Herr Brühl, in Rosenheim kommt ein Technologie-Mix bestehend aus Kraft-Wärme-Kopplung, Wärmespeicher, einem Fernwärmenetz, Wasserkraft, Müllheizkraft und einem Holzvergaser inklusive Blockheizkraftwerk zum Tragen. Ziemlich bunt, oder?
Götz Brühl: Ja, wobei die Basis ein Vierklang aus KWK, Wärmespeicher und Fernwärmenetz mitsamt marktgeführter Fahrweise bildet. Er könnte sogar noch bunter sein. Aber die rechtlichen Rahmenbedingungen passen nicht. Es wird zu viel damit experimentiert.
Was ist hierfür exemplarisch?
Brühl: Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist hierbei der Hauptverantwortliche. Mit der Reform des Erneuerbaren-Energie-Gesetzes 2014 wurde unser Holzvergaser unattraktiver, weil die Förderung wegfiel. Dabei produzieren wir mit diesem klimafreundliches Gas aus Holzresten. Nun findet sich diese Förderung zwar im kommenden EEG wieder, aber wir haben dadurch Jahre verloren, in denen wir diese Technologie hätten weiter entwickeln können. Wir schaden uns mit solchen Logikfehlern viel mehr, als wirklich voranzukommen. Das zieht sich durch das EEG durch. Die Regierung macht keinen Hehl daraus, dass wir bei der Energiewende primär an erneuerbaren Strom denken. Alleine das Wort "Wende" ist absurd. Wir bewegen uns nicht um 180 Grad zurück, sondern stetig vorwärts.
Die Forderung nach dem Ausbau der erneuerbaren Energien wie Solar und PV wurde auch im Wahlkampf proklamiert.
Brühl: Gehe ich mit einher, es braucht mehr erneuerbare. Aber nicht nur im Strombereich, sondern ebenso in der Wärme. Wenn wir Technologien fördern, die auf Strombasis sind, wie Wärmepumpen, gibt es für die Menschen in den kalten Wochen böse Überraschungen. Einerseits was die zukünftige Versorgungssicherheit angeht; andererseits im Hinblick auf die Bezahlbarkeit. Es ist eine kluge Technologie, aber nur in einem ausgewogenen Gesamtsystem, die bivalent mit anderen Energieerzeugern genutzt werden muss. Unsere Wärmepumpen überführen unseren überschüssigen Strom in Wärme. Hier zeigt sich wiederum im EEG, dass dies weniger erwünscht ist. Es ist erst seit Kurzem möglich. Der erneuerbare Strom wird als so kostbar angesehen, dass wir lieber abschalten, anstatt uns zu überlegen, wie wir ihn größtmöglich nutzen können.
Darin spiegelt sich auch die Unzufriedenheit mit der EEG-Umlage wider.
Brühl: Aufgrund der vergleichsweise hohen Sonneneinstrahlung bei uns liegen die Werte 20 bis 30 Prozent über denen in Norddeutschland. Wir könnten auf PV-Anlagen setzen. Aber die CO2-Vermeidungskosten sind bei diesen höher. Das liegt daran, dass wir auf den Solarstrom EEG-Umlage zahlen müssten. Ein absoluter Widerspruch. Rechtlich ist das Gesetz überarbeitungswürdig. Die finanzielle Kompensation findet an Stellen statt, wo wir sie nicht benötigen. Es braucht mehr Gelder für die Netze und den massiven Ausbau. Stattdessen sinken die Eigenkapitalverzinsung und die Netzentgelte immer weiter. Vor dem Hintergrund sind wir sehr froh, unser Wärmenetz ausgebaut zu haben und uns mehr auf Power-to-Heat zu fokussieren. Das erspart uns die immensen Investitionen in das Stromnetz. Ohne den Fernwärmeausbau müssten wir die benötigte Energie und dabei speziell die Leistung zur Beheizung der Innenstadt durch das Stromnetz bereitstellen. Dies würde de facto auf eine vollständige Erneuerung hinauslaufen.
Es lässt sich festhalten: Um die Erneuerbaren in Deutschland zu verbreiten, ist das EEG das falsche Instrument. Unser Ziel ist doch nicht deren Ausbau, sondern die Ressourcenschonung und CO2-Vermeidung. Es adressiert diese nicht. Die Förderung ist zwar sinnvoll, aber mittlerweile sollte sie sich nicht an den Technologien an sich orientieren, sondern jene Technologie fördern, die am meisten CO2 einsparen könnten. Wirklich hilfreich wird sich dahingehend der CO2-Preis erweisen, eben weil er nachhaltiges Handeln fördert.
Hinsichtlich der Netzstabilität – wird Gas bzw. Erdgas darin noch eine große Rolle spielen?
Brühl: Mit dem fortschreitenden Ausbau von Wind- und Solarenergie wire der Einsatz fossiler Energie systematisch verringert. Wenn wir den Netzausbau nicht vernachlässigen, sind wir noch einige Zeit in der Phase, dass dabei die erzeugte Energie weitgehend genutzt werden kann. Ein anderes Bedürfnis haben wir hinsichtlich der Besicherung der notwendigen Leistung. Dies betrifft sowohl Strom als auch Wärme. Speziell die alle paar Jahre auftretenden ein bis zwei Wochen andauernden Kälteperioden müssen abgesichert werden. Und wir wissen, dass diese Aufgabe nicht mit Stromspeichern lösbar ist. Wir brauchen also große Energie- und anteilig noch höhere Leistungsreserven, die wir nur mit den Brennstoffen Gas und Öl bereitstellen können. Dieses Gas ist jetzt Erdgas. Inwieweit das Erdgas schrittweise durch Biomethan, Wasserstoff und andere synthetische Gase oder auch synthetische flüssige Brennstoffe ersetzt wird, werden wir sehen. Es gibt einige Möglichkeiten und am Ende wäre eine Diversität auch in dieser Frage ein großer Vorteil.
Die Fragen stellte Adrian Gun



