Das Thema kommunale Wärmeplanung nimmt an Fahrt auf. Bei der Bewältigung der damit verbundenen Herausforderungen empfiehlt Carsten Diermann, Prokurist und Berater beim Beratungsunternehmen LBD, vor allem kleinen Kommunen umfassende Kooperationen. Wie die Modelle aussehen könnten und wie das Tool "INFRA|Wärme" dabei helfen soll, erläutert er im Interview mit der ZfK.
Herr Diermann, welchen Fortschritt sehen Sie in der Umsetzung der Energiewende durch die Versorger und welche Rolle spielt die Digitalisierung dabei?
Diermann:
Wir haben das Stadium der Forschungs- und Leuchtturmprojekte verlassen - das ist der wesentliche Unterschied zu den vergangenen Jahren. Statt in einzelnen Objekten oder Quartieren wird heute immer öfter in der ganzen Stadt oder zumindest im Stadtteil gedacht. Die Transformation wird ganzheitlich gedacht und wird daher auch wirkungsvoller umgesetzt. Die Versorger gehen mit einem hohen Tempo in die Umsetzung. Die Dynamik ist enorm, aber auch der Zeitdruck. Wenn wir auf die kommunale Wärmeplanung schauen, kommt das einem Neubau der Wärmeinfrastrukturen gleich. Um das in so kurzer Zeit zu bewältigen, digitalisieren Versorger zunehmend ihre Planungsprozesse. Während dies in der Vergangenheit vorrangig durch Effizienzdruck im regulierten Stromnetz getrieben war, geht es jetzt um ein vitales Geschäftsentwicklungsinteresse.
Die Dringlichkeit dieses Vorhabens aufgrund der ambitionierten Klimaschutzziele ist enorm, und insgeheim zweifeln viele daran, dass es in diesem Tempo überhaupt möglich ist. Die knappen Ressourcen werden deshalb auf die ökonomisch und ökologisch effektiven Maßnahmen fokussiert, nicht mehr auf die am besten geförderten. Statt weiterer Leuchttürme, sind die Maßnahmen heute breiter angelegt.
Welche sind es beispielsweise?
Nun, die Versorger haben mittlerweile Investitionspläne mit genauen Beträgen. Beim Fernwärmenetzausbau wurden zum Teil ganze Stadtteile mit Anschlusspotenzial und mögliche Standorte für klimaneutrale Energieerzeugung identifiziert und als Ausbaugebiete festgelegt. Die Frage ist dann nicht mehr, ob der Versorger einen Kunden an ein Wärmenetz anschließt, sondern wann. Dafür werden die Planungen jetzt sukzessive bis auf das Gebäude runtergebrochen und Straßenzug für Straßenzug, Stadtteil für Stadtteil die Netze ausgebaut. Im Ergebnis können Versorger, beispielsweise MVV, online einen Verfügbarkeitscheck für Fernwärme mit erwartetem Anschlusszeitpunkt anbieten. Diesen Grad an Konkretisierung bis zum Kunden gab es noch vor 2 Jahren nicht.
Das beschleunigt auch die Arbeit im Vertrieb. Ein Beispiel: Ein Versorger hatte vor der Krise rund 100 Fernwärmeanschlüsse pro Jahr geschafft, gleichzeitig gab es dafür auch rund 100 Kundenanfragen, das war machbar. In der Hochpreisphase hat dieser Versorger binnen eines Jahres gleich 3.000 Anfragen bekommen. Stellen sie sich allein den Aufwand vor, wenn früher jede Anfrage manuell geprüft und beantwortet worden wäre. So kann man diesen Boom nicht bewältigen.
Carsten Diermann, LBD
Warum?
Es gibt in den Kommunen und Stadtwerken in der Regel wenige Know-how-Träger, die können nicht einfach mehr als zehn Mal soviel schaffen, schon gar nicht wenn noch mit Excel gearbeitet wird. Die Mitarbeiter und ihre Erfahrung reichen für das Projektvolumen, das hohe Transformationstempo und die Komplexität nicht aus. So sind die Kommunen und Versorger am Ende auf Experten und Partner von außen angewiesen, die diese Prozesse beschleunigen und neu organisieren können. Diese Weiterentwicklung passiert auch gerade bei vielen Versorgern. Hinzu kommt die Frage der Finanzierung von solchen umfangreichen Projekten. Dafür wird mehr thesauriert und Kapitalerhöhungen werden zum Thema, zum Beispiel bei Mainova. Viele Kommunen, besonders solche in der Haushaltssicherung, haben aber leider nicht die notwendige Finanzkraft.
Für die Umsetzung solcher ambitionierten Vorhaben im Wärmesektor bietet auch LBD ein spezielles Tool an. Wie funktioniert "INFRA|Wärme"?
"INFRA|Wärme" ist eine All-in-one-Software für die Wärmeplanung. Von der Bestandsanalyse über die Potenzialanalyse bis zum Zielszenario und den Maßnahmen erfüllt die Software alle Belange einer gesetzeskonformen kommunalen Wärmeplanung, ist aber gleichzeitig auch für Transformationspläne oder Machbarkeitsstudien von Wärmenetzen nach BEW geeignet.
Mithilfe von Geodaten, ähnlich einem digitalen Zwilling, wird unser energiewirtschaftliches Know-how aus 30 Jahren strategischer Beratung in Form von intelligenten Algorithmen zu realisierbaren Maßnahmen verarbeitet. Das kann helfen eine Vielzahl von Projekten schnell zu einer Erstbewertung zu bringen, gegenüber Kommune und Kunden sprechfähig zu werden sowie sich auf die Projekte mit der höchsten Umsetzungswahrscheinlich zu konzentrieren. Das entlastet die knappen Ressourcen. Wir nutzen das Tool selbst in unseren Projekten, bieten es aber auch Versorgern und anderen Planern und Beratungen für die kommunale Wärmeplanung an.
Welche Lösungsvorschläge haben Sie für die kleineren Kommunen?
Im Idealfall schlage ich Kooperationen vor, um den Herausforderungen gerecht zu werden. Oftmals gibt es nur einen einzigen Klimaschutzmanager, der von den Dingen was versteht. Das genügt aber nicht. Deshalb empfehle ich auch, für diese Aufgaben die Konzessionsnehmer anzusprechen, also die Netzbetreiber vor Ort. Denn die meisten kleineren Kommunen haben einen Netzbetreiber, hinter dem ein größerer Regionalversorger steht, mit entsprechenden Kompetenzen und Kapazitäten.
Carsten Diermann, LBD
Als Kommune hätte ich diese Erwartungshaltung: "Der Versorger muss es für mich lösen". Wir wiederum empfehlen den Energieversorgern sich als Wärmewendedienstleister zu positionieren. Es betrifft doch ihre Kernkompetenzen. Also geht in Vorleistung für alle Kommunen in eurem Einzugsgebiet und macht euer Kerngeschäft profitabel. Auch dafür ist "INFRA|Wärme" bestens geeignet.
Die lokalen Versorger vor Ort können sich mit dieser Positionierung ein Alleinstellungsmerkmal erarbeiten. Sie bieten den verunsicherten Bürgern Lösungen zur Dekarbonisierung an. Wenn sie dies nicht tun, werden andere die Lücke besetzen und zu den Etablierten in deren Kerngeschäft in Wettbewerb treten, in der Errichtung und dem Betrieb von Infrastrukturen.
Das Interview führte Artjom Maksimenko
