Henry Otto leitet den Geschäftsbereich Energieberatung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC Deutschland. Zu seinen Mandanten zählen neben Energieversorgern und weiteren Unternehmen der öffentlichen Daseinsvorsorge auch verschiedene Kommunen. Die ZfK sprach mit ihm über aktuelle Vertriebsrisiken für Stadtwerke, die Rolle von Kommunen und neue Chancen in der Energiewelt der Zukunft.
Herr Otto, die Energieversorgung galt jahrelang als Goldesel der Stadtwerke. Steht sie nun vor einer Magerkur?
Die Risiken haben jedenfalls zugenommen, auch der Liquiditätsbedarf ist größer geworden. Es mag auch sein, dass die Ergebnisse schwächer ausfallen werden. Die Energieversorgung wird aber ein Gewinnbringer bleiben.
Warum?
Blicken wir auf die einzelnen Sparten. Da haben wir die Netze. Hier ist zwar die Zukunft der Gasnetze fraglich. Insgesamt wird das Netzgeschäft aber stabil bleiben und per se Ergebnisse liefern, selbst wenn die Eigenkapitalzinssätze sinken.
Wer zudem ein Erzeugungsportfolio insbesondere im Erneuerbaren-Bereich hat, gehört zu den großen Krisengewinnern. Wer hier investiert hat, dürfte angesichts der hohen Strompreise zurzeit Gewinne einfahren, von denen man früher nicht einmal zu träumen gewagt hat.
Anders dürfte es im Vertrieb aussehen.
Hier haben vor allem Versorger Probleme bekommen, die viele Festpreisverträge zu günstigen Konditionen verkauft haben und nun möglicherweise die Gasumlage, aber auch hohe Nachbeschaffungskosten nicht weitergeben können.
Und dann gibt es die, die schlichtweg gezockt und sich nicht zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses eingedeckt haben. Bei diesen Versorgern werden die Ergebnisse stark einbrechen.
Was ist mit dem Kontrahentenrisiko, das Stadtwerke von zwei Seiten her droht – von Vorlieferanten und von Endkunden?
Die Gasumlage hat das Problem auf der Vorlieferantenseite gelindert. Damit ist zumindest gesichert, dass so wichtige Akteure wie Uniper, VNG oder Sefe weiterhin am Markt aktiv sind und als Handelspartner zur Verfügung stehen.
Was die Endkundenseite betrifft: Hier entsteht ein neues Liquiditäts- und Ergebnisproblem – und zwar in zweierlei Hinsicht.
Nämlich?
Es ist ja so, dass sich die Abschlagshöhe die Jahreskosten gleichmäßig auf jeden Monat verteilt, in den Wintermonaten in der Regel aber deutlich mehr Gas und Strom verbraucht werden als im Sommer. Das heißt für Versorger: Sie müssen von Oktober bis März erst einmal mehr zahlen, als sie über Abschläge einsammeln. Dieser Effekt verschärft sich durch die Gas- und andere Umlagen.
Das kehrt sich in den Sommermonaten zwar um. Trotzdem stellen sich zwei Fragen: Erstens: Wie wird diese Liquidität bereitgestellt? Ein Stadtwerkeschutzschirm mit vereinfachtem Zugang zu KfW-Krediten würde hier sicher helfen. Und zweitens: Wie viele Kunden zahlen dann wirklich?
Sie meinen Kunden, die die hohen Strom- und Gaspreise gar nicht mehr leisten können.
Oder auch gar nicht mehr wollen. Wir müssen mit Kunden rechnen, die höhere Preise mit Abstrichen durchaus zahlen könnten, es aber darauf ankommen lassen und notfalls gegen höhere Abschläge lieber klagen oder die Zahlung erstmal aufschieben.
Kehren wir zu den Kunden zurück, die die Rechnungen auch bei bestem Willen nicht mehr begleichen können. Ihnen will die Bundesregierung mit einem Energiegeld helfen.
Da wäre es sinnvoll, wenn das Geld zweckgebunden ausgezahlt wird, also nur für Energierechnungen ausgegeben werden kann. Ein anderer Ansatz wäre, das Geld den Energieversorgern selbst zu geben, als Ausgleich für Zahlungsausfälle bei Endkunden. Dafür bräuchte es jedoch auch eine entsprechende Prüfung, damit daraus nicht ein Selbstbedienungsladen wird.
