Bereits von 2002 bis 2011 war Bernd Michaelis (67) Kaufmännischer Geschäftsführer der Stadtwerke Neumünster (SWN). 2013 ging er in Pension. Nachdem der Kommunalversorger aus Schleswig-Holstein für die Geschäftsfjahre 2017 und 2018 Millionenverluste ausweisen musste und auch öffentlich nicht zur Ruhe kam, ließ sich Michaelis auf Bitten des Aufsichtsrates nochmals in die Pflicht nehmen und übernahm zum Jahresbeginn interimistisch das Amt des Sprechers der Geschäftsführung. In dieser Zeit trennte sich das Unternehmen vom Technischen Geschäftsführer Thomas Junker, kurz danach verließ der Kaufmännische Geschäftsführer Tino Schmelzle auf eigenen Wunsch den Konzern. Ende Juni übergibt Michaelis nun die Leitung an den künftigen Alleingeschäftsführer Michael Böddeker. Michaelis hatte selbst den Kontakt zu dem erfahrenen Sanierer aufgenommen und ihn in den vergangenen Wochen eingearbeitet.
Sie haben als Feuerwehrmann ihren Ruhestand unterbrochen und haben für sechs Monate die Rolle des Sprechers der SWN-Geschäftsführung übernommen. Was haben Sie in dieser kurzen Zeit für die SWN bewirken können?
Bernd Michaelis: In der Zeit meiner Sprecherfunktion habe ich die interne und externe Kommunikation in ruhigeres Fahrwasser geleitet. Bedauerlich ist, dass aus nicht öffentlichen Sitzungen dennoch immer wieder Informationen an die Presse gelangten, die die Bankengespräche erschwerten.
Wie standen die SWN vor Ihrem Amtsantritt da und wie steht das Unternehmen operativ jetzt da?
Michaelis: Vor meinem Antritt bei SWN hat der kommunale Konzern, wie in der Branche bekannt, das erste Krisenjahr hinter sich gebracht. Viele Themen, wie die steigenden Tiefbaukosten für den Glasfaserausbau oder die fehlende Strategie bei der Energiebeschaffung, wurden erfasst und angegangen. Der mediale Fokus sowie die Anstrengungen der Belegschaft, um den Konzern aus der Schieflage zu bringen, waren kein leichtes Unterfangen für den Konzern und die Organe der SWN.
Ich konnte helfen die Wogen zu glätten, wertschätzende Führung vorleben und eine zukunftsorientierte Neuausrichtung verfestigen. Herr Böddeker wird dies nun fortführen. Zudem haben wir gemeinsam begonnen, jeden Stein erneut umzudrehen. Weitere Themen und Schwerpunkte sind derzeit in der Sondierung. Ich bin mir sicher, dass Michael Böddeker SWN wieder auf einen stetigen erfolgreichen Kurs bringen wird. Bekanntlich sind Krisen immer eine Chance für Veränderungen, welche beherzt angegangen am Ende neue Stärken mit sich bringen.
Was sind in den nächsten zwei bis drei Jahren die größten Herausforderungen für die SWN?
Michaelis: Im SWN-Konzern ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess implementiert worden, der mit einer stärkeren Digitalisierung verbunden sein wird, heißt: die Optimierung vieler Prozesse und deren stetige Aktualisierung. Nur wenn die Arbeitsweise auf einem zeitgemäßen Niveau ist, hat der Konzern die Chance, langfristig nachhaltig erfolgreich zu sein. Damit einher geht die Umsetzung zu einer einheitlichen Software-Landschaft. Derzeit wird mit vielen verschiedenen Programmen gearbeitet. Jede Sparte hat zusätzlich noch eigene Systeme – dem muss Abhilfe geschaffen werden. Durch eine spartenübergreifende Softwarelösung kann wirtschaftlicher Fortschritt in beiden Feldern – KVP und Digitalisierung – unterstützt werden.
Im Ergebnis, da bin ich sicher, wird die alte Ertragsstärke des Konzerns zurückgewonnen werden. Hierfür besteht beispielweise der Plan, das Dienstleistungsgeschäft weiter auszubauen.
