Über 200 Umweltverbände und zivilgesellschaftliche Akteure haben einen offenen Brief an die Bürgermeister deutscher Kommunen verschickt. Darin warnen sie die Kommunalpolitiker vor der „Scheinlösung Wasserstoff“. Wasserstoff dürfe nicht verheizt werden, schreiben die Unterzeichner des mehrseitigen Schreibens. In der kommunalen Wärmeplanung sei dieser eine „Kostenfalle“. Er sei ineffizient, kaum verfügbar und mittel- bis langfristig teuer, außerdem gefährde er die nationalen Klimaziele, so die Autoren des Briefs.
Das Heizen mit Wasserstoff sei auch auf lange Sicht viel teurer als die Wärmepumpe. „Falls in Ihrer Gemeinde tatsächlich ein Wasserstoffnetz zum Heizen realisiert würde, würden erhebliche Mehrkosten Ihre Bürger:innen vor Ort belasten, die sich auf die Wärmeplanung der Kommune verlassen haben“, warnen die Verfasser die Bürgermeister.
Verfasser sprechen von "riskanter Wette"
Auch der Einsatz von Wasserstoff zum Betrieb von Wärmenetzen sei eine „riskante Wette mit hohem Einsatz“. Die nationale und die internationale Wasserstoffinfrastruktur sei noch weit von der Umsetzung entfernt – verbunden mit erheblichen Unsicherheiten, was die Geschwindigkeit und die Wirtschaftlichkeit des Hochlaufs angehe.
Auch die Nutzung von Biomasse und Biogas sehen die Verbände kritisch. Intensiv angebaute Energiepflanzen seien aufgrund von negativen Umweltfolgen alles andere als nachhaltig. Holz zu verbrennen sei wiederum alles andere als klimaneutral. Auch dem Import von Biomasse erteilen die Verfasser eine Absage, da die nachhaltige Herkunft kaum zu kontrollieren oder von vornherein nicht gegeben sei.
Böse Lobbyvorwürfe
„Hören Sie auf die Wissenschaft, nicht auf die Lobby!“, appellieren die Verfasser des Briefes an die Bürgermeister. Die „Gaslobby“ werbe lediglich auf der Grundlage einiger weniger selbst beauftragter und/oder finanzierter Studien für das Heizen mit Wasserstoff. Konkret nennen die Autoren des Schreibens den BDEW, DVGW und Zukunft Gas.
Diese würden „derzeit im großen Stil, Stadtwerke und Kommunen für ihre Zwecke“ einspannen, um diese für den Einsatz von Wasserstoff zu gewinnen. Nach Überzeugung der Briefschreiber geht es den Verbänden darum, die Interessen der Gasindustrie zu vertreten.
Gasindustrie als Profiteure
„Das Kalkül: Wenn Kommunen auf Wasserstoff setzen, profitiert die Gasindustrie, weil sie einerseits noch sehr lange Erdgas verkaufen kann und sie andererseits potenziell hohe Gewinne mit teurem Wasserstoff einfährt“, so der wörtliche Vorwurf aus dem Schreiben.
Geht es nach den Autoren des offenen Briefs, sollten Bürgermeister bei der Wärmeplanung keine Wasserstoffnetzgebiete zur dezentralen Gebäudebeheizung ausweisen. Wasserstoffkraftwerke sollten demnach zur Speisung eines Wärmenetzes maximal zur Abdeckung der Spitzenlast vorgesehen werden. Der Anteil an Wärmeerzeugung durch Verbrennung insgesamt sollte minimiert werden.
DVGW: Energiewende nur mit Molekülen
Der von den Briefeschreibern kritisierte DVGW bleibt unterdessen bei seiner Einschätzung zur Bedeutung von Wasserstoff für den Wärmemarkt. „Die DVGW-Position zu Wasserstoff im Wärmemarkt hat sich nicht geändert: Ohne klimaneutrale Moleküle – und damit Wasserstoff – wird die Energiewende nicht gelingen. Nur mit maximaler Technologieoffenheit lassen sich alle Chancen für die Wärmewende nutzen. Eine All-Electric-World dagegen gehört ins Reich der Fantasie", teilte ein Sprecher auf ZfK-Nachfrage mit.
Zukunft Gas wollte sich nicht zu den Vorwürfen äußern. Für den BDEW teilte eine Sprecherin mit, dass die Wärmewende eine Mammutaufgabe sei. Um sie erfolgreich zu bewältigen, brauche es aus Sicht des BDEW die Einbeziehung aller Wärmeversorgungsoptionen, die klimafreundlich Wärme in die Wohnungen bringen können.
Das Gasnetz sollte aus Sicht des Verbands selbstverständlich nur dort erhalten werden, wo es tatsächlich benötigt wird, so der BDEW. (amo)



