Die verbleibenden drei deutschen Atomkraftwerke sollen maximal bis zum 15. April 2023 weiterlaufen können.

Die verbleibenden drei deutschen Atomkraftwerke sollen maximal bis zum 15. April 2023 weiterlaufen können.

Bild: © Bernd Weißbrod/dpa

Von Julian Korb

Jahrelang war der Atomausstieg für die Deutschen eine gemachte Sache. Doch hohe Strompreise haben offenbar zu einem Umdenken geführt. Mehr als jeder Zweite wünscht sich nach einer aktuellen Umfrage einen Wiedereinstieg in die Atomkraft.

Insgesamt 55 Prozent befürworteten das in einer Online-Befragung im Auftrag des Vergleichsportals Verivox. 36 Prozent lehnten die erneute Nutzung der Atomkraft ab, 9 Prozent waren unschlüssig. Damit spricht sich erstmals wieder eine Mehrheit für den Ausstieg vom Ausstieg aus.

Nur Minderheit für Neubau

Für den Wiederbetrieb abgeschalteter AKW und den Neubau weiterer Kraftwerke sprachen sich in der Umfrage 32 Prozent der Teilnehmer aus. 22 Prozent möchten nur die zuletzt stillgelegten Meiler wieder in Betrieb nehmen. Bei Männern ist die Zustimmung zur Kernkraft größer als bei Frauen.

Deutschland war Mitte April 2023 aus der Nutzung von Kernenergie ausgestiegen. Die letzten drei Meiler wurden endgültig abgeschaltet. Davor hatte die Bundesregierung aufgrund der Energiekrise infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine entschieden, die Meiler noch ein paar Monate länger laufen zu lassen. 

Ursprünglich sollte der Atomausstieg bereits zum 31. Dezember 2022 vollzogen sein. Den schrittweisen Ausstieg hatte 2011 die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima beschlossen.

Union will staatlichen Atombetrieb

Die Union, die mit Friedrich Merz (CDU) wahrscheinlich den nächsten Kanzler stellen dürfte, will laut Wahlprogramm prüfen, ob die zuletzt abgeschalteten Kernkraftwerke wieder in Betrieb gehen könnten. Zuletzt wurde zudem ein Papier aus der Unionsfraktion bekannt, wonach die neue Bundesregierung zeitnah bewerten und entscheiden soll, ob ein Wiederanfahren der zuletzt stillgelegten sechs Reaktoren in Deutschland technisch möglich und wirtschaftlich sinnvoll ist.

Eine neue Expertenrunde soll dazu bis Juli 2025 eine Entscheidung fällen, anschließend sollen die Betreiberunternehmen dazu Stellung beziehen. Sollten die Unternehmen nicht selbst einspringen wollen, soll geprüft werden, "inwieweit dies durch eine Bundesgesellschaft als Neueigentümer dieser Anlagen verantwortet werden kann und welche Rolle die bisherigen Betreiberunternehmen hier bereit sind zu übernehmen", wie es in dem Papier heißt.

Bedeutet: Es könnte eine staatlich dominierte Gesellschaft wie EDF in Frankreich entstehen. Der Staat stünde dann wirtschaftlich mit im Risiko, sollte der Neubau von Kraftwerken oder die Rückkehr alter Meiler deutlich teurer werden als geplant. Der französische Rechnungshof hat den Kurs der Regierung wiederholt kritisiert. Als mögliche Betreibergesellschaft für ein deutsches AKW-Comeback wird das Energiekonzern Uniper genannt.

Ablehnung bei Betreibern gegen Wiederinbetriebnahme

Bei den großen Energiekonzernen, die zuletzt noch Kernkraftwerke am Netz hatten, kommt der Unionskurs schlecht an. "Wir wollen ganz klar zurückbauen und wir haben keine Lust auf Verzögerungen aus dem politischen Raum", hatte etwa Eon-CEO Leonhard Birnbaum erklärt. Laut Preussen Elektra sei Isar 2 praktisch schon nicht mehr reaktivierbar. Neben Eon hatten zuletzt noch RWE und EnBW Atommeiler in Betrieb.

Gegensätzliche Töne hatte es in den letzten Wochen von AKW-Fachdienstleistern gegeben. Die sechs AKW, die 2021 und 2023 als letzte vom Netz gegangen waren, könnten bis spätestens 2030 wieder in Betrieb genommen werden, sagte etwa Thomas Seipolt, Chef des AKW-Dienstleisters Nukem, Anfang März der "Bild". Der Rückbau müsse dafür allerdings am besten sofort gestoppt werden, so Seipolt.

Für die Instandsetzung rechne er mit Kosten von ein bis drei Milliarden Euro pro Kraftwerk, je nachdem, wie weit Rückbau vorangeschritten ist. "Wir sehen eine realistische Comeback-Möglichkeit für die Atomkraft und machen der neuen Bundesregierung daher ein Angebot", so der Nukem-Chef.

