Gregor Gülpen ist seit Anfang des Jahres Geschäftsführer der Stadtwerke Villingen-Schwenningen. Das Unternehmen beliefert rund 11.000 Gas- und zirka 40.000 Stromkunden und hat einen Jahresumsatz von über 120 Millionen Euro.

Gregor Gülpen ist seit Anfang des Jahres Geschäftsführer der Stadtwerke Villingen-Schwenningen. Das Unternehmen beliefert rund 11.000 Gas- und zirka 40.000 Stromkunden und hat einen Jahresumsatz von über 120 Millionen Euro.

Bild: © Stadtwerke Villingen-Schwenningen

Herr Gülpen, wie groß sind die prozessualen und kommunikativen Herausforderungen aktuell für Ihr Unternehmen mit Blick auf das Aussetzen der Abschlagszahlung im Dezember und die Gas- und Strompreisbremse?

Gregor Gülpen: Die größte Herausforderung ist sicherlich die verbleibende Zeit, sprich die Kurzfristigkeit der Umsetzung. Der Bundestag wird das Ganze erst am 18. November beschließen. Das heißt, ab diesem Zeitpunkt verbleiben nur noch wenige Tage, um das Maßnahmenpaket zu realisieren.

Die jetzt geplante Einführung einer Strompreisbremse zum Januar und ein Vorziehen der Gaspreisbremse wird in der Umsetzbarkeit eine extremste Herausforderung für uns. Aber wir werden alle Beschlüsse der Bundesregierung Eins-zu-eins an unsere Kunden weitergeben und begrüßen gleichsam, dass unsere Kunden durch die Maßnahmen entlastet werden.

Stadtwerke werden den Abschlag im Dezember ja erst aussetzen, wenn der Bund entsprechend die Abschlagszahlungen überwiesen hat. Bis wann muss das Geld bei Ihnen sein, um entsprechend planen zu können?

Bei uns geht es im Dezember um Abschlagszahlungen für Gas und Wärme von ungefähr 3,5 Mio. Euro. Eine Verzögerung von einer oder zwei Wochen können wir überbrücken, hier haben wir unsere Liquiditätslinien für den Fall der Fälle mit einer befristeten Kreditlinie der Stadt gestärkt. Die SVS sind ein finanziell gesundes Unternehmen, die Kredite benötigen wir aktuell noch nicht.

Meine Sorge ist, dass der Nachweis, der zur Überweisung des Dezemberabschlags durch den Staat benötigt wird, mit sehr großem Arbeitsaufwand verbunden sein wird.

Was für uns aber noch völlig unklar ist, was der Staat von für einen Nachweis benötigt, damit wir an dieses Geld kommen. Das wird ja nicht nur eine Rechnung sein über 3,5 Mio. Euro. Meine Sorge ist, dass dieser Nachweis mit einem sehr großen Arbeitsaufwand verbunden sein wird.

Unsere Kunden bekommen mittlerweile Schweißperlen auf der der Stirn, wenn sie nur einen Brief von uns bekommen. Sie denken, da kommt die nächste Preiserhöhung.

Wie haben Ihre Kunden auf den Wegfall der Gasumlage und das neue Entlastungspaket reagiert?

Die Kunden sind aktuell total verunsichert. Wir haben sie in diesem Jahr schon mehrfachst wegen Preisanpassungen im Gas-und im Strombereich angeschrieben. Nicht wenige bekommen mittlerweile Schweißperlen auf der Stirn, wenn sie nur einen Brief von uns bekommen, und denken, da kommt schon die nächste Preiserhöhung. Die Zahl der Kundengespräche und auch die Zeitdauer bei uns haben sich mittlerweile verdoppelt.

Bisher dauerte ein Gespräch im Schnitt 2,5 Minuten, jetzt sind wir bei fünf Minuten. Die Hälfte der Kunden ruft an, um die Abschläge zu erhöhen. Die andere Hälfte will sich die ganze Thematik zusätzlich erklären lassen und eine individuelle Lösung finden.

Wir haben deshalb die Mitarbeiterzahl im Kundenservice um 14 Prozent erhöht. Wir sehen uns hier in der Verantwortung, unsere Kunden nicht im Stich zu lassen.

