Michael Maxelon ist seit 2016 Geschäftsführer der Kasseler Verkehrs- und Versorgungs GmbH (KVVKS) und damit auch Vorstandsvorsitzender der Städtischen Werke Kassel AG. Zuvor war der Diplom-Physiker unter anderem als Geschäftsführer der Stadtwerke Stuttgart und in verschiedenen leitenden Funktionen bei den Stadtwerken Krefeld tätig.
In seiner heutigen Funktion in Kassel ist er Chef von über 1800 Mitarbeitern, das Unternehmen erwirtschaftete im Jahr 2019 rund 560 Mio. Euro. Die KVVKS hat in den vergangenen Jahren eine Restrukturierung durchlaufen. Im Rahmen dieser wurden die eigenen Fähigkeiten in der IT wieder deutlich gestärkt. Im Bereich Digitalisierung hat das Unternehmen laut Maxelon einen "Riesensprung gemacht". Im ZfK-Interview geht es denn auch vor allem um die Digitalisierung und den ÖPNV.
Herr Maxelon, was sind die Auswirkungen des OVG-Urteils zum Smart-Meter-Rollout auf das operative Geschäft der Städtischen Werke Kassel?
Das OVG-Urteil hat für uns operativ jetzt keine großen Auswirkungen. Von daher sind wir entspannt. Der Rollout fängt ja erst langsam an. In Sachen Digitalisierung sind wir als als Unternehmen grundsätzlich dabei, wirklich aufzuholen. Im Rahmen unserer Restrukturierung wollen wir auch finanzielle Freiheitsgrade an anderer Stelle schaffen, um neue Kompetenzen entwickeln zu können. Konkret soll das über die Umschichtung von Kompetenzen erfolgen.
Wir haben unsere Fähigkeiten in der IT wieder deutlich gestärkt.
So ist die Neugestaltung unserer Organisationsstruktur fast abgeschlossen und macht uns sehr zuversichtlich. Um es greifbar zu machen: Wir haben unsere eigene Fähigkeiten in der IT wieder deutlich gestärkt, die wir vorher an einen externen Dienstleister gegeben haben.
"Wir haben einen Riesensprung gemacht"
Können Sie das näher ausführen?
Gerade im Bereich Digitalisierung haben wir massiv investiert und versuchen jetzt, in digitalen Geschäftsmodellen stärker zu werden. Abrechnung, Kundenservice, Daten beispielsweise ist ein Bereich, der neu gedacht und aufgestellt werden muss. Wir erweitern hier bereits unser Dienstleistungsangebot für die Wohnungswirtschaft, aber auch im Gebührenbereich.
Ein weiteres Beispiel hierfür ist unsere sehr erfolgreiche Mitarbeiter-App. Sie legt große Teile unserer Personalservices in die Hände unserer Mitarbeiter, die wir damit in ihrer Eigenverantwortung stärken. Diese App haben wir gemeinsam mit unserem Kasseler Partner Micromata GmbH entwickelt. Und dafür brauchten wir Kompetenzen, die wir vor vier Jahren noch gar nicht selbst hatten.
Wir müssen weitere Wachstumsfelder finden.
Wir haben einen Riesensprung gemacht. Das zeigt uns beispielhaft, dass der Umbau unseres Unternehmens erfolgreich ist. Trotz der ermutigenden ersten Erfolge müssen wir weitere Wachstumsfelder finden, in denen man künftig nur mit digitalen Geschäftsmodelle wettbewerbsfähig sein wird.
Durch den verzögerten Smart-Meter Rollout verzögern sich aber doch auch weitere Chancen für neue Geschäftsmodelle?
Wir brauchen den Smart Meter nicht für diese digitalen Geschäftsmodelle. Wenn wir ein Energiemanagement-System bei unseren Kunden installieren können, dann erhalten wir jetzt schon tatsächlich auch die Verbrauchsdaten und können mit diesen Daten arbeiten.
Dabei kann ein moderne Messeinrichtung, helfen, soweit die Daten nicht im Datenschutz hängen bleiben. Aber man kann den Verbrauch auch anders messen.
"Da wird mit der Axt an die Wurzel unseres ÖPNV-Geschäftes geschlagen"
Die Kasseler Verkehrs- und Versorgung- GmbH ist einer der großen ÖPNV-Betreiber in Hessen. Reichen die neu zugesagten Milliardenhilfen aus Berlin, um die Einnahmenverluste im laufenden Jahr zu kompensieren und wie sehen Sie darüber hinaus die Perspektiven für die ÖPNV-Finanzierung?
