"Wir hätten uns im ersten Jahr unserer Verantwortung andere Zahlen gewünscht": 
Die Geschäftsführung der Stadtwerke Neumünster, bestehend aus Thomas Junker (links) und Timo Schmelzle, ist erst seit Januar 2017 im Amt und musste erst einmal eine interne Restrukturierung einleiten.

"Wir hätten uns im ersten Jahr unserer Verantwortung andere Zahlen gewünscht": Die Geschäftsführung der Stadtwerke Neumünster, bestehend aus Thomas Junker (links) und Timo Schmelzle, ist erst seit Januar 2017 im Amt und musste erst einmal eine interne Restrukturierung einleiten.

Bild: © Stadtwerke Neumünster

Neuerliche operative Hiobsbotschaft für die Stadtwerke Neumünster (SWN): Bereits im Juli hatte die Geschäftsführung informiert, dass der Kommunalkonzern auch in diesem Jahr tiefrote Zahlen schreiben wird. Damals war man von 2,7 Mio. Euro ausgegangen, aufgrund hoher Verluste bei der Energiebeschaffung geht das Unternehmen mittlerweile von einem deutlich höheren Defizit in Höhe von 6,8 Mio. Euro aus. "Die aktuelle Situation ist angespannt. Wir sind aber voll handlungsfähig und können alle Verpflichtungen erfüllen", betont Tino Schmelzle, einer von zwei SWN-Geschäftsführern.

Hohe Drohverlustrückstellungen

Hauptursache für die deutliche Steigerung des Defizits ist die Energiebeschaffung, die beim Vertrieb angesiedelt ist. In dieser Sparte waren bereits im ersten Halbjahr Verluste in Höhe von einer Mio. Euro aufgelaufen, diese erhöhten sich im dritten Quartal um weitere 3,2 Mio. Euro. Diese neuerliche Steigerung ist vor allem auf die Bildung von Drohverlustrückstellungen im Umfang von 2,4 Mio. Euro zurückzuführen, erklärt ein Sprecher auf ZfK-Anfrage. Zwar gilt seit Mitte des Jahres eine neue, deutlich risikoärmere Beschaffungsrichtlinie. Die vorherige, riskantere Einkaufsstrategie werde aber noch bis einschließlich 2020 nachwirken.

Die Stadtwerke Neumünster hatten mit einer risikobereiten Beschaffungsstrategie über lange Zeit sehr gute Ergebnisse erzielt. Als die Preise an den Handelsplätzen wieder anzogen, musste man den Großteil des Strombedarfs der Kunden zu entsprechend höheren Preisen einkaufen. Die SWN haben in den vergangenen Monaten zusätzlich bestimmte Bereiche einer neuerlichen Risikoüberprüfung unterzogen und die Risiken neu bewertet, insbesondere auch im Vertrieb.

Unwirtschaftliche Lieferverträge

Der Vertrieb muss laut SWN-Geschäftsführung von Grund auf neu aufgestellt werden. So würden beispielsweise die Produktpalette und Prozesse der Entwicklung hinterherhinken, zudem gebe es etliche unwirtschaftliche Lieferverträge. Erst Ende Oktober hatte sich der Kommunalkonzern wegen strategischer Meinungsunterschiede mit sofortiger Wirkung von seinem langjährigen Vertriebsleiter getrennt. Dieser hat die Kündigung nicht akzeptiert und rechtliche Schritte eingeleitet.

In dieser Personalie gibt es offenbar unterschiedliche Auffassungen zwischen Aufsichtsrat und Stadtwerke-Geschäftsführung. Nach Informationen des Holsteinischen Couriers steht der Aufsichtsrat nicht hinter der Kündigung und hat empfohlen, diese zurückzunehmen. Die neue Aufsichtsratsvorsitzende Monika Schmidt soll das neue Millionen-Defizit als "schrecklich" bezeichnet haben. Die Stadtwerke Neumünster hatten sich in den vergangenen Monaten unter anderem auch von der kaufmännischen Leiterin, der Marketingleiterin und dem Verantwortlichen der Telekommunikationssparte getrennt.

SWN halten an Telekommunikation fest

Die Zukunft der Telekommunikationssparte stand nach Millionenverlusten im vergangenen Jahr auf dem Prüfstand. Hier hat sich die Situation mittlerweile ins Positive gedreht. "Durch interne Umstrukturierung, Effizienzsteigerungen und erfolgreiche Verhandlungen mit den Zweckverbänden habe man gute Voraussetzungen geschaffen, dieses Geschäftsfeld wirtschaftlich gestalten zu können", heißt es. Komplett neu aufgestellt wird indes der kaufmännische Service, dort wird jetzt unter anderem ein modernes Steuerungsmodell für Planung und Kontrolle des Geschäftsverlaufs implementiert. Im Januar löst dann ein neuer kaufmännischer Leiter den aktuellen Interims-Manager ab, der sehr gute Arbeit leiste, so Tino Schmelzle.

Gut voran kommen die SWN nach eigenen Angaben auch bei der Umsetzung des im Juni gestarteten Sanierungs- und Restrukturierungsprogramms "Neustart SWN". Mittlerweile seien bereits Einsparungen im Wert von 3,1 Mio. Euro realisiert und 69 Prozent der Maßnahmen umgesetzt worden. Insgesamt sollen in diesem Jahr Effizienzen im Umfang von 4,5 Mio. Euro gehoben werden. Mittelfristig angestrebt ist eine dauerhafte Kostensenkung von acht Mio. Euro gegenüber 2017. Dieses ZIel soll bis 2020 realisiert sein. Das Restrukturierungspaket soll bis 2021 weitere sechs bis acht Mio. Euro bringen.

"Viele Baustellen gleichzeitig"

"Der Restrukturierungskurs fordert allen alles ab, weil wir an vielen Baustellen gleichzeitig arbeiten müssen, um uns weiterhin auf dem Markt behaupten zu können", erklärt Co-Geschäftsführer Thomas Junker. Viel Zeit habe der städtische Konzern mit seinen rund 750 Mitarbeitern nicht, um wieder auf die Beine zu kommen. Laut Medienmitteilung hat der Aufsichtsrat in seiner Sitzung vergangene Woche den Geschäftsführern das Vertrauen ausgesprochen. Man sei sicher, dass diese das Unternehmen gemeinsam mit der Belegschaft aus dem schwierigen Fahrwasser führen würden. (hoe)

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