Ulf Moslener ist Professor für Sustainable Energy Finance an der Fakultät der Frankfurt School und dort auch Wissenschaftlicher Leiter des "FS-UNEP Collaborating Centre for Climate and Sustainable Energy Finance".

Ulf Moslener ist Professor für Sustainable Energy Finance an der Fakultät der Frankfurt School und dort auch Wissenschaftlicher Leiter des "FS-UNEP Collaborating Centre for Climate and Sustainable Energy Finance".

Bild: © Frankfurt School of Finance

Von Hans-Peter Hoeren

"Nachhaltigkeit steht in der Politik aktuell nicht sehr hoch im Kurs. Das merkt man an allen Ecken und Enden", sagt Ulf Moslener, Professor für Sustainable Energy Finance an der Fakultät der Frankfurt School und dort auch Wissenschaftlicher Leiter des "FS-UNEP Collaborating Centre for Climate and Sustainable Energy Finance". Das merke man auch an den Prioritäten im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung, auch wenn das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 jetzt im Grundgesetz verankert werden soll. "Offensichtlich haben andere, größere Themen, wie die Sicherheitspolitik oder die Wirtschaftspolitik das Thema Klima zeitweilig etwas verdrängt", sagt Moslener. Auch die jüngsten Vorschläge aus Brüssel, die Vorgaben der EU-Nachhaltigkeitsdirektive CSRD zu lockern, hingen mit einer Refokussierung auf Themen wie Wettbewerbsfähigkeit und Reduzierung des bürokratischen Aufwands zusammen.

"Die aktuellen Berichtsvorgaben sind im Detail sicherlich übertrieben. Dass es hier Vereinfachungen geben muss und wird, darüber herrscht breiter Konsens über alle Branchen hinweg“, betont der Experte. Nachhaltigkeitsberichterstattung sei eben kein Selbstzweck, sondern müsse Informationen und Transparenz liefern über die Daten, die wesentlich seien, um ein Unternehmen in Richtung der selbst gesetzten Transformationsziele zu steuern oder auch daran zu messen .

Es gibt aber auch Aspekte, die Moslener an der jüngsten breiten Diskussion über die Vorschläge der EU-Kommission zur Omnibus-Initiative sehr stören. "In der öffentlichen Diskussion geht es momentan immer sehr stark um das Zusammenstreichen von Vorgaben. Letztlich muss aber auch sichergestellt sein, dass Investoren und Stakeholder aussagekräftige Informationen darüber bekommen, wie sich ein Unternehmen im Strukturwandel aufstellt."

"Transitionspläne für Industrie sind noch nicht ausdetailliert"

Die CSRD sei stark von der EU-Taxonomie beeinflusst. Dieses Klassifikationssystem soll die Aktivitäten und Geldflüsse vorantreiben, die den Klimazielen entsprechen. "Der Fokus bei Einführung der Taxonomie war vor allem, das Greenwashing zu verhindern.“ Das sei mittlerweile aber nicht mehr die Hauptherausforderung. Vielmehr gehe es darum, insbesondere die energieintensive Industrie in Richtung Klimaneutralität zu transformieren. 

Das lasse sich besser mit Transitionsplänen erreichen. "Die grundsätzliche Berichterstattung über Transitiionspläne ist auch in der CSRD festgelegt, aber sie ist noch nicht ausdetailliert.“ Es gebe noch keine Festlegungen, was in solch einem Plan enthalten sein solle, wie die erforderlichen Eckdaten und eine Standardisierung aussehen sollen. Die großen Unternehmen, die künftig gemäß CSRD Nachhaltigkeitsberichte erstellen müssen, werden sicherlich auch einen Transitionsplan erstellen müssen. "Diesem Thema sollten die Regulierungsbehörden der EU künftig mehr Aufmerksamkeit schenken."

