Einen dynamischen Tarif haben die SVS noch nicht. "Wir haben es noch nicht gemacht. Alle meinen nur, wir hätten bereits einen", scherzte Sebastian Wilhelm, Prokurist und Bereichsleiter Markt, bei der VKU-Vertriebstagung in Wuppertal.
Das stimmt allerdings nicht ganz. Denn der baden-württembergische Versorger hat einen neuen Tarif aufgelegt, der sich an den durchschnittlichen Spothandelspreisen orientiert. Der Weg dahin begann während der Krise.
Während der Hochpreisphase der Energiekrise haben die Stadtwerke alle Produkte vom Markt genommen – auch das neu eingeführte Regionalstrom-Produkt wurde eingestampft. Lediglich die Grundversorgung sei geblieben. "Wir stellten uns die Frage, wie es nun weitergehen soll", blickt Wilhelm zurück. Am Anfang stand die Idee, bei der Stromanbieter Tibber als Benchmark diente: den Strom dann beziehen, wenn er am günstigsten ist. Damit sollten die Kunden vom Spotmarkt profitieren.
Schwerer Start
Das Problem und zugleich die Antwort auf die Frage, warum der neue Tarif laut Gesetz kein dynamischer ist, sei die Tatsache, "dass wir keine Smart-Meter" am Netz haben, so der SVS-Experte. Hinzu kamen dann die Fragen der Verbrauchsabrechnung im SVS-System, dem es noch an der nötigen Flexibilität fehlte.
Als eine Kompromisslösung haben die Stadtwerke dann im Februar 2023 den Tarif "SVS Naturstrom live" eingeführt, den sie auf ihrer Website als dynamisch, ökologisch und regional bewerben, so Wilhelm.
Regionaler Ökostrom als Verkaufsargument
Laut SVS stammt der Strom in diesem Tarif zu 100 Prozent aus Wasserkraft vom Hochrhein. Der Preis sei variabel und orientiere sich jeden Monat an den Preisen der Energiebörse des Vormonats, wirbt der Versorger. Grundsätzlich setze sich der Tarif ganz normal aus einem Arbeits- und einem Grundpreis zusammen. Im Arbeitspreis stecken die Erzeugungs- und Beschaffungskosten samt Aufschlag.
Der Energiepreis bildet sich aus dem Preismittelwert des Vormonats an der Börse. So seien die Preise aus April für die Abrechnung im Mai maßgeblich und so weiter, erläuterte Wilhelm. Dieser Preis bildet dann die Basis für den Energiepreisanteil. "Damit haben wir einen Monat Versatz, doch das Risiko war überschaubar, weil die Preise nicht mehr so stark schwanken." Weh tue es, wenn der Kunde uns vor dem Monat verlasse, bevor die Preise hochgehen.
Auf der Landingpage haben die Stadtwerke einige Charts zur Visualisierung der Preisentwicklung aufbereitet. Die Kunden können dann unterschiedliche Zeiträume anschauen und einen durchschnittlichen Arbeitspreis ausrechnen lassen. "Dort können sie also sehen, dass es auch mal doof laufen kann mit über 70 Cent je kWh", auf Jahressicht bleibe der Preis aber unter 30 Cent, so Wilhelm.
Nach dem Vertriebsstart in der Stadt bieten die Stadtwerke den dynamischen Tarif mittlerweile auch in ihrem Umkreis an. Auch im Gasvertrieb sei der Versorger mit einem ähnlich aufgebauten Tarif gestartet. "Mit einem Monat Versatz ist es zugegebenermaßen mehr Risiko als im Stromvertrieb, insbesondere bei Wetterschwankungen", sagte Wilhelm weiter. Allerdings können auch die Stadtwerke den Tarif binnen eines Monats kündigen, so lasse sich das Risiko kontrollieren.
Intensive Kundenakquise
Die Stadtwerke zählen nach eigenen Angaben rund 40.000 Stromkunden, sind zudem auch im Gas-, Wasser- und Wärmevertrieb tätig. Mittlerweile zählt SVS nach eigenen Angaben über 3500 Verträge im neuen Tarif. Einige von den Stammkunden hätten zu diesem Tarif gewechselt, jedoch seien 20 Prozent davon Neukunden.
Im nächsten Schritt wollen sich die Stadtwerke intensiv um die Kundenakquise bemühen und setzen dabei in die Suchmaschinen, auf Social-Media und die Display-Werbung. Geplant sei zudem ein Upgrade des Tarifs: Ein Dongle als Aufsatz auf eine moderne Messeinrichtung wie bspw. die von "iO Meter" soll transparent und in Echtzeit die Verbrauchsdaten visualisieren lassen. "Auch wir können dann monatlich die Zählerstände der Kunden abrufen und entsprechend abrechnen. Das ist ein Zwischenschritt bis der Smart-Meter-Rollout abgeschlossen ist", sagte er weiter. (am)