Als mittelgroßes Stadtwerk würde uns ein vereinfachtes, einheitliches Verfahren sehr helfen.

Wo bestehen für Sie aktuell noch die größten Unklarheiten mit Blick auf die Umsetzung der Aussetzung des Dezemberabschlags und der Gaspreisbremse?

Grundsätzlich wünsche ich mir vom Staat bei der Umsetzung vor allem mehr Vertrauen und Toleranz. Als mittelgroßes Stadtwerk würde uns ein vereinfachtes, einheitliches Verfahren sehr helfen. Das heißt, dass für die Rückerstattung durch den Staat nicht jede Rechnung einzeln nachgeprüft werden muss, das übersteigt die Belastungsgrenze. Letztlich soll ja den Kunden geholfen werden.

Der Staat ist mit  Blick auf gewisse Informationspflichten schon toleranter geworden, das reicht aber nicht.

Was meinen Sie konkret mit Toleranz?

Normalerweise müssen wir Kunden immer mit einer Vorlaufzeit von vier bis sechs Wochen über Preisanpassungen informieren. Aktuell ist es ja so, dass aufgrund der vielen kurzfristigen Veränderungen durch den Gesetzgeber, Preissenkungen, wie der Wegfall der Gaspreisumlage, landläufig einfach weitergegeben wurden, ohne die Kunden anzuschreiben.

Hier ist das Prozedere schon toleranter geworden. Aber das reicht nicht. Wenn beispielsweise im November wirklich nur wenige Tage bleiben, um die Aussetzung des Dezemberabschlags umzusetzen, dann ist das schlichtweg nicht machbar. Deswegen würde ich mir hier generell eine Vereinfachung wünschen.

Die aktuell Situation lässt sich nicht mehr mit der bisherigen verwaltungstechnischen Herangehensweise bewältigen.

An was denken Sie da genau?

 Dass Stadtwerke diese Veränderungen künftig den Kunden per Mail mitteilen können sowie diese über ihre Website und in der örtlichen Presse darüber informieren können. Aktuell jagt eine Preiserhöhung und eine Veränderung die nächste. Das lässt sich aber nicht mehr mit der bisherigen verwaltungstechnischen Herangehensweise bewältigen.

Wir haben in diesem Jahr auf Vorrat Papier gekauft für diverse Preisanpassungen für je 40.000 Kunden. Das ist ein Irrsinn, was wir hier an Papier allein bewegen und rumliegen haben.

Außerdem würde ich mir wünschen, dass Behörden die neuen gesetzlichen Preisbestandteile nur noch zu ein, zwei festen Stichtagen im Jahr, beispielsweise dem ersten Januar und ersten Juli, kommunizieren. So machen es ja auch die Post oder die Telekom.

Aber gerade in diesem Jahr mit den teils sehr vielen Preisanpassungen hat Ihnen das doch geholfen, dass Sie hier mehr Flexibilität hatten?

Nein, das sehe ich anders. Wir brauchen hier mehr Verlässlichkeit von Seiten des Staates. Ob die Gasumlage jetzt einen oder zwei Monate später gekommen wäre, ist hier egal. Bei festen Zeiten hätten wir die Kunden in diesem Jahr einige Male weniger angeschrieben.

Wichtig wäre, dass man die Umsetzungsregeln auch wirklich mal ein halbes Jahr oder länger laufen lässt und nicht sofort wieder nachbessert.

Wo bestehen für Sie im Detail aktuell sonst noch Unklarheiten mit Blick auf die Umsetzung von Einmalzahlung und der Strom- und Gaspreisbremse?

Wir wissen nach wie vor nicht, wie wir dem Staat gegenüber nachweisen sollen, wie hoch die Summe unserer Dezemberabschläge ist und wie wir das technisch in unseren Systemen abbilden können. Wir ziehen auch nicht von allen Kunden den Abschlag per Lastschrift ein, sondern ein gewisser Teil überweist das Geld. Mit diesen müssen wir jetzt erst wieder in Kontakt treten.

