Bild: © Marc Müller/dpa

Die Bevölkerung in Deutschland wird bis 2035 in den Ballungsräumen weiter zunehmen – wenn auch nicht mehr so stark. Die Corona-Krise dämpfe die Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland in die Großstädte, heißt es in einer neuen Vorhersage des Hamburger Gewos Instituts für Stadt-, Regional- und Wohnforschung. Zudem wanderten Menschen zunehmend in die Peripherie ab.

In der nahezu zeitgleich veröffentlichten Untersuchung des Prognos-Instituts zu dem wirtschaftlichen Entwicklung heißt es, dass die Pandemie tiefe ökonomische Folgen für alle Regionen habe. In dem langfristigen Ausblick sagen die Autoren dem Umland einiger Metropolen gute Wirtschaftsaussichten voraus – darunter mehrere Landkreise im Osten.

Zuwanderung aus dem Ausland

Nicht mehr alle Großstädte werden in den nächsten Jahren kräftig wachsen, prognostiziert Gewos. Deutliche Bevölkerungszuwächse bis 2035 sieht das Institut für Berlin (plus 6,6 Prozent), Frankfurt (plus 6,2), Hamburg (plus 4,7) und Köln (plus 4,8). In München (plus 4,0 Prozent) stoße das Wachstum indes an Grenzen und schwäche sich ab, so die Studie. «Trotz reger Neubautätigkeit kann das dortige Wohnungsangebot nicht mit der externen Nachfrage Schritt halten, so dass sich der Nachfragedruck weit in die Region hinein erstreckt», schreiben die Autoren. Düsseldorf (plus 0,9 Prozent) und Stuttgart (plus 2,6 Prozent) wachsen demnach künftig nur wenig.

Das Bevölkerungswachstum wird laut Gewos von einer nachlassenden Zuwanderung aus dem Ausland dieses Jahr und 2021 gedämpft – eine Folge der Corona-Krise. «Firmen sind vorsichtig bei Neueinstellungen, zudem haben Reisebeschränkungen die Mobilität gebremst», sagte Geschäftsführerin Carolin Wandzik. Weniger Zuwanderung aus dem Ausland könne vorübergehend Druck von den Wohnungsmärkten in Städten nehmen. Ab 2022 dürfte die Außenwanderung wieder zunehmen, aber nicht mehr das Ausmaß des vergangenen Jahrzehnts erreichen.

Hohe Immobilienpreise in der City

Eingewanderte Fachkräfte haben in den vergangenen Jahren maßgeblich die Großstädte anschwellen lassen. Junge Familien etwa zieht es – auch wegen der hohen Immobilienpreise – dagegen ins Umland. Der Trend könnte sich mit der Corona-Krise verstärken, zeigen jüngste Umfragen.

Dem Umland mehrerer Metropolen sagt auch das Prognos-Institut gute wirtschaftliche Zeiten voraus. Die Regionen um Berlin und München haben die besten Wachstumsaussichten nach der Corona-Krise, heißt es in einer Langfristprognose bis 2030. Die Studie prognostiziert das Wirtschaftswachstum sowie die Beschäftigtenentwicklung in den 401 deutschen Landkreisen und kreisfreien Städten.

Ostdeutschland mit gutem Potenzial

Ostdeutschland ist gleich bei mehreren Kriterien der Prognos-Untersuchung unter den zehn Wachstumssiegern bis 2030 vertreten – darunter Potsdam, der Landkreis Dahme-Spreewald mit dem neuen Flughafen BER und der Landkreis Oder-Spree mit der künftigen Fabrik des US-Elektroautoherstellers Tesla. Sie profitieren von der Ansiedlung großer Firmen und der Nähe zur Hauptstadt Berlin.

Auch München strahlt mit seiner Wirtschaftskraft weit ins Umland ab, schreiben die Prognos-Autoren. In Bayern sagen sie den Landkreisen Dachau, Ebersberg und Erding die besten Wachstumsaussichten vorher.

Schwierige Branchen

In Sachen Bevölkerungswachstum und damit auch Potenzial für mehr Wirtschaftskraft sieht Gewos fast ganz Süddeutschland im Vorteil gegenüber dem Norden und Osten. So werde die Bevölkerung in Bayern bis auf wenige strukturschwache Regionen im Nordosten bis 2035 um bis zu zehn Prozent steigen. Aufwärts gehe es auch in weiten Teilen Baden-Württembergs, im Rhein-Neckar- und im Rhein-Main-Gebiet, in Hannover sowie im «VW-Land» bei Wolfsburg und Braunschweig.

Ob die Regionen so viele Einwohner gewinnen wie geschätzt, hänge aber nicht zuletzt davon ab, ob Schlüsselindustrien wie die Autobranche und der Maschinenbau in Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen den Strukturwandel bewältigen könnten, schränkt Gewos ein.

Abwanderung ist kein Ost-Phänomen

Als Wachstumsinseln in Regionen mit weitgehend stagnierender oder rückläufiger Bevölkerung sieht das Institut Köln und Düsseldorf im Westen sowie Leipzig und Dresden im Osten. Sich leerende Landstriche seien aber kein Merkmal von Ostdeutschland alleine. Schrumpfende oder stagnierende Regionen gebe es auch im südlichen Niedersachsen, in Nordhessen, im Saarland, im Ruhrgebiet sowie in Schleswig-Holstein.

Während Wachstumsregionen vor dem Problem stünden, genug bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und Zuwanderer zu integrieren, ließen sich Einwohnerverluste kaum umkehren, so Gewos. Hier gelte es, bestehende Strukturen an eine schrumpfende und alternde Bevölkerung anzupassen. (dpa/hp)

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