Nach Uniper und dem früheren Gazprom Germania, jetzt Sefe, benötigt offenbar auch Deutschlands drittgrößter Gasimporteur VNG weitreichende Staatshilfen.
Der Leipziger Konzern habe beim Bundeswirtschaftsministerium einen Antrag auf Stabilisierungsmaßnahmen nach Paragraph 29 des Energiesicherungsgesetzes gestellt, heißt es in einer Presseaussendung. Möglich sind dadurch zusätzliche staatliche Kredite bis hin zu einer Beteiligung des Bundes am Unternehmen.
Direktvertrag mit Gazprom Export
VNG verweist auf zwei Verträge, die von russischen Lieferausfällen betroffen seien. Zum einen bestehe ein Direktvertrag mit der Gazprom-Handelstochter Gazprom Export in Höhe von etwa 35 TWh jährlich. Dieser werde aktuell und absehbar nicht mehr bedient und laufe Ende des Jahres aus, heißt es.
Bislang muss VNG dadurch anfallende Nachbeschaffungskosten selbst tragen. Von Oktober an kann es mit Geld aus der Gasbeschaffungsumlage rechnen.
Vertrag mit WIEH
Der zweite Vertrag umfasst jährlich etwa 65 TWh und wurde mit einem inländischen Vorlieferanten geschlossen, der die Gasmengen wiederum aus Russland bezieht. Nach ZfK-Informationen handelt es sich dabei um Wintershall Erdgas Handelshaus (WIEH), eine Tochter der früheren Gazprom Germania, jetzt Sefe.
"Dieser Vertrag wird seit Mitte Mai nicht mehr durchgängig bedient", teilt VNG mit. "Die Kosten der Ersatzbeschaffung [haben wir] im August bei historisch hohen Gaspreisen anders als zuvor erwartet zu erheblichen Teilen tragen müssen."
Gerichtsstreit mit Sefe-Tochter
Wie die ZfK erfuhr, wird der Fall gerade vor Gericht geklärt. Demnach verpflichtete das Landgericht Frankfurt am 29. August WIEH dazu, die VNG-Handelstochter bis zum 30. September weiter zu beliefern. Dies bestätigte eine Sprecherin des Gerichts der ZfK. Danach dürfte auch für WIEH die Gasbeschaffungsumlage greifen. WIEH hat gegen die Entscheidung beim Oberlandesgericht Frankfurt Berufung eingelegt. Eine Entscheidung steht hier noch aus. VNG wollte den Sachverhalt nicht kommentieren.
Durch Ausfälle aus dem ersten Vertrag seien Verluste von etwa einer Milliarde Euro aufgelaufen, teilt VNG mit. Dies würde das Unternehmen aus eigener Kraft mit weiteren Stabilisierungsmaßnahmen ihrer Anteilseigner stemmen können. Finanzielle Zusatzbelastungen, die durch Ausfälle aus dem zweiten Vertrag resultierten, wären dagegen nicht tragbar.
Gesellschafter in der Pflicht
VNG gehört zu 74 Prozent dem baden-württembergischen Energiekonzern EnBW. Auch mehrere ostdeutsche Stadtwerke sowie die Oberschwäbischen Elektrizitätswerke, ein Zusammenschluss mehrerer Landkreise im Süden Baden-Württembergs, sind an dem Unternehmen beteiligt. Mit ihnen sucht VNG nach eigenen Angaben ebenfalls zusätzliche Möglichkeiten für eine Stabilisierung des Unternehmens.
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck sicherte am Freitag rasche staatliche Hilfe zu. VNG werde Unterstützung bekommen, sagte er. "Wir sind auf einem sehr, sehr guten Weg, und das wird zeitnah geklärt werden."
Speicher- und Fernleitungsnetzbetreiber
VNG beliefert nach eigenen Angaben circa 400 Stadtwerke- und Industriekunden mit Gas. Zudem ist der Konzern drittgrößter Speicherbetreiber Deutschlands (24 TWh). Die konzerneigenen Speicher waren zuletzt im Schnitt zu 94 Prozent gefüllt. Auch Deutschlands zweitgrößter Fernleitungsnetzbetreiber Ontras gehört zum VNG-Konzern.
Im vergangenen Jahr hatte VNG noch einen operativen Gewinn von 225 Mio. Euro erwirtschaftet. Doch schon im ersten Halbjahr stieg der Liquiditätsbedarf und häuften sich die Verluste. So führten Kosten für die Ersatzbeschaffung bei der VNG beim Mehrheitseigentümer EnBW im ersten Halbjahr zu Ergebniseinbußen von 545 Mio. Euro. Auch gewährte die staatliche Förderbank KfW im Frühjahr einen Finanzierungsrahmen von einer Milliarde Euro. (Die ZfK berichtete.)
Erhebliche Nachbeschaffungskosten
In einem Anfang September erschienen Interview mit der "Leipziger Volkszeitung" hatte VNG-Chef Ulf Heitmüller dargelegt, dass sein Konzern jeden Tag für einen niedrigen bis mittleren zweistelligen Millionenbetrag nachbeschaffen müsse. "Kein Unternehmen kann einen solchen Kapitalabfluss auf Dauer durchhalten." (aba/dpa)



