Nach zwei Jahren mit hohen Millionenverlusten haben die Stadtwerke Neumünster (SWN) im Geschäftsjahr 2019 den Turnaround geschafft. Der Kommunalkonzern erwirtschaftete ein Jahresergebnis von 1,6 Mio. Euro (2018: -4,4 Mio. Euro). Der Umsatz hingegen ging leicht von 270 Mio. Euro im Vorjahr auf nunmehr 261 Mio. Euro zurück. „Die Lage des Patienten stabilisiert sich. Er kann die Notaufnahme verlassen. Trotz dieses Erfolgs stehen wir noch lange nicht da, wo wir hinmüssen. Für die Zukunft kann so ein Ergebnis für ein Unternehmen unserer Größe nicht ausreichen“, bilanzierte SWN-Geschäftsführer Michael Böddeker im Gespräch mit der ZfK. Der erfolgreiche Sanierungsexperte war erst im Mai vergangenen Jahres von den Stadtwerken Völklingen nach Schleswig-Holstein gewechselt.
Prozessvereinfachungen und höhere Margen
Im Sommer 2019 waren die SWN noch von einem Defizit von bis zu 2,5 Mio. Euro ausgegangen. Dass dieses Szenario letztlich nicht eingetreten ist, hänge unter anderem mit signifikanten, ergebniswirksamen Prozessverbesserungen in der Telekommunikationssparte und einem "konsequenten margenorientierten Vertrieb" zusammen, aber auch mit einer ursprünglich sehr vorsichtigen Kalkulation, erklärte Böddeker. Allein eine Vereinfachung eines Prozesses beim Glasfaseranschluss habe den jeweils für den Vorgang benötigten Zeitraum halbiert. In Summe sparte das dem Unternehmen nach eigenen Angaben jährlich allein zwei Mio. Euro an Kosten ein. Insgesamt wurden 2019 rund 25 Mio. investiert, die selbe Summe ist in etwa für das laufende Jahr vorgesehen.
Die Coronakrise hat das Querverbundunternehmen, das sowohl im ÖPNV als auch im Bäderbetrieb tätig ist, nach eigenen Angaben bisher gut überstanden. „Bis heute verzeichnen wir Einbußen im mittleren sechsstelligen Bereich. Wir gehen davon aus, dass wir das gut auffangen können und erwarten Stand heute, dass wir auch das laufende Geschäftsjahr positiv abschließen werden“, so Böddeker weiter.
Netto-Verschuldungsgrad verbessern
Liquiditätsmäßig sei das Unternehmen sehr gut aufgestellt, ergänzte Morris May, der Leiter Unternehmensfinanzierung. Die erforderliche Konsortialfinanzierung habe man bereits Ende 2019 positiv abgeschlossen. Und das trotz des zwischenzeitlichen Wechsels der konsortialführenden Bank. Statt der ursprünglich anvisierten 52 Mio. Euro wurde aber nur eine Kreditsumme von 34 Mio. Euro in Anspruch genommen – mit der Option, ggfs. zu einem späteren Zeitpunkt auf den Differenzbetrag zurückzugreifen. „Auch die Eigenkapitalquote befindet sich mit 29 Prozent auf einem guten Niveau“, führte May weiter aus. Der Netto-Verschuldungsgrad müsse künftig aber weiter verbessert werden, nähere Angaben zur Höhe wollte er nicht machen.
"Ein IT-System, in dem die Wahrheit steht"
Einen mindestens ebenso wichtigen Turnaround vollzieht das Unternehmen, das rund 750 Mitarbeiter beschäftigt, aktuell im Bereich der Prozessverbesserungen, der IT und damit einhergehend in Sachen Datenqualität. „Wir haben in der Vergangenheit im IT-Bereich zu wenig inhouse gemacht und zu viele Projekte outgesourct. Deshalb hatten wir bisher verschiedene IT-Lösungen, die immer nur einem einzelnen Bereich gedient haben. Diese verschiedenen IT-Systeme wollen wir konsolidieren zu einer führenden Anwendung für alle Mitarbeiter, in der dann die Wahrheit steht“, betont der SWN-Geschäftsführer. Hier hat man sich bereits festgelegt auf eine Aktualisierung der Branchenlösung NTS von Microsoft Dynamics (früher Navision), geplant ist ein Upgrade auf die Nachfolgelösung Business Central. Diese soll in einem Großprojekt in den nächsten zwölf Monaten eingeführt werden.
