"Die Zeit des energie- und klimapolitischen Warmlaufens ist vorbei", sagte BDEW-Chefin Kerstin Andreae bei einem Pressegespräch am Dienstag anlässlich der Vorstellung energiepolitischer Handlungsempfehlungen für die kommende Legislaturperiode. Es müsse alles in die Waagschale geworfen werden, um Klimaneutralität bis 2045, sprich in 24 Jahren, zu erreichen.
Um auf einen nötigen Anteil von mindestens 70 Prozent erneuerbaren Stroms bei einem Bedarf von etwa 700 Terawattstunden (TWh) bis 2030 zu kommen, plädiert der BDEW für eine entsprechende Erhöhung der Ausbaupfade im EEG auf 100 Gigawatt (GW) Wind onshore, 150 GW Photovoltaik sowie 11 GW Biomasse. Für Offshore-Wind müssten jetzt schon die Weichen für einen weiteren Ausbau nach 2030 (Zielmarke 40 GW) durch die Ermöglichung grenzüberschreitender europäischer Projekte gestellt werden.
Auch grüne PPAs stärker voranbringen
Bei der Windkraft an Land sieht Andreae neben der Beschleunigung von Verfahren (incl. Artenschutzstandards) vor allem Handlungsbedarf das Repowering bestehender Anlagen zeitnah zu ermöglichen. Zudem müsse es darum gehen, den Ausbau förderfreier erneuerbarer Energien über eine Vereinfachung von grüner PPAs (langfristiger Stromabnahmeverträge) voranzubringen.
Der BDEW empfiehlt die EEG-Umlage bis 2026 schrittweise auf Null abzusenken. Die EEG-Förderung bleibe jedoch hiervon unberührt. Bestehende und entstehende Förderzusagen könnten parallel zu den wachsenden Einnahmen aus der CO2-Bepreisung sukzessive aus dem Bundeshaushalt finanziert werden.
Wasserstoff auch für die Wärmeversorgung nutzen
Im Wasserstoffbereich fordert Andreae eine breite Anwendung, auch im Wärmebereich. Wenig glücklich zeigte sich Andreae über die "Champagnerdiskussion". Es gelte nun alle Felder zu nutzen, um den Wasserstoffhochlauf auf den Weg zu bringen. Konkret plädiert der BDEW dafür, einen H2-Ready-Standard für neue Gasanlagen.
Der angestrebte Markthochlauf auf 6 Millionen Wärmepumpen bis 2030 sei richtig und der Ausbau einer möglichst klimaneutralen Fern- und Nahwärmeversorgung zentral, so Andreae. Doch angesichts von über 42 Millionen Wohnungen in Deutschland, viele davon mit Gas beheizt, müsse auch deren künftige Wärmeversorgung mit grünen Gasen und Wasserstoff stärker in den Fokus gerückt werden.
"Investitionsfreundliche Netzregulierung sicherstellen"
Doch klar sei, dass Deutschland auch künftig nicht energieautark sein werde, dies gelte auch für Wasserstoff, so Andreae. So kalkuliert der BDEW, dass von den nötigen 80 TWh Wasserstoff bis 2030, rund 20 Prozent importiert werden. Nötig sei der Aufbau von Energiepartnerschaften.
Ein wichtiger Baustein einer ambitionierten Energiewende ist es, die Netzinfrastruktur für die Zukunft zu stärken, so der BDEW. "Eine neue Bundesregierung muss eine investitionsfreundliche Netzregulierung sicherstellen", betonte Andreae. Die notwendigen Investitionen in die Energienetze müssten für Investoren und Kapitalgeber attraktiv bleiben. Entsprechend warnte Andreae vor der geplanten Absenkung der Eigenkapitalverzinsung. Hierdurch könnten die Erträge der Netzbetreiber in manchen Fällen um bis zu 40 Prozent zurückgehen.
Intensiver Austausch mit der Bundesnetzagentur
Dies stehe in klarem Widerspruch zu dem steigenden Um- und Ausbaubedarf der Netze, betonte Andreae. Betroffen wären mittelbar auch die – häufig kommunalen – Anteilseigner der Unternehmen. Man stehe mit der Bundesnetzagentur in intensivem Austausch hierzu, doch das Thema sei noch nicht vom Tisch, so Andreae. (hcn)