Es ist auch noch nicht klar definiert, was ein RLM-Kunde ist, ob das ab einem Jahresverbrauch von 0,5 Mio. kWh beginnt oder von 1,5 Mio. kWh.  Hier brauchen wir möglichst schnell klare, verbindliche und realistisch umsetzbare Regeln. Die Kunden haben ein Recht darauf, weil es bei vielen auch um die Existenz geht.

Unser Stadtwerk ist nicht dauerhaft darauf ausgelegt, auf diesem Belastungsniveau zu arbeiten. Da passieren irgendwann Fehler und das kann nicht Sinn der Sache sein.

Wichtig wäre auch, dass man diese Regeln dann mal wirklich ein halbes Jahr oder länger laufen lässt und nicht sofort nachbessert. Das sage ich auch mit Blick auf die Arbeitsbelastung unserer Mitarbeiter. Wir befinden uns seit 2,5 Jahren im Dauerkrisenmodus, begonnen hat das mit Corona.

Viele unserer Mitarbeiter machen ihren Job mit Leib und Seele und damit sie gesund bleiben, brauchen wir verlässliche Rahmenbedingungen und Eckwerte, die jetzt über einen längeren Zeitraum Bestand haben müssen. Als mittelgroßes Stadtwerk sind wir nicht dauerhaft darauf ausgelegt, auf diesem Belastungsniveau arbeiten zu können. Da passieren dann irgendwann Fehler und das kann ja nicht der Sinn der Sache sein.

Vorher waren die Zahlungsrisiken im RLM- und SLP-Bereich absurd hoch, aber auch nach dem Entlastungspaket bleiben sie hoch.

Wie werden sich die geplanten Entlastungen auf die Zahlungsausfallrisiken in Ihrem Unternehmen auswirken?

Durch die Entlastungen sinken diese Risiken deutlich. Aber man muss trotzdem klar sagen: Vorher waren diese Risiken im RLM- und SLP-Bereich absurd hoch, auch nach dem Entlastungspaket bleiben sie hoch. Eine größere Bäckerei etwa hat bisher vielleicht 20.000 Euro für ihren Gasverbrauch im Jahr gezahlt, künftig wären es über 100.000 Euro gewesen. Selbst nach Einführung der Gaspreisbremse wird dieser Betrieb noch Gaskosten von 70.000 Euro haben, wenn er sich noch nicht eingedeckt hat.

Also wir sehen weiterhin signifikante Zahlungsausfallrisiken. Das ist ein schwieriges Thema für ein kommunales Unternehmen, da geht es auch um Zusammenhalt und Verantwortung für die lokale Wirtschaft in unserer Stadt.

Wir wollen bei Härtefällen unter unseren Kunden eine größere Flexibilität haben, deshalb haben wir uns vorsorglich zusätzliche Kreditoptionen gesichert.

Gilt das auch für Privatkunden?

Natürlich. Deshalb wollen hier ja auch auf Kunden toleranter zugehen können. Das ist einer der Gründe, warum wir bei Bedarf einen zusätzlichen Kredit der Stadt während der Heizperiode in Anspruch nehmen könnten, eben um bei Härtefällen eine größere Flexibilität zu haben.

Laut Gesetz müssen wir einen Kunden, der nicht bezahlt hat, anschreiben und ihm eine mindestens sechsmonatige Ratenvereinbarung anbieten. Die Option den städtischen Kredit in Anspruch zu nehmen, versetzt uns in die Lage, dem Kunden im Härtefall auch eine längere Laufzeit für die Ratenvereinbarung, beispielsweise von sieben bis acht Monaten, anzubieten. Fakt ist aber auch, dass letztlich jede Rechnung bezahlt werden muss.

(Das Interview führte Hans-Peter Hoeren).

-------------------------------------------------------------------------

Was die Stadtwerkebranche und andere Softwarehersteller zu den aktuellen Plänen der Bundesregierung in Sachen Strompreis- und Gaspreisbremse sagen, welche Änderungen sie fordern und wo noch Klärungsbedarf gesehen wird, lesen Sie in der neuen Printausgabe der ZfK. Diese ist am 7. November erschienen. Zum Abo geht es hier.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper