"Ziel muss es sein, die Zeit der Krise ohne Stellenabbau zu überstehen – gerade für die Energieversorgung als Rückgrat der deutschen Wirtschaft ist es wichtig, wieder voll einsatzfähig zu sein, wenn der nächste Aufschwung kommt und damit der Strombedarf wieder steigt", sagt Hanns Koenig, Principal bei Aurora Energy Research.

"Ziel muss es sein, die Zeit der Krise ohne Stellenabbau zu überstehen – gerade für die Energieversorgung als Rückgrat der deutschen Wirtschaft ist es wichtig, wieder voll einsatzfähig zu sein, wenn der nächste Aufschwung kommt und damit der Strombedarf wieder steigt", sagt Hanns Koenig, Principal bei Aurora Energy Research.

Bild: © Aurora Energy Research

Herr Koenig, eine Rezession, in der ganze Fabriken stillstehen und die Industrie zum Erliegen kommt, würde sich auch auf den Strommarkt auswirken. Welche Auswirkungen erwarten Sie hier?
Ob Büroangestellte wegen des Coronavirus‘ im Büro oder Homeoffice arbeiten, spielt für den Strombedarf kaum eine Rolle, da die persönlichen Geräte hier wie dort laufen, und die Server-Infrastruktur in den Firmen auf jeden Fall in Betrieb ist. Wenn allerdings im großen Stil Fabriken geschlossen werden – egal ob wegen Corona-Fällen in der Belegschaft, wegen sinkender Nachfrage oder wegen Schwierigkeiten in der Lieferkette –, könnten die Auswirkungen erheblich sein. Schließlich verbraucht die Industrie fast die Hälfte des deutschen Stroms.

Eine Rezession hätte darüber hinaus noch größere Auswirkungen auf die Stromnachfrage. Das hat die Finanzkrise im Jahr 2009 gezeigt: Damals ging der Stromverbrauch in Deutschland um sechs Prozent zurück. Sollte die Corona-Epidemie also tatsächlich zu einer Rezession führen, könnte der Strombedarf ohne Weiteres um fünf bis zehn Prozent sinken. Für die Energieversorger heißt das einerseits, dass sie ihre Kraftwerke weniger auslasten können, denn Strom, der produziert wird, muss auch physikalisch verbraucht werden. Dadurch sinkt der Strompreis im Großmarkt. Im Endeffekt werden dann Kraftwerke mit hohen Grenzkosten automatisch aus dem Markt gedrängt, müssten also heruntergeregelt oder abgeschaltet werden, weil sie nicht mehr rentabel sind. Auf den Terminmärkten sieht man das schon: Dort werden Stromlieferkontrakte für die kommenden Monate signifikant günstiger gehandelt als für den Sommer und Herbst – vermutlich auch, weil der Markt erwartet, dass sich die Krise dann legt.

Welche Kraftwerksarten würden abgeschaltet und wer würde umgekehrt profitieren?
Die Erneuerbaren brauchen keinen Brennstoff und haben daher die geringsten Grenzkosten, gefolgt von den bereits abgeschriebenen Atomkraftwerken. Für sie verändert sich wenig, außer, dass sie für ihren Strom am Markt weniger verdienen. Die nächst-günstigeren Kraftwerke sind derzeit effiziente Gas- und Dampfkraftwerke, die von den gestiegenen CO2-Preisen und derzeit sehr niedrigen Erdgaspreisen profitieren und sogar Braunkohlekraftwerke verdrängen. Gas- und Dampfkraftwerke sind derzeit also ebenfalls in einer recht guten Position, auch wenn ihnen ebenfalls die niedrigeren Preise schaden. Richtig problematisch ist die Lage für Braun- und Steinkohlekraftwerke: Sie befinden sich derzeit am Ende der „Merit Order“ und produzieren signifikant weniger als noch im Vorjahr. Diese Situation dürfte sich durch die Corona-Krise noch verschlimmern. Profitieren wird höchstens das Klima, da weniger Emissionen anfallen; allerdings sollte man sich da nicht zu früh freuen, da die Krise auch dazu führen könnte, dass weniger in Erneuerbare Energieträger investiert wird, sodass die Gesamtbilanz auch hier negativ wäre.
 

Was können Energieversorger tun, um sich zu schützen, oder negative Folgen besser abzufedern? Zuallererst ist es für sämtliche Kraftwerks- und Netzbetreiber wichtig, dafür zu sorgen, dass der eigene Betrieb störungsfrei aufrechterhalten werden kann. Denn auch die Belegschaften der Kraftwerke, Leitwarten und Wartungsteams sind natürlich dem Infektionsrisiko durch das Coronavirus ausgesetzt und sollten daher so gut wie möglich geschützt werden. Für die Kraftwerke, die bei einer sinkenden Stromnachfrage deutlich weniger laufen, also zum Beispiel Steinkohlekraftwerke, gilt es zudem die wirtschaftlichen Folgen zu minimieren. Wie in anderen Branchen kann zum Beispiel Kurzarbeit für die Belegschaft eingeführt werden, um die Kosten zu senken. Die Regeln für das Kurzarbeitergeld, das der Bund übernimmt, wurden gerade befristet bis Ende 2021 deutlich erleichtert. Ziel muss es sein, die Zeit der Krise ohne Stellenabbau zu überstehen – gerade für die Energieversorgung als Rückgrat der deutschen Wirtschaft ist es wichtig, wieder voll einsatzfähig zu sein, wenn der nächste Aufschwung kommt und damit der Strombedarf wieder steigt.

Die Fragen stellte Stephanie Gust

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