Europäische Datenplattform könnte Standardisierung erleichtern

Da manche Unternehmen wohl künftig nicht mehr berichtspflichtig sein werden, setzt Moslener einige Hoffnung in den freiwilligen Berichstsstandard für KMU: Viele Unternehmen aus dem "sehr heterogenen KMU-Bereich“ könnten jetzt nach VSME-Standard berichten. "Die Investoren und Kreditgeber werden früher oder später ohnehin nachvollziehbare Daten zur Frage verlangen, wie das Unternehmen mit dem Strukturwandel umgeht. Darauf muss sich jedes Unternehmen vorbereiten.“ Zentral sei, dass der Aufwand für kleinere und mittlere Unternehmen bei der Datenbereitstelltung verhältnismäßig sei. Ein Instrument hierzu könnte eine Europäische Datenplattform sein, über die standardisiert auf Anfragen die notwendigen Informationen an Geschäftsbanken und andere Kreditgeber ermöglicht werden. "Das wäre eine sinnvolle Standardisierung, so dass man nicht für jeden Kreditantrag quasi eine neue Datensammlung benötigt."

Und welche Rolle spielt dabei die Finanzwirtschaft? Kann sie über ihre Vorgaben die Realwirtschaft in Richtung Klimaneutralität und Strukturwandel bewegen? Moslener schüttelt den Kopf. "Der primäre Hebel für die Transformation ist die Regulierung der Realwirtschaft, etwa der CO2-Preis." Sustainable Finance könne die Transparenz über eine Geldanlage oder Investment im Sinne von Klimarisiken erhöhen. "So etwas schafft eine gute Informationsbasis, um zu sehen, wie die Projekte oder Unternehmen, in die das Geld investiert wird, im Strukturwandel aufgestellt sind. Darauf kann man als Investor dann reagieren."

"Entscheidend ist das Geschäftsmodell der Unternehmen"

Die Tatsache, dass in den letzten Jahren deutlich weniger Geld in ESG-Fonds investiert wurde und solche Investments von republikanischen Kreisen in den USA zunehmend kritisiert werden, wertet der Finanzexperte deshalb auch als eine "sehr oberflächlich und oft eher politisch begründete Handlungsweise". Man müsse auseinanderhalten:  Einer verwirrenden Vielzahl von ESG-Indikatoren hinterherzulaufen und dabei unklar zu lassen, ob mit den Investitionen eine Wirkung (Impact) verbunden ist, das könne tatsächlich nicht im Sinne der Anleger sein.  Darauf ziele die Kritik häufig – und oft zu Recht. "Die entscheidende Perspektive aber ist, ob das Geschäftsmodell eines Unternehmens mit dem 2-Grad-Ziel zusammenpasst – oder aber die Erreichung vielleicht sogar noch erschwert." 

Dann bekomme das Thema automatisch eine finanzielle Risikodimension – wenn nämlich das Unternehmensziel im Widerspruch zu den regulatorischen Zielen der Regierung und der Regulierung steht. Wenn – wie derzeit in den USA – die Regierung selbst die Notwendigkeit von Emissionsminderung verneint, macht das die Entscheidung für die Unternehmen auch nicht immer leichter, denn sie wissen nicht, ob nicht kommende Regierungen das Thema ambitionierter aufgreifen.

Insbesondere für Energieunternehmen, mit ihren langfristigen, auf Jahrzehnte ausgelegten Investitionszyklen seien hier langfristige stabile Planungshorizonte zentral. "Sehr hohe Schwankungen in der Regulierung, wie jetzt in den USA, und damit automatisch Unsicherheit über die kommende Regulierung, sind kontraproduktiv für alle Energiekonzerne, egal ob sie sich als Vorreiter auf die Erreichung der Klimaziele einstellen, oder ob sie nur minimalistisch auf die regulatorischen Anforderungen reagieren wollen. Wenn man also akzeptiert, dass die Emissionen irgendwann einmal gegen Null sinken müssen, dann wird dieses "hin und her" im Nachhinein den Wandel nur teurer und riskanter gemacht haben."

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