Vielerorts entstehen in den nächsten Jahren im Zuge der Wärmewende neue Wärmenetze. "Wir werden aktuell mit Nachfragen nach Fernwärme überrannt und können das vorhandene Interesse gar nicht kurzfristig bedienen", sagt Eva Wußing, Leiterin Kommunikation und Marke und Pressesprecherin der Stadtwerke Aachen AG (Stawag).
Kunden, denen bis zum Anschluss an das Fernwärmenetz die Heizung kaputt geht, stellt das vor ein Dilemma. Sie müssten in ein neues Gerät investieren, das sie aber nur einige Jahre noch benötigen. "Um diesen Schmerz zu lindern, bieten wir dem Kunden eine Übergangslösung an, bis er an das Wärmenetz angeschlossen wird", erklärt Ekaterina Soloveva aus dem Vertrieb der Stawag.
Aachen hat viele Mehrfamilienhäuser mit Gasetagenheizung
Seit Jahresbeginn bietet der Kommunalversorger unter dem Namen „Wärme Plus Flex“ eine Gasbrennwerttherme im Contracting an. Da es in Aachen historisch bedingt viele ältere Mehrfamilienhäuser mit Gasetagenheizung gibt, sieht sie hier viel Potenzial. Die Lösung sei aber auch geeignet für Eigentümer von Einfamilienhäusern, die ihr Haus umfassend sanieren und dämmen wollten, bevor sie eine Wärmepumpe installierten.
"Wir haben uns ein Kontingent von einigen Dutzend neuer Heizungsanlagen eingekauft in der Standardklasse von 22 kW", sagt Soloveva. Diese werden nach dem Anschluss der Kunden an das Fernwärmenetz wieder ausgebaut und sollen im Idealfall dann in anderen Haushalten zum Einsatz kommen. Die monatliche Miete liegt bei 159 Euro. Bei der Akquise von Fernwärmekunden werden diese aktiv von der Stawag auf diese Übergangslösung angesprochen.
Diskussion über "Gebrauchtheizungsbörse"
"Noch ist die Nachfrage verhalten, viele Kunden sind verunsichert durch die Diskussionen um das Gebäudeenergiegesetz und warten ab", sagt Soloveva. Die Konstellation, dass jemand perspektivisch an ein neues Wärmenetz angeschlossen werden wolle und eine Übergangslösung benötige, sei bisher offenbar noch nicht oft eingetreten. Sie rechnet damit, dass sich das ändern wird, sobald die Kommunale Wärmeplanung für Aachen vorliegt.
Die Meinungen über die Umsetzbarkeit derartiger Miet-Heizungslösungen im jeweiligen Stadtwerkevertrieb gehen in der Branche auseinander. Nicht wenige Stadtwerke überlassen dieses Geschäft dem Handwerk respektive den Installationsbetrieben oder Herstellern und verweisen auf die Vielzahl an installierten Heizungsmodellen.
Neben der Stawag bietet unter anderem auch die Badenova eine derartiges Produkt an. Seit Längerem wird zudem in der Politik die Notwendigkeit einer Gebrauchtheizungsbörse wird immer wieder diskutiert, um die Zeit bis zum Anschluss an die Wärmenetze zu überbrücken.
"Lösungsbündel aus einer Hand"
Die Stawag hat bereits vor Jahren das Heizungs- und Wärmecontracting ausgebaut, Wärmepumpen hatte der Versorger bereits vor dem Beginn des Ukrainekriegs im Portfolio. "Die Bedeutung des Contractinggeschäfts ist immer mehr gestiegen, insbesondere seitdem wir Standardleistungen ausgeschrieben haben", sagt Ekaterina Soloveva. Insofern sei die Mietheizung eine logische Weiterentwicklung des Angebots.
Auch die Nachfrage nach Energiedienstleistungen sei enorm gewachsen. "Wir versuchen alle Dienstleistungen zusammenzufassen und zu verzahnen. Lösungsbündel aus einer Hand bestehend aus PV, E-Mobilität und Wärme werden immer bedeutsamer."
Die gesamte Kommunikation und die Beauftragung der Fachpartner laufen über eine Workflow-Plattform, die man gemeinsam mit Partnern entwickelt habe. Perspektivisch sollen alle zentralen Prozesse über die Plattform laufen.
Regionale Kooperationen mit Handwerksbetrieben
Die Energiedienstleistungen sind bei der Stawag inzwischen ein profitables Geschäftsfeld, vor allem auch aufgrund des hohen Grads an Standardisierung und der damit einhergehenden Effizienzsteigerung. Die Stawag hat über Jahre umfassende regionale Kooperationen mit Handwerksbetrieben aufgebaut und kann hier aus einem größeren Pool schöpfen.
Stark profitiert haben die Stadtwerke Aachen beim Aufbau des Wärme- und Heizungsvertriebs auch von einer besonderen Konstellation und Kooperation, der sogenannten "Energiemeile" in Aachen. Im Zentrum der Stadt liegen der auf E-Mobilität und PV spezialisierte E-Store der Stawag, die Verbraucherzentrale mit starkem Energiefokus samt Schuldnerberatung, das auf Energieeffienz-Beratung spezialisierte Netzwerk „effeff.ac“ und die städtische Modernisierungsberatung "Altbau plus" direkt nebeneinander. "Diese Institutionen befruchten sich gegenseitig", erklärt Eva Wußing.
"Wir haben einen langen Atem"
Im Heizungsvertrieb setzt die Stawag aktuell sehr stark auf Wärmepumpen und Hybridlösungen. Aber auch Gasbrennwertthermen sind weiterhin im Angebot und werden noch häufiger nachgefragt. „Der Kunde ist König. Wir beraten und machen darauf aufmerksam, dass es klimafreundlichere Lösungen gibt und sich der steigende CO2-Preis in einigen Jahren stärker im Portemonnaie niederschlagen wird“, betont die Presseverantwortliche.
Dies werde mit der Zeit auch zu einem Umdenken bei den Anschaffungsprioritäten der Kundinnen und Kunden führen, ist sie überzeugt. Nach dem Run auf die Gasbrennwertthermen werde sich das Blatt wieder ein Stück weit wenden, hofft Eva Wußing. „Dann sind wir mit unserem Portfolio gut aufgestellt. Wir haben einen langen Atem und hoffen auf kurz oder lang, die entsprechenden Früchte zu ernten.“ (hoe)



