Gasag-Finanzvorstand Michael Kamsteeg

Gasag-Finanzvorstand Michael Kamsteeg

Bild: © Gasag

Ob im Vertrieb, im Netzbereich oder bei den Energiedienstleistungen: Der Berliner Energiekonzern will in den nächsten Jahren Schritt für Schritt in seinen zentralen Geschäftsfeldern den CO2-Footprint deutlich reduzieren. Dafür hat er sich entsprechende Nachhaltigkeitsziele gesetzt.

„Wir glauben, dass, wer sich proaktiv als Frontrunner beim Thema Nachhaltigkeit betätigt, auch entsprechende Geschäftschancen bekommt“, erklärte Gasag-Finanzvorstand Michael Kamsteeg im Rahmen einer Podiumsdiskussion bei der diesjährigen VKU-Finanzierungskonferenz im Pavillon der NordLB auf dem Messegelände in Hannover.
 

Banken wurden früh in Strategieprozess miteinbezogen

Auch Geschäftskunden der Gasag, wie die Wohnungswirtschaft, würden entsprechende Nachhaltigkeitsziele einfordern, weil diese auch bestimmten ökologischen, sozialen und die Unternehmensführung betreffenden Standards (ESG-Kritieren) unterworfen seien.

Hier gehe es um ein Wechselspiel zwischen dem Unternehmen, den Banken und den Kunden, durch das man auf Dauer deutlich „mehr Momentum aufbauen können“. Die rund ein Dutzend Finanzierungspartner aus der Bankbranche habe man entsprechend frühzeitig in die Strategiediskussion miteinbezogen.

Kamsteeg: "Am Ende muss es auch wirtschaftlich sein"

„Wir als Geschäftsführung glauben, dass wir uns diesem Thema stellen müssen, am Ende muss es aber auch wirtschaftlich sein“, so Kamsteeg.

Im Zentrum der Diskussion stand die sogenannte EU-Taxonomie, das in Arbeit befindliche Klassifizierungssystem für ökologisch-nachhaltige Geschäftsaktivitäten, das die im Green Deal der EU vorgesehenen Milliardeninvestitionen entsprechend umleiten und lenken soll in Richtung der vorgesehenen Klimaziele.

Einer der strittigsten Punkte ist, ob eine Energieerzeugung aus Gas und Atomkraft künftig als nachhaltig anerkannt wird. Der entsprechende Rechtsakt wird wohl erst im Frühjahr 2022 verabschiedet.

Was der Finanzbranche Sorgen macht

„Wir sind ganz optimistisch, dass wir mit dem eingeschlagenen Weg richtig liegen. Die Herausforderung für uns liegt daran, einen Rahmen zu schaffen, der eine Handreichung gibt, ohne zu stark mit Zwängen oder Verboten zu arbeiten“, erklärte Alexandra Jour-Schröder, stellvertretende Generaldirektorin für Finanzen und Kapitalmarktunion bei der EU (einen weiteren Artikel zu ihrem Vortrag finden Sie hier).

„Für finanzierende Banken, Investoren und die Realwirtschaft ist vor allem Investitionssicherheit wichtig“, machte hingegen der Moderator Hans-Georg Napp, Leiter des Bereichs Öffentliche Hand bei der Helaba, klar. 

Bei allem Verständnis in Richtung Brüssel und Europa und den notwendigen Transformationsprozess dürfe das nicht dazu führen, dass „ganz lang diskutiert und probiert wird“. „Denn während dieser Zeit und dieser beginnenden Transformation muss finanziert und investiert werden.“ Hier gebe es bei den betroffenen Banken und der Realwirtschaft große Sorgen.

Schwelle von 500 Mitarbeitern in der Kritik

Für Unverständnis in der Kreditwirtschaft sorgt etwa die Tatsache, dass die EU-Taxonomie bisher nur für kapitalmarktorientierte Unternehmen mit über 500 Mitarbeitern gelten soll. „Das heißt, ein Stadtwerk, dass unter diese Größe fällt, könnte ein grünes Asset nicht einrechnen, weil es zu klein ist“, kritisierte Andreas Gruber, Leiter Public Affairs und Nachhaltigkeit bei der Deutschen Kreditbank.

