Die jüngsten großen Discounterinsolvenzen haben Spuren in der Bilanz der Technischen Werke Schussental Netz (TWS Netz) hinterlassen. Rund 150.000 Euro an Durchleitungsentgelten hat der baden-württembergische Netzbetreiber im Zuge der Pleiten der Bayerischen Energieversorgung (BEV) und der Deutschen Energie (DEG) verloren – das sind rund zehn Prozent des Jahresgewinns. Zudem gab es allein im Netzgebiet der TWS Netz aufgrund der Pleiten der BEV und der DEG Umlagenausfälle von rund einer Million Euro, hochgerechnet auf das gesamte Bundesgebiet entspräche das Einbußen von rund 100 Millionen Euro.
"Zahlen müssen diese Ausfälle die Allgemeinheit, so kann es auf Dauer nicht weitergehen", kommentiert Helmut Hertle, Chef von TWS Netz. Er fordert, dass neue Energievertriebe künftig von der Bundesnetzagentur kritischer geprüft werden. Hertle plädiert für eine Präqualifizierung, in deren Rahmen der Businessplan eines neuen Anbieters auf seine wirtschaftliche Tragfähigkeit hin abgeklopft wird.
"Sicherheiten, um in Unterdeckung zu fahren"
"Ein neuer Anbieter muss entweder plausibel darlegen, dass er extrem günstige Beschaffungskonditionen hat oder aber über einen starken Partner an der Seite verfügt oder über eine andere Sicherheit, die ihm ermöglicht, mindestens ein Jahr lang in Unterdeckung zu fahren", bekräftigt Hertle. Sollte diese Prüfung negativ ausfallen oder nicht durchgeführt werden können, müsse die Bundesnetzagentur die Netzbetreiber entsprechend informieren. "Dann müssen wir die Chance bekommen, bei solchen Lieferanten künftig Vorkasse zu verlangen." Lehne der Energielieferant das ab, könne der Netzbetreiber den Lieferantenrahmenvertrag kündigen.
Aktuell sei das nur möglich, wenn bereits ein Forderungsrückstand bestehe. "Dann ist das Kind aber bereits oftmals fast in den Brunnen gefallen und dann können wir mit der Umstellung auf Vorkasse fast nichts mehr absichern", erklärt der Geschäftsführer von TWS Netz. Es gehe ihm nicht darum, Markteintrittsbarrieren für neue Player aufzubauen. "Wir begrüßen die Akteursvielfalt und den diskriminierungsfreien Marktzugang, aber es müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen", bekräftigt er.
"Keine Alarmzeichen bei BEV und DEG"
Rund 850 Strom- und Gaskunden im Netzgebiet der TWS Netz waren von den Konkursen der BEV und der DEG betroffen. "In beiden Fällen gab es für uns keine Alarmzeichen, dass eine Insolvenz bevorsteht. Die waren absolut unauffällig", versichert Hertle. Beide Anbieter hätten weder offene Forderungen gehabt, noch hätten sonstige "Klärfälle" bestanden – darunter versteht er offene Positionen, die unterschiedliche Ursachen haben können. Im günstigsten Fall handelt es sich um systemtechnische Ursachen, im schlechtesten Fall nutze ein externer Vertrieb diese Möglichkeit aber auch, um Liquiditätsengpässe zu überbrücken. Dies sei beispielsweise bei Teldafax der Fall gewesen.
"Wir sind gebrannte Kinder"
Aufgrund früherer großer Konkurse von Energiediscountern wie Flexstrom oder Care Energy haben die TWS Netz seit längerem ein sehr engmaschiges Prozedere aufgebaut, um offene Forderungen einzutreiben, erklärt Hertle. "Da sind wir gebrannte Kinder, das ist für uns nichts Neues." Bei der BEV und der DEG hätten trotz der genauen Beobachtung keine Frühindikatoren auf eine Schieflage hingedeutet; außer den teils immensen Preiserhöhungen bei beiden Anbietern – mit entsprechenden Protesten der Kunden.