Würden Stadtwerke jedoch bei Zahlungsausfällen allein gelassen werden, würden die Lichter ausgehen. Das gilt vor allem dann, wenn sich die Vorfälle häufen würden. Forderungsausfälle von zehn Prozent aufwärts würde bei den aktuell riesigen Beschaffungskosten wohl jedes Stadtwerk überfordern.
Das Brisante an der jetzigen Situation ist ja auch, dass Stadtwerke gerade jetzt, da sie um ihre Erträge in der Energieversorgung bangen müssen, gleichzeitig groß investieren müssen, in Strom- und Wärmenetze, erneuerbare Anlagen, Elektro- und Wasserstoffbusse. Machen die Banken da mit?
Bei langfristigen Investitionen etwa in Erzeugung und Stromnetze gibt es meines Erachtens keine echten Finanzierungsengpässe. Allerdings steigen die Zinsen, das macht es natürlich anspruchsvoller.
Kritischer sind Banken dagegen bei der Finanzierung von Gasnetzen, auch weil hier noch der politische Rahmen fehlt, was die Zukunft von Gasnetzen betrifft.
Welche Rolle können hier Kommunen spielen, die ihren Stadtwerken ja oft entsprechende Klimaziele vorgeben?
Sie können beispielsweise Sicherheiten geben. Dann sind Banken in der Regel sofort dabei, weil dann das Kreditausfallrisiko für sie gleich Null ist. Dazu müssen Kommunen aber auch erst bereit und in der Lage sein.
Müssen Kommunen künftig ihren Stadtwerken auch mehr Spielraum geben, um ihre Eigenkapitalquote zu heben oder hoch zu halten?
Eine Eigenkapitalquote von 30 Prozent oder mehr ist sicherlich eine erstrebenswerte Zielgröße. Das haben Stadtwerke in den vergangenen Jahren auch überwiegend geschafft. Reine Energieversorger tun sich natürlich deutlich leichter, auf diesen Wert zu kommen, als kommunale Unternehmen, die auch Verlustbereiche wie den öffentlichen Nahverkehr und Bäder mittragen. Generell lässt sich allerdings sagen, dass die Eigenkapitalquote für Banken zwar eine wichtige Kennzahl ist, aber nur eine unter mehreren.
Das heißt?
Wenn Stadtwerke eine geringe Eigenkapitalquote aufweisen, dafür einen stabilen Cash-Flow und einen guten, dynamischen Verschuldungsgrad, ist das schon in Ordnung. Das wird aber nun deutlich anspruchsvoller. Denn je mehr Forderungsausfälle es gibt und je höher die Zinsen steigen, desto schwächer fallen auch diese Kennzahlen aus. Dann kann es schon sein, dass die Bank sagt: Ohne Sicherheiten der Kommune bekommst du keinen Kredit mehr.
Kommen wir noch einmal zum Beginn des Interviews zurück und zum Goldesel Energieversorgung, dem eine Abmagerungskur droht. Worauf müssen sich Kommunen einstellen?
Sollten die Ergebnisse tatsächlich schmäler ausfallen, würden auch die Ausschüttungen für Kommunen kleiner werden oder möglicherweise ganz wegbrechen. Es ist dann eine politische Entscheidung der Städte und Gemeinden, wie sie damit umgehen: ob sie neue Einnahmequellen erschließen oder defizitäre Aktivitäten reduzieren. Oder ob sie beispielsweise über Kooperationen Synergieeffekte heben und Kosten einsparen können.
Dabei ist aber noch lange nicht ausgemacht, dass Stadtwerke wegfallende Erträge aus dem Vertrieb nicht selbst auffangen können, indem sie etwa die Energie- und Wärmewende vor Ort als Chance nutzen. Sie könnten mit neuen, kleinteiligeren Produkten in der Wärmeversorgung und dezentralen Energieerzeugung neue Margen generieren. Dieses Geschäft wäre jedenfalls nachhaltiger und vorhersehbarer als der Commodity-Vertrieb. In der Folge wären auch die Ergebnisse langfristig wieder stabiler.
Das Interview führte Andreas Baumer
Hinweis: Auch die neu erschienene Printausgabe der ZfK befasst sich schwerpunktmäßig mit dem Verhältnis zwischen Kommunen und Stadtwerken im Zuge der Energiekrise. Zum E-Paper geht's hier und zum Abo hier.
