Herr Kruppa, wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Beschaffung und den Absatz der Stadtwerke aus?
Betrachtet man das Abnahmeverhalten seit Beginn der Einschränkungen Mitte März, zeigen unsere Datenanalysen signifikante Effekte. Beispielsweise ist der Absatz lastganggemessener Industriekunden unseren Analysen nach in den letzten Wochen im Durchschnitt um 15 bis 20 Prozent rückläufig. Für die kommende Zeit empfehlen wir, auf Sicht zu fahren. Das heißt, sich aufgrund der unklaren weiteren Entwicklung insbesondere auf das zweite Quartal 2020 zu konzentrieren.
Was können die Stadtwerke jetzt mit den zu viel beschafften Mengen machen und wie können Sie die Verluste gering halten?
Die Stadtwerke haben grundlegend drei Optionen, wobei keine der Optionen per se den anderen überlegen ist. Zudem ist wichtig zu betonen, dass die Optionen sehr stark von der individuellen Kundenstruktur jedes einzelnen Stadtwerks abhängen: Die Optionen sind bei Stadtwerken, die in ihrem Kundenportfolio stark im Endkundensegment fokussiert sind anders zu bewerten als bei Kunden, die überwiegend Industrie- oder Gewerbekunden haben.
Zu den drei Optionen: Stadtwerke können die beschafften Mengen mit Verlust am Terminmarkt verkaufen. Dadurch wird der Preis fixiert, der Handlungsspielraum bei Lockerungen oder Verlängerung der Maßnahmen aber eingeschränkt. Alternativ können sie Überdeckungen des Portfolios bei der Belieferung am Spotmarkt veräußern. Hierdurch werden jetzt noch keine Verluste eingeloggt, es können aber durch weitere Abwärtsbewegungen höhere Verluste entstehen. Schließlich gibt es noch die Variante, die Mengen kontinuierlich am Terminmarkt zu verkaufen. Mit dem Vorteil, dass diese Verkäufe schnell wieder gestoppt werden können, wenn die Corona-Einschränkungen wieder aufgehoben oder in mehreren Stufen gelockert werden. Zudem können die genannten Optionen auch gemixt werden und mit Orderrestriktionen versehen werden: So könnte eine Stopp-Loss-Order eine Überdeckung vollständig oder teilweise auflösen, wenn der Marktpreis noch weiter abrutscht.
Wie sieht es bei den Kunden mit einem Standard-Lastprofil (SLP) aus? Haben die Vertriebe und Verteilnetzbetreiber da Handlungsoptionen?
Theoretisch könnten Stadtwerke die Jahres-Verbrauchsprognose anpassen. Realistisch betrachtet ist das aber sehr kompliziert. Der Änderungsprozess der Jahresverbrauchs-Prognosen hat einen zeitlichen Vorlauf. Die Änderungen würden bis zur nächsten Ablesung bestehen. Auch die Frage, um welchen Wert der Verbrauch zurückgeht ist schwer und nicht für alle Szenarien valide zu beantworten, da in dem Segment nur einmal im Jahr abgelesen wird.
Aus der Sicht des Verteilnetzbetreibers gibt es Unsicherheiten bei der Bewirtschaftung der Restlastzeitreihe im Bilanzkreis (DBA): Hier kann es je nach Endkunden-Zusammensetzung im eigenen Netz zu mehr oder weniger starken Verschiebungen kommen. Dabei aber risikomindernd einzugreifen ist aufgrund der vorgenannten Hindernisse und der Verrechnungspraxis kaum möglich. Eine – am besten tägliche – Ausbilanzierung des Netzes gibt Anhaltspunkte für die geänderte DBA. Mit einer einigermaßen zutreffenden DBA-Prognose könnte der Netzbetreiber zumindest sicherstellen, dass die Verrechnung der DBA-Kosten und der Mehr-/Mindermengen auf einer einheitlichen Preisbasis erfolgt und nicht die Ausgleichsenergiepreise bei der DBA den Spotmarktpreisen bei der Mehr-/Mindermengen-Abrechnung gegenüberstehen.
Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren
