Hatte die Energiewirtschaft bei ihrer Zukunftsfähigkeit vergangenes Jahr im Future-Readiness-Index der Beratungsgesellschaft KPMG noch einen Wert von 6,2 erreicht, liegt dieser 2019 bei nur noch 5,9 Punkten. Vor allem der Optimismus der Unternehmen ist deutlich getrübt: Von 7,2 stürzte der Wert auf 6,1 ab. Auch die Investitionen sind rückläufig. Die Zurückhaltung sieht KPMG besonders regulatorischen Maßnahmen geschuldet, die sich zunehmend auf die Geschäftsmodelle der Energiewirtschaft auswirken würden.
Ernüchterung nach der Energiewende-Euphorie
Nachdem in den vergangenen Jahren neue, digitale Geschäftsmodelle und die Energiewende für Aufbruchsstimmung gesorgt hatten, gibt es in diesem Jahr eine deutliche Ernüchterung. Neben verstärktem Gegenwind in der Erneuerbaren-Branche durch neue Ausschreibungsverfahren sorge auch die Debatte um einen vorzeitigen Kohleausstieg und Verzögerungen bei regulatorischen Vorhaben für einen deutlichen Rückgang des Optimismus' der Branche, ergibt die Umfrage. Zudem hätten neue Geschäftsmodelle wie Mieterstrom oder Smart Metering bisher nicht die erhofften Impulse bringen können.
Kundenbedürfnisse werden nach Wahrnehmung der Branche am besten bedient
Laut der Beratungsgesellschaft investieren die Unternehmen der Energiewirtschaft vor allem in Bereiche, in denen sie schon gut aufgestellt sind. Für das Erfüllen von Kundenbedürfnissen sehe sich die Branche am besten positioniert und plant in dem Bereich weiterhin Investitionen. Allgemein beurteilt sich die Branche bei Wachstumsaspekten positiv und plant mit Ausnahme der Bereiche Innovation und Positionierung im Wettbewerb auch überdurchschnittlich oft noch weitere Investitionen in die Zukunft.
Aus der eher schwachen Bereitschaft, in Innovationen zu investieren, schließt KPMG, dass die Branche ihre Wachstumschancen derzeit eher in der Gewinnung und dem Halten von Kunden und in ihrem klassischen Geschäft sieht als im Erschließen neuer Geschäftsmodelle.
Risikomanagement gewinnt an Bedeutung
Bei Finanzen und Lieferantennetzwerken bewertet sich die Energiewirtschaft in dem Index als überdurchschnittlich gut aufgestellt, während interne Prozesse und Organisationsstrukturen eher durchschnittliche Bewertungen erhalten.
Zunehmend gewinne auch der Bereich Risikomanagement an Relevanz: Hier zeige sich die wachsende Bedeutung von Regulierung und politischen Rahmenbedingungen. Die Unternehmen sehen sich hier bisher nur durchschnittlich positioniert und planen in diesen Aspekten vermehrt Investitionen. Internationale Krisen und weltwirtschaftliche Veränderungen hingegen würden die eher stark auf den deutschen Markt fokussierten Unternehmen derzeit kaum tangieren. Dies könne sich aber mit der schwierigen Lage der Windkraft in Deutschland ändern: Viele Unternehmen werden ihre Wachstumschancen hier wohl vermehrt im Ausland suchen müssen, mutmaßt KPMG.
Weit weniger optimistisches Selbstbildnis
In zahlreichen Breichen gaben die Befragten an, deutlich schlechter dazustehen als im Vorjahr. Vor allem in organisatoinsinternen Faktoren wie Strukturen, Prozesse, aber auch beim Personal und der Innovationsfähigkeit sieht sich die Mehrheit der Befragten schlechter aufgestellt als noch vor einem Jahr. Die Unternehmen der Energiebranche fragen sich vermehrt, ob sie momentan die Weichen richtig gestellt haben, um die Herausforderungen der Energiewende und der Transformation zu einer CO2-armen Wirtschaft zu bewältigen, heißt es in der Studie. Dazu werden eine schlanke Organisationsstruktur, digitale Technologien und eine leistungsfähige IT gebraucht.
Auf der einen Seite haben zudem innovative Ideen wie Smart Metering, Mieterstrom, Blockchain, Smart Home und ähnliches bisher die in sie gesteckten Erwartungen noch nicht erfüllt. Auf der anderen Seite befürchtet die Branche, dass die Innovationen in einem wachsenden Wettbewerbsumfeld nicht ausreichen könnten, um auch in Zukunft noch funktionierende Geschäftsmodelle zu entwickeln und auf den Markt zu bringen.
Investitionsvorhaben in fast allen Aspekten rückläufig
Die Unternehmen im Bereich erneuerbarer Energien stehen – vor allem regulatorisch bedingt – durch neue Ausschreibungsverfahren, Ausbaudeckel und tendenziell niedrigere Einspeisevergütung unter Druck. Nach dem Einbruch des Onshore-Windkraft-Markts sowie fehlender Impulse aus der Politik, würden Investitionsvorhaben scheinbar aufgeschoben oder ganz eingestellt, heißt es in dem Index. Energieversorger würden derzeit vor allem in die Kundenbedürfnisse investieren. Daneben spielt die Anpassung an regulatorische Veränderungen eine zentrale Rolle. "Damit stärkt die Branche gezielt ihr Kerngeschäft und reagiert auf den wichtigsten Einflussfaktor auf ihr Business", folgert KPMG.
Fraglich sei allerdings, ob dies ausreiche, um auf die künftigen Herausforderungen wie Sektorenkopplung, Elektrifizierung der Mobilität, Netzausbau und stärkere Volatilität durch dezentrale Erzeugung adäquat zu reagieren. Gerade Investitionen in die Utnernehmenseffizienz oder die eigene Innovationsfähigkeit könnten helfen, sich vom Wettbewerb abzugrenzen und Antworten auf die Herausforderungen zu finden, empfiehlt die Beratungsgesellschaft.
Klimadebatte dominiert alles
Die Debatte um das Klima schätzt die Branche als Zukunftsaufgabe Nummer eins ein. Die Diskussion um die Besteuerung von CO2-Emissionen, von der insbesondere die Krafstoff- und Gaswirtschaft stark betroffen sind, zeichnen sich als steigender Handlungsdruck in diesem Bereich ab.
Ein weiterer Punkt, der als Zukunftsherausforderung angesehen wird, ist die Unternehmenssicherheit. Risiken durch Cyberkriminalität oder Betriebsstörungen durch Aktivisten müssen vor allem von Infrastruktur- und Anlagenbetreibern ernst genommen werden, so KPMG. Neue Sicherheitskonzepte und -maßnahmen werden damit nötig.
Virtualisierung, Automatisierung und Disruption nicht so bedeutend
Weniger bedeutend schätzt die Energiewirtschaft die Trends Virtualisierung, Automatisierung und Disruption ein. Hier sehe sich die Branche entweder schon gut aufgestellt oder schätzt die Perspektive für ihr Geschäft geringer als zuvor ein.
Die Energiewirtschaft ist weiterhin ungebremst im Wandel, fasst Michael Salcher, Head of Energy and Natural Resources bei KPMG in Deutschland, die Ergebnisse zusammen. "Die Aufbruchstimmung, die nach der Konsolidierung folgte, flacht etwas ab. Die Unsicherheit der Gesamtwirtschaft ist auch in dieser Branche zu spüren. Zukunftsthemen wie beispielsweise E-Mobilität oder Smart City geben allerdings genügend Gründe, weiterhin optimistisch zu bleiben." (sg)



