Kerstin Andreae ist seit 2019 Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

Kerstin Andreae ist seit 2019 Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

Bild: © Bernd von Jutrczenka/dpa

Von Julian Korb

Nach dem Bruch der Ampel-Koalition und der vorgezogenen Neuwahl stehen auch beim Kapazitätsmarkt die Zeichen auf Neustart. Zwar hofft die Energiebranche auf schnelle Entscheidungen ‒ doch so mancher Branchenakteur dürfte sich auch über die Möglichkeit freuen, das künftige Marktdesign noch im eigenen Sinne zu beeinflussen. Der Branchenverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hatte sich zuletzt für einen eher zentralen Kapazitätsmarkt ausgesprochen, gab dem Kind jedoch einen eigenwilligen Namen: Integrierter Kapazitätsmarkt (IKM).

Gerade größere Energiekonzerne bevorzugen zentrale Ansätze, sorgen sie doch für schnelle und verlässliche Anreize für den Neubau von Kraftwerken. Vertreter aus der Erneuerbaren- und Speicherbranche, aber auch von Energiebörsenbetreibern, hingegen fürchten, dass Flexibilitäten in einem solchem Fördermodell nicht ausreichend Aufmerksamkeit erhalten. Eine neue, vom BDEW beauftragte Studie der Beratung Frontier Economics soll nun zeigen, dass Flexibilitäten auch in einem integrierten Kapazitätsmarkt sinnvoll angereizt werden.

Staat soll Absicherung vorschreiben

So würde der IKM auf wettbewerbliche, technologieoffene Ausschreibungen setzen und dabei verschiedene Mechanismen einbeziehen. Etwa EEG-geförderte Anlagen, Anlagen aus den geplanten Kraftwerkssausschreibungen, aber auch geförderte Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen sowie Flexibilitäten der "Energie- und Systemmärkte". Damit wären Signale aus dem Spotmarkt genauso einbezogen wie Regelenergiemärkte.

Im Gegensatz zu dezentralen Mechanismen, bei denen Bilanzkreisverantwortliche sich über Zertifikate absichern müssten, soll jedoch eine staatliche Stelle das nötige Absicherungsniveau festlegen. Damit dürfte der Verband in der Energiebranche auf offene Ohren stoßen. Branchenakteure befürchten, dass gerade kleinere Energielieferanten oder Händler mit diesen zusätzlichen Aufgaben überfordert werden könnten.

"Wir setzen uns für einen Integrierten Kapazitätsmarkt ein, bei dem die Festlegung des Absicherungsniveaus der Versorgungssicherheit in staatlicher Verantwortung liegt und bei der Erfüllung desselben alle Technologien einbezogen werden", sagt Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des BDEW. Der Staat soll dabei den politischen und rechtlichen Rahmen setzen. Die Unternehmen hingegen sollen investieren und die erforderlichen Kapazitäten, Speicher, Flexibilitäten und Demand-Side-Management (DSM) zur Verfügung stellen.

Integration von Flexibilitäten

Die Studienautoren haben verschiedene europäische Kapazitätsmärkte untersucht und mögliche Anreize für Flexibilitäten ausgewertet. Ein Ergebnis: Bereits heute gebe es solche Anreize durch "implizite Preissignale" in den Strom- und Systemdienstleistungsmärkten. Zudem könnten Flexibilitäten künftig auch explizit an Kapazitätsauktionen oder Systemdienstleistungsmärkten teilnehmen und sich dadurch refinanzieren.

Weitere implizite Anreize ließen sich durch "dynamisierte und verbrauchsorientierte Umlagen" setzen, so die Studienautoren weiter. Heißt konkret: Stromkunden würden für den Kapazitätsmechanismus über eine Umlage zahlen; aber nicht einheitlich pro Kilowattstunde, sondern "dymamisch" entsprechend des Stromverbrauchs in Stunden mit Spitzenlasten. Sie hätten dadurch einen Anreiz, ihren Verbrauch in solchen Spitzenlastzeiten zu verringern. Etwa, indem sie ihren Verbrauch zeitlich verschieben oder Speicher nutzen.

"Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Hebung von Flexibilitäten in einem Integrierten Kapazitätsmarkt (IKM) durch eine kluge Ausgestaltung des ohnehin notwendigen Umlagesystems angereizt werden kann", betont BDEW-Chefin Andreae. Die Notwendigkeit für einen Zertifikatehandel wie bei einem dezentralen oder kombinierten Kapazitätsmarkt entfalle dadurch. Das "spart somit Zeit und Kosten bei deutlich geringerer Komplexität des Gesamtsystems".

Union will keinen Sonderweg

Offen ist derzeit noch, welche Richtung die künftige Schwarz-Rote-Koalition einschlagen könnte. Die SPD hatte den Kapazitätsmarkt in ihrem Wahlprogramm komplett ausgelassen. Die Union hatte sich im Wahlkampf hingegen für einen zentralen Kapazitätsmarkt ausgesprochen und vor einem zu komplexen, "deutschen Sonderweg" gewarnt. Kanzlerkandidat Friedrich Merz (CDU) war zudem mit der Forderung aufgefallen, 50 neue Gaskraftwerke bauen zu wollen.

Im Sondierungspapier von Union und SPD findet sich zu Kapazitätsmärkten nichts. Geplant ist aber der Bau von bis zu 20 Gigawatt an Gaskraftwerksleistung bis 2030. Dazu soll die Kraftwerksstrategie des scheidenden Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) "zügig" überarbeitet werden.

Unumstritten sind die Pläne nicht. Forscher warnten bereits im Dezember vor einem überdimensionierten Kraftwerkspark ‒ finanziert aus Steuermitteln. Auch der Chef der Aachener Stadtwerke-Kooperation Trianel, Sven Becker, sprach sich wiederholt gegen die einseitige Förderung von Gaskraftwerken aus. Dagegen sollten Flexibilitäten wie Biogas und Speicher stärker genutzt werden.

Dem Stadtwerkeverband VKU hingegen ist vor allem wichtig, dass es in einem künftigen Kapazitätsmarkt nicht zu Konzentrationen auf einige wenige Unternehmen kommt, sondern die Akteursvielfalt gesichert ist. Gerade mit Blick auf Kraftwerkssausschreibungen fürchtet die Kommunalbranche, dass sich hier vor allem große Energiekonzerne durchsetzen könnten.

Mehr zum Thema Kapazitätsmarkt aus dem ZfK-Archiv:

"50 Gaskraftwerke": Die Dunkelflauten-Rezepte von Merz, Habeck und Co.

"Das Strommarkt-plus-Modell schließt eine entscheidende Lücke"

Kapazitätsmarkt-Debatte: BDEW favorisiert zentrales Modell

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper