Die Tochter hat sich herausgeputzt, dürfte aber dennoch auf ein ziemlich eigenständiges Weiterleben in der neuen Familie pochen: die EnviaM-Gruppe, einer der größten Regionalversorger mit Sitz in Chemnitz, gehört zum geplanten Übernahmeportfolio des Eon-Konzerns. Doch weil der einstige RWE-Spross, der im letzten Jahr zu Innogy gewandert war, zu 41,43 Prozent im Besitz von 650 meist kleineren Kommunen aus Ostdeutschland ist, könnte es mit einer Aufteilung des Versorgungsgeschäftes (zu Eon) und der Erzeugung aus erneuerbaren Energiequellen (RWE) hier schwierig werden. Denn das müssten die Minderheitsgesellschafter mitmachen.
Der im Spätsommer ausscheidende Vorstandsvorsitzende von enviaM, Tim Hartmann, wollte oder durfte zu der anstehenden Übernahme nichts sagen. Dennoch blieb zwischen den Zeilen der vorgelegten Bilanz genügend Raum, um entsprechende Zukunftsszenarien zu analysieren. Der Regionalversorger hatte in den vergangenen Jahren die Eigenerzeugung in der AG konzentriert und dabei vor allem auf Erneuerbare gesetzt: 120 Mio. Euro wurden seit 2011 in Windpark-Beteiligungen und Photovoltaik-Anlagen investiert, allein 2017 kamen acht neue Standorte hinzu, so dass inzwischen die Eigenerzeugung aus Wind, Sonne, Biomasse und auch Wasserkraft die 100 MW-Grenze überschritten hat.
Beteiligungsmodelle für Stadtwerke
Zudem bietet EnviaM Bürgergenossenschaften und Stadtwerken Beteiligungsmodelle an: Bisher haben allein zehn Stadtwerke Anteile von solchen Portfolios erworben. 2018, so berichtete Hartmann genüsslich, kommen Erweiterungen von Windparks in Sachsen-Anhalt (Lützen) und Brandenburg (Woschkow, Trampe) sowie eine neue Photovoltaik-Anlagen in Bitterfeld-Wolfen hinzu. "Wir sind ein integrierter, eigenständig operierender Konzern", sagt Hartmann dazu – das könnte auch gut und gern ein Ruf in Richtung Eon sein.
Diese Investitionen laufen parallel zum Netzausbau, der sich vor allem auf die Ertüchtigung der Aufnahmekapazität für neue Kapazitäten bei Wind und Sonne konzentriert. Den 262 Mio. Euro, die dafür aufgewendet wurden sollen im laufenden Jahr zwar nur 235 Mio. folgen, doch ist inzwischen auch der Ausbaugrad enorm: 2017 betrug rein rechnerisch die Einspeisung aus Wind und Sonne im Netzgebiet von EnviaM über 97 Prozent und dürfte damit inzwischen sogar den Bedarf übersteigen. In Brandenburg lag dieser Wert bereits 2017 deutlich über dem Doppelten der Verbrauches, was Hartmann erneut zu der Forderung veranlasste, dass die politischen Weichen für eine wirtschaftlich tragbare Sektorkopplung nun endlich zu stellen seien.
Gewinn um 40 Prozent gesteigert
Trotz des immer härter werdenden Kampfes um Margen im reinen Vertriebsgeschäft konnte die Innogy-Tochter im abgelaufenen Geschäftsjahr ihren Gewinn um rund 40 Prozent auf 326,7 Mio. Euro (2017: 227,9 Mio.) steigern. Der Umsatz sank allerdings von 2,478 Mrd. Euro auf nunmehr 2,375 Mrd. Euro, was vor allem durch einen nur leicht steigenden Absatz bei Strom (21385 GWh) bei sinkenden Erlösen und einem schwächelndem Gasabsatz von 13543 GWh (2016: 17550 GWh) erklärt werden kann. Inzwischen hat EnviaM die Strompreise um 1,09 Cent/kWh gesenkt, um mehr Kunden zu halten und neue zu generieren.
Freuen können sich die Gesellschafter über die Dividende von 161,3 Mio. Euro. Die 650 Kommunen erhalten zu den 66,8 Mio.Euro zusätzlich noch 32 Mio. Gewerbesteuern und 57 Mio. aus Konzessionsabgaben. (msch)