Offenbar lässt das Update der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) aber eine Absenkung der Schwelle auf 250 Mitarbeiter zu, wie Annika Winkelmann, Senior Director bei Origination Corporates bei der NordLB erklärte.

Green Deal in Regensburg: Das sind die Finanzierungsherausforderungen

Vor welche Finanzierungsherausforderungen die Energie- und Mobilitätswende die Kommunen stellt, wurde am Beispiel der oberpfälzischen Stadt Regensburg verdeutlicht. Diese hat sich verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis 2030 im Vergleich zu 1990 um 60 Prozent zu reduzieren.

Die Stadtverwaltung will zudem bis 2030 klimaneutral sein, die städtischen Tochterunternehmen, wie etwa der Energieversorger Rewag und das Stadtwerk Regensburg, sollen die Zielvorgabe bis 2035 erreichen.

Georg Barfuß, Kämmerer und Wirtschafts-, Wissenschafts- und Finanzreferent von Regensburg, differenziert bei der Erreichung dieser Ziele klar zwischen Projekten, deren Umsetzung sich aktuell bereits relativ schnell rechne und solchen, bei denen das noch nicht der Fall ist.

"Da bin ich als Kämmerer relativ entspannt"

Vergleichsweise schnell amortisieren würden sich, in bis zu acht respektive sogar sechs Jahren, etwa Solardachanlagen und Freiflächenanlagen auf dem flachen Land, so Barfuß. „Da bin ich als Kämmerer relativ entspannt, wenn ich zu null Prozent Zinsen Schulden aufnehme und die Mittel einer technischen Tochter gebe und diese dann in den entsprechenden Businesscase investieren kann.“

Warum sich ein Green Bond für Regensburg aktuell nicht rechnet

Auf der anderen Seite gebe es Investitionen, die sich nie oder gar erst in 25, 30 Jahren amortisierten, etwa die energetische Sanierung von Gebäuden oder die Umstellung auf E-Busse. „Hier ist die Frage, woher nehmen wir das Geld, wie steil können wir diese Kurve nehmen mit Blick auf eine Klimaneutralität in 2030 oder 2035.“ Dafür brauche es den privaten Markt.

Für die Finanzierung des Regensburger Green Deals käme auch ein Green Bond in Frage, der sich normalerweise erst ab einer Größe von 100 Mio. Euro rechne. „Die Banken würden das gerne begleiten, aber momentan ist der Zinsspread noch nicht groß genug, dass uns dies finanziell einen Vorteil bringen würde“, so Barfuß. Hier sollten der Staat und EU tätig werden, damit ein entsprechend größerer Zinsvorteil zum Tragen komme.

„Bis 2030 werden wir deutlich weiter sein als heute beim Strom, wenn wir es finanzieren können“, sagte Barfuß auf eine Frage des Moderators mit Blick auf die Regensburger Klimaziele.  Bei der Wärme werde es hingegen „brutal schwer“, bis 2030 Fortschritte zu machen und das Erdgas zu substituieren. „Ich denke, wir brauchen eine Taxonomie 2.0, weil wir im Laufen lernen werden, dass wir Anpassungen brauchen.“

Stv. EU-Generaldirektorin Jour-Schröder: "Wird auch ein gutes Geschäft für Unternehmen und Banken"

Beim Thema Taxonomie 2.0 wollte sich Alexandra Jour-Schröder naturgemäß nicht festlegen lassen: „2030 werden wir sagen können, dass wir weitergekommen sind mit Blick auf die Klimaziele und dass es aber auch ein gutes Geschäft für die Unternehmen und die  Banken ist“, so die stellvertretende Generaldirektorin für Finanzen und Kapitalmarktunion bei der EU.

Michael Kamsteeg geht davon aus, dass die Gasag als Organisation bis 2025 klimaneutral ist und das dies auch unter anderem für 50 Prozent der Vertriebsprodukte und die EDL-Projekte zu zwei Dritteln der Fall sein wird. „Und wir werden ein höheres Ergebnisniveau haben als 2021.“ (hoe)

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