Besonders deutlich äußerte sich Georg Stamatelopoulos, Vorstandsvorsitzender der EnBW, am Mittwoch zu den Vorschlägen. "Ich staune darüber, was von den Fachfirmen dort geschrieben wird. Neckarwestheim 2 hat einen Stand beim Rückbau, der es nicht erlaubt, wirtschaftlich und kurzfristig zurückzukehren." Zwar sei technisch alles möglich. "Das ist mit Sicherheit keine Lösung für die nächsten fünf bis sieben Jahre." Zudem fehle das Geld dann für Investitionen in "zukunftsweisende Technologien".

Auch zu den bei der Union so beliebten sogenannten Miniatomkraftwerken, die im Englischen Small Modular Reactors (SMRs) heißen, nahm der EnBW-Topmanager Stellung. "SMRs haben ein gewisses Potenzial, wirtschaftlich zu werden. Aber das ist keine erprobte Technologie." Rund 70 Unternehmen seien hier weltweit derzeit tätig, allerdings seien weltweit nur drei Anlagen gebaut. "Es gibt derzeit kein kommerziell verfügbares Produkt. Die Hochskalierung hat einen Horizont von mehr als zehn Jahren." Für die EnBW sei die Technologie daher aktuell "keine Option".

Finanzielle Risiken beim Neubau

EnBW-Chef Stamatelopoulos zeigte sich gegenüber dem Neubau von AKWs ebenfalls skeptisch. "Wenn wir die aktuell verfügbare Technologie betrachten, kommt mir immer Hinkley Point in den Sinn, eine Anlage mit 3200 MW Leistung und 53 Milliarden Euro an Kosten." Allein diese Kombination zeige, dass die Kernenergie, "wie wir sie kennen", nicht wirtschaftlich sei. Das Kernkraftwerk Hinkley Point C wird derzeit im Südwesten von England errichtet. Die Kostenschätzungen wurden immer wieder nach oben korrigiert.

"Wir wollen als EnBW in allen Bereichen 40 Milliarden Euro bis 2030 investieren", so Stamatelopoulos weiter. "Das reicht nicht mal, um ein Kernkraftwerk zu bauen." Dies sei nicht nur eine Frage der Wirtschaftlichkeit, sondern auch des Klumpenrisikos.

Zuletzt hatte es zudem zwei viel beachtete Studien zur Zukunft der deutschen Stromversorgung gegeben, einmal von der Beratung Boston Consulting Group (BCG) und einmal von der Energieberatung Aurora Energy Research. Beide Studien sahen keine wirtschaftliche Verwendung der Kernenergie in Deutschland. Insbesondere der Neubau von Meilern rechne sich nicht.

Pikanter Ministeriumstausch

Auch die Verhandler von Union und SPD konnten sich in der Arbeitsgruppe Klima und Energie noch nicht über eine Position zur Atomkraft einigen. CDU und CSU möchten an einer "bedeutenden Rolle" der Kernenergie zur Erreichung der Klimaziele festhalten, die SPD hat sich der Forderung nicht angeschlossen. SPD-Generalsekretär Matthias Miersch etwa gilt als klarer Kernkraftgegner. Miersch wird auch als künftiger Umweltminister gehandelt.

Noch-Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) kritisierte die Pläne der Unionsfraktion sogar als realitätsfern. Der Rückbau der betroffenen Meiler laufe "mit vollem Tempo", sagte Lemke dem "Spiegel". Dass dabei auch ins Spiel gebracht werde, den Staat zum Betreiber und Eigentümer alter Atomkraftwerke zu machen, sei "eine geradezu irrwitzige Idee". Lemke verwies dabei auf die "ökonomischen, rechtlichen und sicherheitstechnischen Risiken".

Pikant: Laut dem Papier aus der Unionsfraktion soll die Zuständigkeit für Kernenergie künftig aus dem Umweltministerium ins Wirtschaftsministerium oder in ein neu zu schaffendes Infrastrukturministerium wandern. Es gilt als wahrscheinlich, dass das Wirtschaftsministerium an die CDU geht und mit dem als wirtschaftsnah geltenden Carsten Linnemann besetzt werden soll.

Große Einigkeit bei Erneuerbaren

Deutlich klarer als bei der Kernenergie war in der Verivox-Umfrage die Zustimmung zum Ausbau erneuerbarer Energien. 57 Prozent der Befragten waren dafür, hier auch weiter stark zu investieren. 17 Prozent lehnten das ab.

"Offenbar sind das Festhalten an der Kernenergie und der Ausbau der erneuerbaren Energien für viele kein Widerspruch", erklärt Energieexperte Thorsten Storck von Verivox. "Während der Atomausstieg noch stärker polarisiert, herrscht beim Ausbau der erneuerbaren Energien größere Einigkeit."

Insgesamt 1007 Menschen nahmen zwischen dem 27. und dem 31. März an der nach Angaben des Meinungsforschungsinstituts Innofact repräsentativen Umfrage teil. (Mit Material der Deutschen Presse-Agentur)

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