Die Energie- und Wärmewende klappt nicht ohne genügend Fachhandwerker.

Die Energie- und Wärmewende klappt nicht ohne genügend Fachhandwerker.

Bild: © Reinhard Tiburzy/AdobeStock

Die Ziele der Energie- und Wärmewende sind ambitioniert und bekommen durch die aktuelle Diskussion um eine stärkere Unabhängigkeit von russischen Gas- und Ölimporten noch weiter Rückenwind. Millionen von Geräten und Anlagen müssen eingebaut und vernetzt werden. So sollen nach den Plänen der Bundesregierung bis 2030 allein sechs Millionen Wärmepumpen installiert werden und die Nachfrage boomt. Doch vielfach fehlen die Fachkräfte im Handwerk, um die Wende umzusetzen.

So sind laut der jüngsten Umfrage des Zentralverbands Sanitär Heizung Klima (SHK) aus dem Winter 2021/2022 deutschlandweit 68.000 offene Stellen gemeldet, davon 41.000 im technischen Bereich. Genaue Zahlen zur Situation in Baden-Württemberg gibt es nicht, doch Wolfgang Becker, Hauptgeschäftsführer des Fachverbands SHK BW geht davon aus, dass jeder der etwas über 6.600 Installationsbetriebe im Südwesten gerne mindestens einen neuen Mitarbeiter einstellen würde.

6,3 Prozent mehr neue Azubis

"Es sind große gemeinsame Anstrengungen nötig, um die Fachkräftezahlen für die Wärmewende schnellstmöglich zu erhöhen“" unterstreicht Becker. Gleichzeitig zeigt er sich optimistisch und verweist darauf, dass es dem SHK-Handwerk in den vergangenen Jahren kontinuierlich gelungen sei, die Zahl der Mitarbeiter und der Auszubildenden zu erhöhen. So legten die Neuverträge für eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker bzw. zur Anlagenmechanikerin für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik in Baden-Württemberg in 2021 um 6,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu. Von 2012 bis 2021 gab es ein Plus von fast 44 Prozent bei den Neuverträgen. Deutschlandweit wuchs die Zahl der Auszubildenden im SHK-Bereich im vergangenen Jahr von 35.000 auf 38.000.

"Entscheidend ist eine qualifizierte Ausbildung", betont Becker. Denn das Tätigkeitsfeld habe sich rasant verändert, die technischen Neuerungen und digitalen Lösungen erforderten ganz andere Fähig- und Fertigkeiten als das noch vor einigen Jahren der Fall war.

Nachwuchskampagne "Zeit zu starten"

Um noch mehr junge Menschen für eine Ausbildung zu gewinnen, wirbt der SHK, unterstützt von der Branche, mit der breit angelegten Nachwuchskampagne "Zeit zu starten“. Zudem arbeitet der Fachverband eng mit den Innungen und Betrieben zusammen, um die Berufe bei den Jugendlichen, Eltern, Lehrern und Berufsberatern bekannter zu machen. „Ob Azubibörsen, Schulpartnerschaften oder andere Gelegenheiten – wir werden nicht müde, deutlich zu machen, dass es sich nicht nur um krisen- und zukunftssichere Berufe handelt, sondern bei der Ausbildung auch um einen Weg mit Karriereperspektiven“, so Becker. Er verweist hierbei auch auf die Steigerung der Ausbildungsvergütungen von rund 5 Prozent im Vorjahr sowie eine Erhöhung um 5,9 Prozent zum nächsten Lehrjahr, zuzüglich höheren Prämien für gute Berufsschulleistungen.

Weitere Projekte, mit welchen sich der SHK für mehr Fachkräfte engagiert, sind die Entwicklung von Maßnahmen, die die Produktivität auf der Baustelle oder im Büro fördern, oder von Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements – Stichwort "Arbeit mit Exoskeletten“, berichtet Becker. Und auch das Thema Rekrutierung von Fachkräften aus dem Ausland habe die Berufsorganisation auf dem Schirm.

Auch mehr Qualifizierungsangebote im Zuge der Wärmewende

"Die Entwicklung, weg von fossilen Energieträgern hin zu regenerativen Energien, bedarf einer Anpassung des Knowhows in den Betrieben", sagt Becker. Wärmepumpen-, Hybridanlagen oder die Einbindung von BHKW- und PV-Anlagen in die Wärmeerzeugung erforderten weitergehendes Wissen. Deshalb biete man mit einem Fort- und Weiterbildungsprogramm für Mitgliedsbetriebe wie auch für Nichtmitgliedsbetriebe eine Vielzahl an Weiterqualifizierungsmöglichkeiten und organisiere Fachmessen wie die IFH/Intherm Ende April in Nürnberg. Zudem arbeite man auch im Landesausschuss Fachkräftesicherung des Baden-Württembergischen Handwerkstages mit.

Die Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildung dürfe nicht allein Lippenbekenntnis sein, sondern müsse gelebt und in der Gesellschaft verankert werden. "Wir brauchen ein Umdenken aller, allen voran von Eltern und Lehrern", sagt Becker. Nötig seien zudem mehr Mittel für Lehrkräfte und ausgestattete Werkstätten in Berufsschulen sowie überbetrieblichen Ausbildungsstätten.

VKU und VfEW fordern mehr Praxisbezug in der Schule

Auch der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) sowie der Verband der Energie- und Wasserwirtschaft Baden-Württemberg (VfEW) fordern schon in der Schule mehr Praxisbezug und die stärkere Vermittlung technischer und naturwissenschaftlicher Kompetenzen. Denn auch die Energiewirtschaft ist vom Fachkräftemangel betroffen, vor allem bei handwerklichen Berufen. (hcn)

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