"Wollen keine Überraschungen mehr"
In Sachen Reorganisation haben die SWN laut Böddeker aber bereits in den vergangenen neun Monaten einen „Riesensprung“ gemacht. „Unser Ziel ist es, künftig immer zum jeweiligen Zeitpunkt valide Daten generieren zu können. Wir wollen hier künftig keine Überraschungen mehr erleben, die man eigentlich hätte sehen müssen“, ergänzte der kaufmännische Leiter Christian Kempe. Gerade diesbezüglich waren die SWN in den vergangenen Jahren ein gebranntes Kind. Die hohen Verluste im Jahr 2017 waren aufgrund der verschiedenen IT-Systeme zum Teil erst im Frühjahr 2018 bemerkt worden. „Unser Ziel ist es, unterjährig belastbare und gute Zahlen zu liefern und auch den Detaillierungsgrad zu verbessern“, so Kempe. Das gelte sowohl für die Ist- als auch für die Forecastzahlen. Hierzu wurden quartalsweise Businessreviews eingeführt, bei denen die jeweiligen Bereiche (Bereichsleiter und Geschäftsführer sind immer mit dabei) über die abgelaufene Geschäftsperiode informieren. „Allein der Prozess dieser Businessreviews hat dazu geführt, dass jeder seine Zahlen besser hinterfragt“, ergänzte Böddeker. Die Controller würden jetzt erst gehen, wenn sie Antworten auf ihre Fragen bekämen. Der Fokus der gesamten Reorganisation im IT-Bereich liege auf Prozessautomatisierung und der schnelleren und besseren Bereitstellung von qualitativ aussagekräftigen Daten.
Stromabsatz stark zurückgegangen
Keine Überraschungen mehr erleben will man auch in dem aufgrund einer ehemals sehr riskanten Einkaufsstrategie in den vergangenen Jahren zeitweise hochdefizitären Bereich Vertrieb und Einkauf. „Wir wollen hier keine unnötigen Risiken mehr eingehen und sind diesbezüglich mittlerweile auch sehr gut aufgestellt“, sagt der SWN-Geschäftsführer. Man habe sich von vielen Kunden, die nicht margenträchtig waren, getrennt. Im Gegenzug wurde eine Mindestmarge festgelegt. Die Folge: Der Stromabsatz war bereits von 2017 auf 2018 von 782 Mio. kWh auf 584 Mio. kWh gesunken. Für 2020 wird ein Wert von 450 Mio. kWh angepeilt. Neben der Verbesserung der Margen soll auch der Ausbau der vertrieblichen Aktivitäten forciert werden. Der Vertrieb wird seit Februar von Thomas Schneider geleitet, der aus Pforzheim nach Schleswig-Holstein gewechselt ist. Der zukunftsträchtige Geschäftszweig Telekommunikation verzeichnet mittlerweile rund 50.000 Glasfaserkunden, davon 38.000 Kunden am Netz, und schrieb summiert mit dem Baugeschäft erstmals schwarze Zahlen.
Wärmekonzept: "Brauchen mehr Expertise"
Ein Großprojekt ist auch die Zukunft der Wärmesparte. Ziel ist es, die bestehende Infrastruktur mit Thermischer-Ersatzbrennstoff-Verwertungsanlage und dem Fernwärmenetz mit Blick auf die angestrebte Klimaneutralität zu optimieren und ggfs. auszubauen. 2023 werden in Neumünster die Kohlekessel des Kraftwerks abgestellt und durch Gaskessel ersetzt. „Wir brauchen mehr Expertise, um ein nachhaltiges Wärmekonzept und eine in die Zukunft gerichtete Wärmestrategie aufzustellen“, verdeutlichte Böddeker.
Suche nach strategischem Partner läuft
Hier sucht das Unternehmen einen langfristigen strategischen Partner, der bis zu 49 Prozent der Anteile an der Wärmesparte erwerben kann. Erste Gespräche und Interessensbekundungen gab es bereits. Darunter befänden sich auch viele namhafte Unternehmen, auch aus der Kommunalwirtschaft. „Wir gehen diesen Weg nicht, weil wir Geld brauchen und hierzu einen Teil unseres Tafelsilbers verscherbeln wollen“, stellte der SWN-Chef klar. Vielmehr gehe es um den Aufbau eines entwicklungsfähigen, gemeinsamen Know-hows. Die Gespräche ruhten aktuell coronabedingt, bis Ende des Jahres wird aber der Einstieg eines neuen Partners angestrebt – sofern gemeinsam ein zukunftsfähiges Konzept entwickelt werden kann. Wie hoch die benötigten Investitionen zur Optimierung der Wärmesparte sein könnten, vermochte Michael Böddeker nicht zu beziffern. Allein der aktuell von den SWN favorisierte Erdwärmebeckenspeicher würde 50 bis 60 Mio. Euro kosten. „Vielleicht hat ein künftiger Partner hier aber noch ganz andere Ideen“, sagte der SWN-Chef. (hoe)



