"Politische Zielvorgaben wie 65 Prozent erneuerbarer Strom bis 2030 oder eine Million E-Ladesäulen im öffentlichen Raum bis 2025 werden oftmals nicht von den infrastrukturellen Voraussetzungen her gedacht. Dies halte ich für ein enormes Problem", betonte Stefan Kapferer, Geschäftsführer des Bundesverbandes Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Zudem müsse es darum gehen, eine Energieinfrastruktur als integriertes Gesamtsystem zu sehen und im Verbund weiterzuentwickeln, so die Stromnetze, Gasnetze, Speicher und LNG-Terminals für den künftigen Import von erneuerbar gewonnenen Gasen. "Wir denken immer noch zu sehr in Silos, doch wir müssen die verschiedenen Infrastrukturen vernetzt sehen", so Kapferer.
Auch Bernd Westphal, energie- und wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, brach eine Lanze für eine integrierte Sichtweise der Infrastruktur und für Sektorenkopplung. Für die Energiewende und einen New Green Deal, wie ihn nun die EU propagiere, brauche es "eine Infrastruktur, die es uns überhaupt ermöglicht, in ein neues Zeitalter zu gehen. Nicht nur Stromnetze, sondern auch Digitalisierung, Erdgasnetze und chemische Speicher", sagte Westphal. So biete ja das Gasnetz via Wasserstoff und grünen Gasen die Möglichkeit, große zusätzliche Mengen erneuerbaren Stroms zu transportieren und auch zu speichern.
Innovationsfreundliches Umfeld schaffen
"Doch wir müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass damit auch Geld verdient werden kann", betonte Westphal. Dafür brauche es ein innovationsfreundliches Umfeld, es reiche nicht, die Höhe der Anreize zur Netzfinanzierung den Gerichten zu überlassen, sagte er mit Blick auf umstrittene Festlegungen der Bundesnetzagentur, beispielsweise zur Höhe der Eigenkapitalzinssätze (EKZ).
Frank Brinkmann, Sprecher der Geschäftsführung der Stadtwerke Dresden (Drewag), unterstrich die nötige Planungssicherheit: "Infrastruktur ist antizipatives Denken. Die Infrastrukturplanung muss viele Jahre vorausschauend erfolgen, wenn der Bedarf da ist, ist es meist schon zu spät". Nun müsse es auch darum gehen, Anreize zu geben, dass die Erzeugung möglichst nahe am Verbrauch stattfinde, beispielsweise über kleinere, hochflexible Gaskraftwerke und die verstärkte Kopplung erneuerbarer Energie mit Speichern und Wärmenetzen. "Doch wir werden bei der Flexibilisierung und der Sektorenkopplung meist durch die jetzige Netzentgeltstruktur ausgebremst", betonte Brinkmann und verwies hierbei auch auf ein anlaufendes Reallabor in Dresden, das vor entsprechenden Herausforderungen stehe.
Nicht alles über Umlagen finanzieren – mehr staatliche Förderung
Brinkmann wandte sich dagegen, die weitere Umsetzung der Energiewende vor allem nur umlagenfinanziert zu stemmen und forderte eine stärkere staatliche Förderung. "Der Einstieg in die Atomkraft in den 1960er Jahren war der Bundesrepublik viele Milliarden Mark wert und der Einstieg in die Erneuerbaren soll über Umlagen finanziert werden", das sei der falsche Ansatz. Auf Zustimmung stieß er mit dieser Forderung bei Westphal, der jedoch zugleich darauf hinwies, dass dies insgesamt mehr Geld koste. "Doch wenn wir nichts tun, wird es insgesamt wesentlich teurer", sagte er und verwies zudem auf die industrie- und wirtschaftspolitischen Chancen für Deutschland, beispielsweise durch eine Förderung der Wasserstofftechnologien und -anwendungen.
"Die Politik stellt der Branche sehr anspruchsvolle Vorgaben. Doch wenn wir nicht endlich zugeben, dass die Investitionen in mehr Intelligenz, Batterien, Wasserstoff und E-Mobilität etwas kosten, werden wir aus dem Dilemma nicht herauskommen", sagte Kapferer. Im Kombipack mit einer nötigen CO2-Preisreform bietet sich auch die Chance, viele Sondertatbestände und Ausnahmeregelungen im Energierecht und bei der Anreizregulierung zu entschlacken.
Homann gegen weitere Ausnahmeregelungen
Dies wurde auch von Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur begrüßt, der sich gegen – weitere – Ausnahmeregelungen bei den Netzentgelten und Umlagen für den Betrieb von Speichern oder Elektrolyseuren wandte. Auf breiter Ebene sieht Homann erst ab einem Anteil von 65 Prozent erneuerbarem Strom eine größere Notwendigkeit für den Anwendung von Power-to-Gas oder Power-to-X in Deutschland. (hcn)