"Trotz Unwohlseins die Füße stillgehalten"
"Deswegen haben wir die Füße still gehalten, obwohl sich ein gewisses Unwohlsein einschlich", so Hertle. "Das war ganz schwierig abzuwägen". Letztlich sei das Risiko, sich schadensersatzpflichtig zu machen, wenn man beispielsweise in Vorkasse gehe, aber zu groß. Die offenen Forderungen gegenüber BEV und DEG habe man zur Insolvenztabelle angemeldet. Die Erfahrungen der letzten großen Discounterpleiten zeigen aber, dass man den kompletten Betrag wohl abschreiben müsse.
Die jüngsten Discounterpleiten beschäftigen die TWS massiv, stellt deren Geschäftsführer Andreas Thiel-Böhm klar. "Die Vorgänge zeigen auch, was kurzfristiges Denken und extremes Fixieren auf billig-billig verursacht", so Thiel-Böhm. Dazu gehöre auch die Diskussion um Etikettenschwindel bei Ökostrom, die ein Mitbewerber kürzlich angestoßen habe.
TWS Netz wurde freiwillig unbundelt
Die TWS sind 2001 aus der Fusion der Stadtwerke Ravensburg und Weingarten entstanden. Die eigene Netzgesellschaft TWS Netz wurde freiwillig unbundelt, rein von der Größe des Querverbundunternehmens wäre dies nicht erforderlich gewesen. Das von der EnBW gepachtete Stromnetz in Ravensburg und Weingarten wurde 2008 in die TWS Netz eingebracht, diese betreiben außerdem das Gas- und das Wassernetz. In den Stromvertrieb ist das Unternehmen erst 2008 eingestiegen und verkauft ausschließlich Grünstrom aus eigenen Anlagen und Beteiligungen.
Solides Jahresergebnis, rückläufige Absatzzahlen
Im Geschäftsjahr 2018 erwirtschaftete das Unternehmen einen Jahresüberschuss von 3,32 Mio. Euro, das entspricht dem Niveau der Vorjahre. Von dem Gewinn fließen 2,5 Mio. Euro an die Anteilseigner, die Städte Ravensburg und Weingarten sowie EnBW. Rund 0,8 Mio. Euro werden den eigenenen Rücklagen zugeführt. Der Umsatz des TWS-Konzerns sank um rund zehn Prozent auf 129,9 Mio. Euro.
Der Gasabsatz ging witterungsbedingt um rund 15 Prozent zurück auf 801 Mio. kWh, der Wärmeabsatz um rund drei Prozent auf 21,7 Mio. kWh. Aufgrund des Wegfalls eines größeren Sonderkundens resultierte auch beim Stromabsatz ein Minus von 6,7 Prozent – in dieser Sparte wurden insgesamt 265,5 Mio. kWh Strom verkauft.
Deutlicher Zuwachs bei Ökostromerzeugung
Zu einem wichtigen Geschäftsfeld hat sich in den vergangenen Jahhren für die TWS die Eigenerzeugung von Ökostrom entwickelt. Im vergangenen Jahr wurden 73,5 Mio. kWh in eigenen EEG-Anlagen und Beteiligungen produziert. Das Plus von acht Prozent gegenüber dem Vorjahr ist vor allem den vielen Sonnenstunden und einer neuen Windkraftanlage zu verdanken.
Viel Know-how hat sich das Unternehmen auch im Bereich moderner Wärmelösungen, von größeren Heizungsanlagen bis hin zu Wärmenetzen, erarbeitet. Inzwischen betreut es rund 90 Heizungsanlagen und bietet bis zur Verbrauchsabrechnung einen Komplettservice an. Zu den Kunden zählen Kommunen, Wohnungsbauunternehmen und Betriebe. Dieses Standbein steht stellvertretend für den laufenden Wandel vom reinen Versorger zum Energiedienstleister. (hoe)