Es sieht so, dass der jetzt zugesagte Rettungsschirm für das laufende Jahr eine tragfähige Grundlage ist, um tatsächlich diese Einnahme-Ausfälle aufzufangen. Es wird von einem ähnlichen Kompensationsgrad wie 2020 geredet und das ist dann für uns natürlich eine sehr gute Nachricht.
Und wie ist die mittelfristige Finanzierungsperspektive für den ÖPNV?
Da haben wir eine gewisse Sorge. In der ersten Corona-Welle sind uns unsere Abonnenten noch sehr treu geblieben. Wir haben gleichwohl bei Zeitkarten und Einzelfahrscheinen massive Einbußen. Mittlerweile gehen uns auch Abonnenten von der Fahne. Und da wird dann schon mit der Axt an die Wurzel unseres ÖPNV-Geschäftes geschlagen.
Wir rechnen im ÖPNV mit einem nachhaltigen Coronaeffekt bis 2023 und 2024.
Wie wollen Sie gegensteuern?
Natürlich fragen wir uns, wie das Mobilitätsverhalten unserer Fahrgäste in der Post-Corona-Phase aussehen und wann wir das Niveau von vor der Coronakrise wieder erreichen werden. Die Unbekannten sind hier für uns, wie sich der Trend zum mobilen Arbeiten und die individuelle Mobilität nach der Pandemie entwickeln werden.
Wir wissen bloß, dass wir mit einer gehörigen Flexibilität in unseren Wirtschaftsplänen agieren müssen und wir wissen auch, dass es da ein Spannungsfeld gibt zwischen dem Wunsch nach mehr ÖPNV fürs Klima und auf der anderen Seite der Notwendigkeit, dass dieses Mehr an ÖPNV auch bezahlt sein muss.
Worauf stellen Sie sich denn ein?
Wir gehen noch von einem nachhaltigen Corona-Effekt auch in den Jahren 2023 und 2024 aus. Irgendwann wird der ÖPNV-Rettungsschirm dann vermutlich auch mal zurückgefahren, dann trifft uns das natürlich wirtschaftlich. Darauf müssen wir Antworten geben und dazu haben wir jetzt noch ein, zwei Jahre Zeit. Bis dahin wissen wir aber mehr über das tatsächliche Nutzerverhalten im ÖPNV. Aber wir sind eher auf der optimistischen Seite, was die Rückkehr der Fahrgäste anbelangt.
Attraktive Zeitkarten in Kombination mit Carsharing. Da können dann viele auf das eigene Auto verzichten.
Woher nehmen Sie die Zuversicht?
Der ÖPNV wird auch ein Stück einer guten Lebensqualität sein, die wir den Leuten geben. Wir haben in Kassel ein sehr hochwertiges ÖPNV-Angebot, das durchaus auf dem Niveau anderer, viel größerer Städte liegt und damit überzeugen wir auf Dauer auch Fahrgäste. Wir möchten unser Angebot aber auch durch neue Produkte noch attraktiver machen.
An was denken Sie genau?
Wir sind beispielsweise dabei, ein Mieterticket mit der Wohnungswirtschaft auf das Gleis zu bekommen. Denken Sie sich zum Beispiel an ein großes Neubauprojekt. Die Tiefgarage statten wir natürlich mit E-Ladepunkten und Carsharing-Fahrzeugen aus. Vor allem aber bieten wir den Bewohnern attraktive Zeitkarten für den ÖPNV.
In Kombination mit dem Carsharing können dann viele auf das eigene Auto verzichten. Für die täglichen Wege nutzen sie dann den ÖPNV, für den Wocheneinkauf das Carsharing-Fahrzeug. Und wenn wir das konsequent weiterdenken, bieten wir solche umfassenden Konzepte auch Unternehmen an. In unserer Zielvorstellung wandeln wir uns vom ÖPNV-Unternehmer zum Mobilitätsdienstleister.
Wir möchten On-Demand-Verkehre ausprobieren.
Wir denken aber auch grundsätzlich über die Weiterentwicklung des ÖPNV nach. Wir möchten beispielsweise On-Demand-Verkehre und Mobilitätsstationen ausprobieren, um uns weitere Nutzerschichten erschließen zu können. Das Thema Mobilität wird in Zukunft viel breiter gedacht werden müssen. Deshalb denken wir schon jetzt in die Zukunft.
(Die Fragen stellten Klaus Hinkel und Hans-Peter Hoeren)
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Was der Chef der Kasseler Versorgungs- und Verkehrs- GmbH, Michael Maxelon, sich von der Verschärfung des Klimaschutzgesetzes erhofft und welche Chancen höhere CO2-Preise für den Vertrieb von Energiedienstleistungen bieten, das lesen Sie in der Juniausgabe der ZfK. Diese erscheint am kommenden Montag, 7. Juni. Zum Abo geht es hier.



