Euro teuer als im Vormonat

Das Maximum in diesem Juli hatte für das Frontjahr Base noch bei 45,46 Euro pro MWh gelegen, der Durchschnitt bei 44,42 Euro, so ZfK-Berechnungen.

Markt rechnet mit Verbilligung 2020 bis 2022

Grundlast für die Folgejahre lag am Montag im Abrechnungspreis noch deutlich unter 50 Euro: Die preisgünstigsten Angebote lagen am Montag bei 46,82 Euro pro MWh für 2020, dann ging das Niveau herunter bis auf 39,20 Euro pro MWh als das Schnäppchen für 2022. Für weiter weg liegende Jahre gab es keine hinreichende Handelstätigkeit.

Frontjahr Peak überschreitet die 60

In der Spitzenlast Frontjahr, also der Lieferung von 8 bis 20 Uhr montags bis freitags an allen 365 Tagen des Jahres 2019, bewegt sich der börsliche Großhandel schon seit Mitte Mai oberhalb von 50 Euro pro MWh. Übers Wochenende bis Montag wurden die 60 Euro deutlich überschritten: von 59,50 auf 60,91 Euro Abrechnungspreis.

Beim Off-Peak-Jahresfuture für die Nachtstunden und Wochenenden von 2019 zeigt die Entwicklung seit diesem Monat ebenfalls stetig stark nach oben, allerdings auf niedrigerem Niveau. Das Produkt wurde am Montag mit 44,66 Euro pro MWh abgerechnet.

Sieben-Jahres-Hoch für Frontmonat

Grundlast für die folgenden Monate ähneln preislich eher der Spitzenlast für 2019 als der Grundlast fürs nächste Jahr: Sie lagen am Montag bis zu zehn Euro pro MWh höher. Der Frontmonat September war günstigstenfalls für 58,26 Euro zu haben. Er baute damit sein Sieben-Jahres-Hoch als Frontmonat aus. Die Lieferung für den Oktober erlöste war an der EEX nicht billiger als 59,15 Euro, und das November-Produkt überschritt die 60 Euro gar: 60,70 Euro pro MWh, allerdings ohne dass es überhaupt Gesuche gegeben hätte.

Günstigste Stunde erlöst auch schon 53 Euro

Auch der Day-ahead-Markt bewegt sich schon seit Mitte August deutlich von den 50 Euro pro MWh nach oben weg. Am Montag ergab die Auktion für Grundlast am Dienstag einen Abrechnungspreis von 53,73 Euro. Spitzenlast notierte bei 70,03 Euro pro MWh. Wenn man in die Stundenpreise hineinschaut, wurde selbst die günstigste Stunde, von 1 bis 2 Uhr nachts, mit 53,31 Euro abgerechnet. Die teuerste, die von 20 bis 21 Uhr, lag als einzige gar über 80 Euro: bei 82,51 Euro.

CO2 so teuer wie seit zehn Jahren nicht

Und der Referenzkontrakt Dezember 2018 für CO2 überschritt schon vergangenen Mittwoch auf Donnerstag die 20 Euro pro Tonne. Seit Mai 2017, als CO2-Ausstoßrechte (EUA) noch für unter vier Euro zu bekommen waren, gab es mehr als eine Vervierfachung des Preises im für Industrie und Kraftwerksbetreiber entscheidenden Sekundärmarkt der EEX: auf 21,30 Euro pro Tonne am Montag. Das sei ein Zehn-Jahres-Hoch und eine Verteuerung um 20 Prozent oder mehr als drei Euro binnen einer Woche, so der Informationsdienst Montel.

Analyst sagte in ZfK Entwicklung vorher

Wie kommt dies alles? Nun, die ZfK zitiert schon seit Monaten einen Analysten, der einen "bullishen Energiemarktkomplex" prognostiziert: die gegenseitige preisliche Beeinflussung von Öl-, Steinkohle-, CO2- und Strompreis nach oben. Kohle ist derzeit teuer, Gas auch.

Nervosität um französische Meiler

Die "Welt" zitiert "Börsianer" mit den Worten, dass verzögerte Wartungsarbeiten einiger französischer Atomreaktoren den Markt nervös machen. Der französische Heizmarkt ist zu 30 Prozent stromgespeist, vor allem aus Atomstrom, und zwar mit Direktheizungen, nicht Nachtspeicheröfen. Immer wenn es Befürchtungen gibt, dass nicht genug Nuklearleistung zum Beginn der Heizperiode 2018/19 am Netz ist, treibt das die Großhandelspreise in Frankreich und den Nachbarstaaten, die dann nach Frankreich exportieren. Das betrifft vor allem die einschlägigen Wintermonate, aber eben auch schon den September, in der Händlersprache "das kurze Ende der Terminkurve".

Die 50 Euro und mehr für Strom-Grundlast 2019 scheint keine Eintagsfliege zu sein. Montel zitierte einen deutschen Händler mit den Worten: „Wenn die Marke tatsächlich gerissen wird, sehe ich nicht, dass es nicht noch höher gehen würde. Aber ich denke, um die 50 werden wir ein paar Tage kämpfen.“ (geo)

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