ZfK: Im Rahmen der urbanen Energiewende wird viel über klimafreundliche, dezentrale Quartierslösungen diskutiert. Doch sind diese wirklich schon ein Geschäftsmodell?
Holtmeier: Quartierslösungen an sich sind für uns ein wirtschaftliches Geschäftsfeld. Beim Neubau von Quartieren richten wir uns stark an der CO2-Neutralität aus. Und mit KfW-Zuschüssen können wir das wirtschaftlich realisieren, sei es durch die Nutzung von Biogas, Blockheizkraftwerken (BHKWs), Photovoltaik, Batteriespeichern oder Geothermie. Hier sind wir im Neubaubereich operativ schon konkurrenzfähig.
Doch passen die rechtlichen Rahmenbedingungen hierfür schon?
Gerade bei neuen innovativen Lösungen sind wir noch häufig mit rechtlichen Hürden konfrontiert, beispielsweise bei der Geothermie. Die wird beispielsweise häufig durch wasserrechtliche Restriktionen ausgebremst. Aktuell werden auch größerer Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK) ab 50 Kilowatt durch das novellierte Bundesimmissionschutzgesetz benachteiligt, weil deren Emissionswerte für den Methanschlupf mit Gasturbinen gleichgesetzt werden, was jedoch KWK nur schwer erreichen kann.
Wir sollten jedoch für KWK keine zusätzlichen Hürden aufbauen, gerade angesichts der Möglichkeit, diese künftig mit Biomethan und grünem Wasserstoff CO2-frei betreiben zu können. Hierfür können wir allein in Berlin unser Gasnetz mit 7000 Kilometern Länge nutzen, wobei wir jedoch die Netze ertüchtigen müssen, um diese wasserstofftauglich zu machen.
Nutzen Sie denn momentan schon grünen Wasserstoff für die Wärmeversorgung von Quartieren?
Grünen Wasserstoff bisher nicht. Für eine 1-prozentige Beimischung von grünem Wasserstoff in unser Berliner Gasnetz bräuchten wir circa 300 Megawatt (MW) Windkraftanlagen, für 100 Prozent 30.000 MW. Bei der Verfügbarkeit von regenerativ erzeugtem Wasserstoff werden wir wohl kaum an Importen vorbeikommen.
Wie sieht es mit Biomethan aus?
Wir betreiben als Gasag-Gruppe momentan vier Biogasanlagen. Doch für die Wärmeversorgung von Quartieren wie den Euref-Campus kaufen wir entsprechende Mengen Biomethan über den Zertifikatehandel am Markt ein. Bei unserem Fuhrpark liegt der Biomethananteil bei circa 20 Prozent.
Nochmals zu den CO2-neutralen Quartieren. Können die wirklich schon kostenmäßig mit konventionellen Lösungen mithalten?
Die Nebenkosten CO2-neutraler Quartiere sind im Regelfall niedriger, doch die laufenden Kosten sind im Regelfall teuer, weil die Anfangsinvestitionen höher sind. Je komplexere Anlagen wir realisieren, um so höher sind derzeit noch die Anfangsinvestitionen.
Wie viele CO2-neutrale Quartiere konnten Sie denn in Berlin schon realisieren?
Der Euref-Campus in Berlin-Schöneberg ist schon CO2-neutral, bei den anderen Quartieren sind wir derzeit noch nicht so weit. Doch schaffen wir momentan schon in einem ersten Schritt bei neuen Quartieren im Vergleich zum Bestand 40 Prozent Energie einzusparen.
Wie sieht es denn mit dem Umbau von Bestandsquartieren aus, sind hier CO2-neutrale Lösungen in absehbarer Zeit auch realistisch?
Wir arbeiten stark daran und wollen beispielsweise mit dem Bezirk Berlin-Charlottenburg das ganze Quartier der Mierendorffinsel mit insgesamt 10.000 Menschen innerhalb der kommenden zehn Jahre zu 90 Prozent dekarbonisieren. Das Interesse der Wohnungsbaugesellschaften ist groß, hierbei mitzumachen.
Gibt es denn keine Konflikte mit dem Mietpreisdeckel und der Forderung nach bezahlbarem Wohnraum?
Die Kaltmieten können teurer werden, aber gleichzeitig werden die Nebenkosten im Regelfall günstiger. Grundsätzlich können wir auch bei höheren Effizienzstandards und CO2-Neutralität Warmmieten-neutrale Preise gewährleisten.
Unterstützt das Klimapaket der Bundesregierung die Entwicklung möglichst CO2-neutraler Quartiere und Ihre Geschäftsfeldentwicklung in diesem Bereich?
Ja, auf jeden Fall, wir begrüßen dies sehr, vor allem das klare CO2-Preissignal und die stufenweise Erhöhung der CO2-Bepreisung. Dies bietet den Vorteil, dass wir und Investoren uns darauf einstellen können und besser planen können.
Das Gespräch führte Hans-Christoph Neidlein
