Wie soll der Strommarkt der Zukunft funktionieren, wenn vor allem volatile erneuerbare Energien wie Wind- und Solaranlagen Strom produzieren? In einem dürften sich die meisten Beteiligten im politischen Berlin und Brüssel einig sein: Es müssen Änderungen her. Doch welche?
Da ist zum einen die europäische Debatte, die diesen Freitag neues Futter bekommen dürfte, wenn Nicolás González, zuständiger Berichterstatter im Europäischen Parlament, seine Position darlegen wird. Von deutscher Seite wird befürchtet, dass der Bericht des Spaniers eine stärkere Intervention des Staates auf dem Strommarkt vorsieht.
VKU für "Wettbewerb und freie Preisbildung"
Bereits vorab mahnte der Stadtwerkeverband VKU, an den "grundsätzlich positiven Leitlinien" des Vorschlags der EU-Kommission festzuhalten. Er unterstrich, dass das Papier trotz einiger Kritikpunkte wesentliche Grundmechanismen des Marktes erhalte – "allen voran Wettbewerb und freie Preisbildung". Die Kommission will beispielsweise nicht an der Merit-Order als Preisbildungsmodell auf dem Strommarkt rütteln.
Positiv bewertet der Verband außerdem, die Bestrebungen der Kommission, Abschlüsse längerfristiger Lieferverträge zwischen Erzeugern und Abnehmern von Ökostrom, sogenannter PPAs, zu erleichtern.
Debatte um Gebotszonen-Split
Heikler dürfte da schon die Frage einer einheitlichen Preis- oder Gebotszone werden, wie sie auf nationaler und europäischer Ebene diskutiert wird. Geht es nach Ralph Lenkert, energiepolitischem Sprecher der Linken-Bundestagsfraktion, wäre eine Auftrennung in bis zu drei Zonen sinnvoll, wie er auf einer Veranstaltung des Forums für Zukunftsenergien sagte.
Denn zurzeit sei es so, dass wegen der Netzentgelte die Strompreise dort am niedrigsten seien, wo das Angebot am geringsten und die Nachfrage am höchsten seien. Sprich in den industrieintensiven Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern, die beim Erneuerbaren-Ausbau im Vergleich zum Norden hinterherhinken.
AMW statt BMW?
Er empfinde das als "Entsolidarisierung" des Südens mit dem Norden, der den Strom bereitstelle, sagte Lenkert. Tatsächlich sind es insbesondere die norddeutschen Bundesländer Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, die sich für unterschiedliche Gebotszonen einsetzen.
Naturgemäß sieht die bayerische CSU das anders. Man witzele ja gern darüber, dass mit gesonderten Preiszonen für Süddeutschland aus den Bayerischen Motorenwerken Klima-Motorenwerke werden würden, erwiderte der christsoziale Bundestagsabgeordnete Andreas Lenz. Die Gefahr sei jedoch größer, dass aus ihnen "außereuropäische Motorenwerke" werden würden. "Deshalb würde ich da vorsichtig sein", mahnte er. "Aus meiner Sicht wird Deutschland nicht gestärkt, wenn man den industriellen Kern des Südens schwächt."
"Stärkeres Zusammenfallen von Physik und Markt" nötig
Mit Verweis auf das Klimaneutralitätsszenario der Übertragungsnetzbetreiber erwiderte Ingrid Nestle, Grünen-Politikerin und Mitglied im Bundestagsausschuss für Klimaschutz und Energie, dass in Bayern die Preise gar nicht nach oben gehen würden, weil der Freistaat demnach künftig genauso viel Strom produziere, wie er verbrauche. Zudem habe Bayern den geographischen Vorteil, ans österreichische Netz anzuschließen, wo viele Wasserkraftwerke zum Einsatz kommen können.
Nestle plädierte dafür, Barrieren abzubauen und Netzentgelte variabler zu gestalten, um Flexibilitätspotenziale im Markt zu heben. Auf jeden Fall sei ein "stärkeres Zusammenfallen von Physik und Markt" nötig – etwa "ganz viele" Stromleitungen oder regionale Preissignale. Dabei werde aber der Markt mit seinen wohl stärkeren Preisschwankungen im Zuge des Ausbaus volatiler Windkraft- und Solaranlagen ein "entscheidender Player" sein. (aba)



