Herr Gehlhaar, Sie sagen, die Fridays-for-Future-Generation wird künftig einen großen Teil des Arbeitsmarktes ausmachen. Was heißt das konkret für Versorger, wie müssen diese sich auf die FFF-Generation ausrichten?
Nachhaltigkeit wird nicht mehr nur ein rein strategisches Thema sein, sondern ein umfassender Bestandteil der operativen Tätigkeit erfolgreicher Unternehmen werden. Das wird viele Unternehmensteile betreffen – von der Unternehmensstrategie, der Investitionstätigkeit, den vertriebenen Lösungen, der zur Verfügung gestellten Infrastruktur bis hin zur Arbeitsumgebung, der Zusammenarbeit und den Partnern, die die Unternehmensfähigkeiten ergänzen. Nachhaltigkeit wird besonders im externen Auftritt gegenüber den Kunden dieser Generation wichtig aber auch im Hinblick auf eine stringente Marke sowie tatsächliche Lösungen und Angebote. Doch auch aus interner Sicht geht es darum, genau diese Fridays-for-Future-Generation sowie ihre Vorgänger als Mitarbeiter für Energieversorger zu begeistern. Eine nicht zu unterschätzende Aufgabe, die sich nicht über die Kommunikationsabteilung allein lösen lässt.
Wie groß sehen Sie die Gefahr, dass Akteure aus anderen Branchen, in den Energiemarkt drängen? Was können Versorger hier tun?
Diese Prognose wird bereits seit mehreren Jahren getroffen. Faktisch ist das auch in vielen Bereichen bereits passiert, vor allem im Bereich der energienahen Dienstleistungen und non-commodity Produkte, wie Energieeffizienzprodukte und Smart Home. Zudem gibt es in Bereichen, wie Discountern oder Telekommunikationsunternehmen immer wieder Vorstöße in das klassische Commodity-Geschäft. Aber der große Effekt einer merklichen Wettbewerbsverschiebung in Richtung einzelner Anbieter ist bisher ausgeblieben. Stattdessen erleben wir eine langsame Marktdisruption, die vor allem auf den Mechanismen beruht, die die Digitalisierung schafft: unerbittliche Transparenz und Vergleichbarkeit von Angeboten, Preiswettkampf verbunden mit starken Anreizen (Boni) sowie hohen Kosten für eine immer neue Kundenerfahrung plus Kosten für die Positionierung von Angeboten, zum Beispiel in Rankings etc. Damit haben andere Branchen, wie Reise, Hotellerie, Versicherungen und Banken schon länger zu kämpfen. Das führt dazu, dass Margen langfristig schrumpfen, gerade wenn noch hohe Kosten für nicht-differenzierende Abwicklungsprozesse dazukommen. Alles in allem ist dies kein einfacher Markt, zumal einzelne non-commodity Produkte diese Entwicklung nicht auffangen können, sondern wahrscheinlich nur ein wirtschaftlich betriebenes Portfolio, das verschiedene Angebote kombiniert.
Sie sagen voraus, dass dieses Jahr Speichertechnologien in Kombination mit Erneuerbaren einen Boom erleben werden. Können Sie das genauer erläutern?
Wir fragen uns in diesem Zusammenhang, wann diese kombinierten Lösungen tatsächlich breiter skaliert werden. Die Lehre aus den letzten Jahren zeigt, dass über viele Produktbündel und -möglichkeiten gesprochen wird, der finale Sprung in eine annähernde Massentauglichkeit aber ausgeblieben ist. Vor dem Hintergrund der zahlreichen Diskussionen um E-Mobilität und dem Bekenntnis zu Förderungen und Investitionen in diesem Bereich, ist eine Verstärkung der Nachfrage hier wahrscheinlicher geworden. Es braucht einen Anlass, um über den eigenen Energie- und Stromverbrauch und über mehr Autarkie nachzudenken. Denn dieses Thema ist – von periodisch wiederkehrenden Preisanstiegsdiskussionen mal abgesehen – nicht ganz oben auf der Prioritätenliste der meisten Menschen. Da ist die Elektrifizierung des Autos als liebstes Spielzeug der Deutschen kein schlechter Anlass.
Wie schätzen Sie das Potenzial von Wasserstoff ein?
Die Potenziale und Chancen von Wasserstoff als Energieträger sind in Studien klar umrissen und je nach Szenario abhängig von der Ambition beim Klimaschutz. Genau diese Ambition ist nicht immer leicht herauszulesen aus der deutschen Klimapolitik der letzten zehn Jahre. Damit geht eine große Unsicherheit für jede Investition und Innovation in diesem Bereich einher. Das gilt auch für andere Bereiche von smarteren Netzen bis zu Erneuerbaren Energien. Da haben wir von der Odyssee zum Smart Metering über die Planungszeiträume der zu schaffenden Höchstleistungstrassen bis hin zum Ausbremsen der Windenergieerzeugung als Volkswirtschaft ein eher trauriges Bild abgegeben. Meiner Überzeugung nach ist also Klarheit bei Ambitionen und dem Weg hin zum Klimaschutz die Kenngröße, an der sich die Klima- und Energiepolitik der nächsten zwei bis drei Jahre messen lassen muss.
Die Fragen stellte Stephanie Gust