Das frühere Geschäftsführer-Duo Thomas Junker und Tino Schmelzle hatte ein umfassendes Restrukturierungsprogramm auf den Weg gebracht, die wichtigsten Baustellen Telekommunikation und Beschaffung behoben und einen Turnaround in 2019 in Aussicht gestellt. Das ist eigentlich keine schlechte Bilanz. Warum sind beide Geschäftsführer dennoch nicht mehr an Bord?
Michaelis: Die beiden ausgeschiedenen Geschäftsführer haben richtige Projekte auf den Weg gebracht, welche wichtig für die beiden von Ihnen genannten Baustellen waren – die Richtung hat gestimmt. Krisen sind nicht immer ad hoc zu bewältigen. Das ist keine leichte Aufgabe, die sowohl die Belegschaft, Gremien, als auch Partner und Kunden erst einmal annehmen müssen. Es gab keine einfache Lösung, es hat verschiedene Meinungen gegeben und dabei hat ein großer öffentlicher Fokus auf allen Beteiligten gelegen – alles in allem keine einfache Zeit.
Wichtig ist jetzt, alle bereits erkannten maßgeblichen Aufgaben zur wirtschaftlichen Gesundung abschließend umzusetzen. Wie ich Kollege Böddeker erlebt habe, wird das gelingen. Er ist ein erfahrener Geschäftsführer. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit wird sein, das Silo- beziehungsweise Insel-Denken in den Sparten aufzulösen. Die Problematik ist klassisch für ein Stadtwerk. Hier müssen Synergien gefunden und vertiefte Formen der Zusammenarbeit angegangen werden – keine leichte Aufgabe. In der kurzen Zeit konnte ich erfreut miterleben, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtwerke voll mitziehen, um zügig die Baustellen abzuarbeiten.
Sie haben gegenüber der ZfK einmal gesagt die größten Löcher bei den SWN seien gestopft, jetzt gehe es um den Prozess kontinuierlicher Verbesserung. Was meinen Sie konkret?
Michaelis: Die größten Löcher waren der kurzfristig angelegte Energieeinkauf mit offenen Positionen und die Kostenproblematik im Bereich Telekommunikation. Wie bereits verdeutlicht, steht ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess an, denn der Feind des Guten ist bekanntlich das Bessere. Im Ergebnis werden die Prozesse der Ablauforganisation überprüft und wo erforderlich, neu gestaltet. Hier steckt die maßgebliche Kraft für eine wirtschaftliche Gesundung und Zukunftssicherung.
Die Banken haben von den SWN eine höhere Eigenkapitalquote gefordert, dies wird nun über eine Finanzspritze der Stadt sichergestellt. Auch für die Rekultivierung der Mülldeponie ist die Stadt mit einer Bürgschaft eingesprungen. Wie steht es generell um die Kapitalausstattung der SWN, wie soll diese weiter verbessert werden?
Michaelis: Die Ratsversammlung der Stadt Neumünster und somit der Eigentümer hat ihren maßgeblichen Beitrag zur Gesundung der SWN geleistet. Darüber freuen wir uns sehr. Durch die damit einhergehende Verbesserung der Eigenkapital-Quote ist schon viel geschafft. Herr Böddeker und die Belegschaft werden weiterhin daran arbeiten, die Ertragsstärke wiederherzustellen und Verlustbringer aus dem Portfolio zu nehmen und so auch die EK-Quote verbessern. Das alles braucht seine Zeit. Doch durch das vorhandene Fachwissen und den erkennbaren Tatendrang werden die Mitarbeitenden von SWN das schaffen.
Wie ist das erste Halbjahr operativ für die SWN gelaufen? Sind Sie auf Kurs mit Blick auf den angestrebten Turnaround, auf Ebene Konzern wird laut Wirtschaftsplan ein Gewinn von rund 780.000 Euro angestrebt?
Michaelis: Wir befinden uns aktuell bei der Erstellung des Halbjahresabschlusses und können noch keine konkrete Zahlen nennen. Abschließend: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben mich mehr als offen empfangen. Ich bin begeistert ob der hohen Motivation zur Neuausrichtung. SWN ist auf einem guten, erfolgreichen Weg!
(Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)



