Tobias Federico ist Geschäftsführer des Berliner Beratungsunternehmens Energy Brainpool.

Tobias Federico ist Geschäftsführer des Berliner Beratungsunternehmens Energy Brainpool.

Bild: © Energy Brainpool

Herr Federico, Autohersteller und zahlreiche Industriebetriebe stellen die Produktion ein. Wie stark ist die Stromnachfrage in Deutschland bereits zurückgegangen?

Tobias Federico: In der abgelaufenen Woche haben zwar einige Läden und Kaufhäuser zugemacht, aber die Industrieproduktion lief bisher weiter. Auch haben die Verkehrsbetriebe erst zur Mitte respektive gegen Ende vergangener Woche ihren Fahrplan reduziert. Daher sind die Effekte auf die Stromnachfrage bisher sehr marginal gewesen. In der Spitze der Stromnachfrage ist diese lediglich um 1000 MW gesunken, dies bei einer Gesamtnachfrage von circa 65 GW. Ob dies jetzt durch die ersten Schließungen verursacht wurde oder eher wetterbedingt, ist schwer zu sagen. Selbst wenn Restaurants und Läden schließen, dann laufen doch die großen Stromverbraucher wie Kühlung oder Ähnliches weiter. Da wir doch recht hohe Temperaturen hatten, vermute ich zumindest, dass ein Großteil des Nachfragerückganges darauf zurückzuführen war.

Wie wird sich der Stromverbrauch nach Ihrer Einschätzung in den kommenden Wochen entwickeln?
Da am Ende dieser Woche große Automobilhersteller ihre Produktion runterfahren werden und es sehr wahrscheinlich ist, dass es zu einer allgemeinen Ausgangssperre kommen wird, werden wir in der kommenden Woche deutliche Effekte sehen. Italien könnte da eine gute Blaupause sein. Hier ist in der ersten Woche der landesweiten Ausgangssperre die Stromnachfrage um fünf bis sieben Prozent gesunken. Allerdings sind noch viele Produktionsbetriebe offen gewesen. Daher könnte ich mir vorstellen, dass in der kommenden Woche in Deutschland die Stromnachfrage durch den Produktionsrückgang um circa 6000 MW sinken wird. Ich glaube, dass wir mit circa zehn Prozent weniger Stromnachfrage bis nach den Osterferien rechnen können.  

Wie stark schlägt sich der sinkende Strombedarf der Industrie bereits in den Strompreisen nieder? Welche Auswirkungen hatte das in dieser Woche auf den Kurzfristhandel und mit welchem Preisverlauf rechnen Sie in den kommenden Tagen und Wochen?
An den Spotmärkten sehen wir schon niedrigere Preise. Allerdings sehe ich hier vermehrt die Entwicklung der Preise an den Rohstoffmärkten als primäre Ursache und weniger die bisher kaum vorhandene Nachfragesenkung. Insbesondere der Preis für CO2-Zertifikate (EUA) ist von fast 25 Euro auf ein Preisniveau von 15 Euro pro Zertifikat gefallen, was Auswirkungen auf die Spotmarktpreise hat. Allerdings dürfen wir hier auch die Wettereffekte nicht vergessen. Im direkten Vergleich dieser Woche von Freitag, den 13. März bis Freitag, den 20. März lag der Spotpreis bei 23,70 EUR/MWh. Allerdings lag in der Vorwoche das Preisniveau im Vergleich von Freitag zu Freitag auch bei circa 23,70 Euro/MWh. Also auch hier gibt es erst mal kaum eine Veränderung.

Bemerkenswert waren die Strompreise am Sonntag, den 15. März in den Mittagsstunden. Denn in diesen Stunden waren die Strompreise negativ bei bis zu -33,80 Euro/MWh, wegen zeitgleich hoher Wind- und PV-Einspeisung. Als wesentlichen Grund der geringen Spotmarktveränderungen in der Kurzfristmarktbetrachtung sehe ich eine veränderte Einsatzreihenfolge der Kraftwerke.

Welche Kraftwerkstypen profitieren vom aktuellen Einbruch der Preise für CO2-Zertifikate (EUA) und welche werden aus dem Markt gedrängt?
Die Merit Order hat sich signifikant geändert. Nicht nur, dass die einzelnen Commodity-Preise gefallen sind, sondern die EUA-Preise sind so stark gesunken, dass es mittlerweile für die Mehrheit der Gaskraftwerke nicht mehr wirtschaftlich wäre, Strom zu produzieren. Stattdessen fahren die Steinkohle- und Braunkohlekraftwerke verstärkt, was in unserer Emissionsbilanz sichtbar wird. 

Was sind die Gründe für Einbruch bei den Preisen für CO2-Zertifikate (EUA)?
Dieser ist nur bedingt fundamental erklärbar. Wie schon in der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008/2009 wird der EUA-Handel zur Liquiditätsgenerierung genutzt. Denn viele Unternehmen verkaufen die EUA am Spotmarkt und bekommen dann direkt die Bezahlung des Verkaufs und kaufen als Gegenposition einen Forward ein. So sind diese Unternehmen zwar EUA-technisch neutral, haben aber, da die Forwardkontrakte erst bei der Lieferung im Dezember bezahlt werden müssen, kurzfristige Liquidität generiert.  

Wie wirkt sich die Entwicklung bei den CO2-Zertifikaten (EUA) auf den Terminhandel aus?
Da insbesondere der EUA-Preis von fast 25 auf 15 Euro pro Zertifikat gefallen ist, wurden alle anderen Kontrakte mit nach unten gezogen. Insbesondere der Aprilkontrakt ist im Base um fast 33 Prozent von 30 Euro pro MWh am Anfang der Woche auf 20 Euro pro MWh gefallen. Insbesondere der Lasteinbruch, der in den kommenden Wochen zu erwarten ist, sowie der Rückgang der gesamteuropäischen Stromnachfrage im Zuge der Ausgangssperren, setzten diese Oster-Kontrakte mächtig unter Druck. Der Q3-20 Kontrakt hat im Base sechs Euro pro MWh verloren in der letzten Woche und liegt jetzt bei 28 Euro pro MWh. Hier ist mit weiteren Preissenkungen zu rechnen, je nach Entwicklung der EUA-Preise und der europäischen Pandemieentwicklungen. Das Jahresband Base ist von 39 Euro pro MWh auf 34 Euro pro MWh gefallen. Hier werden die EUA-Preise auch nochmals einen deutlichen Effekt haben. 

Die Preise für Öl und Erdgas sind in den vergangenen zwei Wochen deutlich gesunken. Wie ist ihr Ausblick?
Erdgas hat sich auf einem schon niedrigen Niveau im Jahresband 2021 von 14 Euro pro MWh auf 12,50 Euro pro MWh weiter abwärts bewegt. Aber gerade die Sommermonate liegen zurzeit bei acht Euro pro MWh. Ein weiterer Preisverfall ist hier durchaus möglich. 

(Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)

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