Als „europäisches Leuchtturmprojekt für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Bereich Windenergie auf See“, bezeichnete Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier bei der Vorstellung in der 50-Hertz Zentrale in Berlin die Combined Grid Solution (CGS).
Lob gab es auch – per Video Livestream – von der EU-Energiekommissarin Kadri Simson. Sie sieht das Projekt als wegweisend für einen effizienten und kostensparende Ausbau der Offshore Windenergie. Möchte doch die EU die Offshore-Windkraft auf 300 Gigawatt bis 2050 ausbauen. Hierzu brauche es eine verstärkte grenzüberschreitende regionale Vernetzung und eine möglichst effiziente Infrastrukturnutzung, unterstrich Simson.
Offshore-Umspannplattformen und bestehende Seekabel an Land verbunden
Der hybride Interkonnektor bzw. die CGS verbindet zwei Umspannplattformen von Offshore-Windparks in der Ostsee sowohl miteinander als auch mit deren bestehenden Seekabel-Landverbindungen. Dadurch kann Offshore Windstrom nach Dänemark oder nach Deutschland geleitet zusätzlich für den grenzüberschreitenden Stromhandel genutzt werden.
Die CGS nutzt die von 50Hertz betriebenen Netzanbindungen der deutschen Windparks Baltic 1 (28 MW, Betreiber EnBW) und Baltic 2 (288 MW, Betreiber EnBW) sowie die Netzanbindung von Energinet zu dem in Bau befindlichen Windpark Kriegers Flak (600 MW, Betreiber Vattenfall) in Dänemark.
Lediglich zwei neue Seekabel mit 25 km Länge nötig
Zwei lediglich 25 Kilometer lange Seekabel mit einer Leistung von je circa 200 Megawatt (MW) zwischen den Umspannplattformen Baltic 2 und Kriegers Flak verknüpfen die beiden Netzanbindungssysteme.
Weil die Übertragungsnetze Ost-Dänemarks und Deutschlands nicht synchron arbeiten, war für den Interkonnektor die Errichtung eines Doppel-Konverters (Back-to-Back-Converter) am Umspannwerk Bentwisch bei Rostock erforderlich. Darin wird der ankommende Wechselstrom in Gleichstrom und sofort wieder in Wechselstrom gewandelt.
MIO ist das digitale Gehirn
Als „Gehirn“ der Anlage fungiert der MIO (Master Controller for Interconnector Operation). Diese digitale Steuerungseinheit, die im Control Center von 50Hertz in Neuenhagen bei Berlin angesiedelt ist, muss sowohl die Anforderungen des Strommarktes als auch die von den Windverhältnissen abhängige Stromproduktion miteinander in Einklang bringen.
Wichtigste Aufgabe ist es, den Interkonnektor optimal auszunutzen und gleichzeitig eine Überlastung der Leitung und der Betriebsmittel im Umspannwerk zu vermeiden, erläuterte Anne-Katrin Marten, Projektleiterin bei 50Hertz. Dabei steuert der MIO den marktbasierten Stromaustausch zwischen Dänemark und Deutschland nicht allein auf der Basis von Prognosen, er reagiert auch in Echtzeit auf physikalische Abweichungen für die Spannungshaltung. Hierbei greift MIO sowohl auf den Doppel-Konverter als auch auf die Windparks zu.
Auch Blindleistungskompensation für 50Hertz Netz möglich
Zudem sei der Doppelkonverter in der Lage, einen Teil der notwendigen Blindleistungskompensation für den nördöstlichen Teil des 50Hertz-Netzgebietes zu erbringen, so Elke Kwapis, Bereichsleiterin Leitungen bei 50Hertz und zuständig für die Entwicklung des Konverters.
Die Kosten für das deutsch-dänische Gemeinschaftsprojekt belaufen sich auf 300 Millionen Euro, 50 Prozent davon werden von der EU finanziert.
Kostengünstige Lösung - doch EU-Vorgabe noch hinderlich
Verglichen mit dem Bau einer kompletten grenzüberschreitenden Gleichstromleitung unter Meer sei dies eine sehr kostengünstige Lösung, unterstrich Volker Gustedt, Sprecher von 50Hertz gegenüber der ZfK. Denn bisher wurden Offshore-Windparks jeweils per Seekabel (AC) an die jeweiligen nationalen Stromnetze angeschlossen und überschüssiger Windstrom dann quasi über eine Schleife per Gleichstromkabel von Deutschland nach Dänemark oder umgekehrt transportiert.
Wo es allerdings noch klemmt sei die Vorgabe der EU im Winterpaket 70 Prozent der Leitungskapazität von Interkonnektoren, sprich grenzüberschreitenden Stromleitungen, für den Stromhandel bereitzustellen. Dies stoße sich mit dem Ansatz der neuen Lösung, möglichst viel Windstrom bedarfsgerecht direkt zu nutzen und die Leitungen dann erst für den Stromhandel zu nutzen, wenn sie nicht entsprechend ausgelastet sind, erläuterte Gustedt.
2 GW Offshore-Windpark-Hub für grünen Wasserstoff in Dänemark
Handlungsbedarf mahnte 50Hertz Chef Stefan Kapferer auch Richtung Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) und Bundesnetzagentur an. Aktuell sei der Offshore-Windkraftausbau in der Ostsee laut dem aktuellen Flächenentwicklungsplan mit 300 MW bis 2030 viel zu niedrig angesetzt.
Vorbild für ambitionierte Ausbaupläne kann Dänemark sein. So kündigte der dänische Energieminister Dan Jorgensen per Live-Stream bei der Veranstaltung an, dass das Königreich in der Ostsee einen Offhore-Wind-Hub mit einer Leistung von 2 GW realisieren will. Überschüssiger Windstrom soll als grüner Wasserstoff gespeichert und später auch als Flugbenzin genutzt werden. (hcn)



