Herr Röglin, die Stadtwerke Frankfurt (Oder) sind der Haupt-Wärmelieferant für die Stadt. Im Frühjahr haben Sie ein hochmodernes Gasmotorenkraftwerk eingeweiht. Bis 2023 wollten Sie ursprünglich aus der Braunkohleverstromung aussteigen. Mit welchem Energiemix wollen Sie in den kommenden beiden kritischen Wintern die Fernwärmeversorgung sicherstellen?
Torsten Röglin:
Wir sind froh, dass wir in einer Zeit hoher Unsicherheit in der Gasversorgung unser Braunkohlekraftwerk, welches über einen Heizkessel und eine Dampfturbine verfügt, bis zum Frühjahr 2024 betreiben können. Es wird von den Temperaturen abhängen, ob wir ausschließlich mit Kohle Wärme erzeugen werden.
Zur Wärmeversorgung bei sehr winterlichen Temperaturen reicht diese Anlage allein nicht aus. Da spielt dann auch Gas eine, aber nicht die dominierende Rolle. Hinzu kommt die Unsicherheit, ob es zu weiteren, nicht marktbasierten Eingriffen in die Gasversorgung kommt. Insofern hat für uns die sichere Versorgung mit Braunkohlenstaub allerhöchste Priorität.
Was ist die größte Sorge der Stadtwerke Frankfurt(Oder) mit Blick auf den kommenden Winter?
Dass der Winter sehr kalt wird. Am wichtigsten ist für uns, dass die Belieferung mit Braunkohle stabil bleibt. Wir sind mit den beiden Brennstoffen Braunkohle und Gas ganz gut aufgestellt und können damit auch Versorgungssicherheit mit Wärme garantieren. Hinzu kommt eine Besicherung mit Öl und der in 2021 fertiggestellte Wärmespeicher zur Optimierung von Angebot und Nachfrage. Vor diesem Winter ist mir daher nicht bange, zumindest wenn ich an Frankfurt (Oder) denke. Meine nächstgroße Sorge ist, dass die Politik kurzsichtig und unvorhersehbar handelt und die Möglichkeiten, die wir in der Energiewirtschaft haben, in nur unzureichendem Maße nutzt.
Die Politik sollte die nächsten zwei oder drei Winter im Blick haben.
Was meinen Sie genau?
Einschlägige Studien, beispielsweise die der Übertragungsnetzbetreiber zur Gefahr eines Blackouts zeigen, dass es gut ist, in vielen Szenarios ein gewisses Versorgungsangebot vorzuhalten. Das schließt die Reservekraftwerke und Kernkraftwerke ein.
Die Politik sollte aber nicht nur diesen Winter im Blick haben, sondern die nächsten zwei oder drei Winter. Wir wünschen uns deshalb auch, dass wir unser Braunkohlekraftwerk bis zum Frühjahr 2025 betreiben können.
Ab 2024 wird ja mit einer Entspannung der Versorgungssituation beim Gas gerechnet. Warum machen Sie sich dennoch für einen längeren Betriebszeitraum für das Kohlekraftwerk stark?
Weil wir nicht glauben, und da sind wir in guter Gesellschaft mit vielen Vertretern der Energiewirtschaft, dass, nach den Wintern 2022/23 und 2023/24 die Versorgungssituation schon wieder so stabil ist, dass die energiewirtschaftliche Sicherheit einigermaßen gewährleistet ist. Den Winter 2024/25 anzuhängen, würde helfen die Lieferketten in der Energiewirtschaft zu stabilisieren.
Wir beziehen unsere Braunkohle von der Leag und auch für die Leag wäre ein höheres Maß an Planungssicherheit wünschenswert. Denn wir sehen auch, dass unsere Partner bei der Leag derzeit gut beschäftigt sind, sowohl die Braunkohleförderung sicherzustellen, die Logistik winterfest zu machen und auch das Kraftwerk Jänschwalde sicher in den Regelbetrieb zu führen.
Frankfurt (Oder) ist keine reiche Stadt, der mittelständische Sektor steht wegen der Energiekrise vor existenzbedrohenden Herausforderungen.
Wie bewerten Sie aktuell die eigene Liquiditätsituation der Stadtwerke Frankfurt (Oder)?
Ich sehe aktuell noch keinen Grund zur Besorgnis, aber viele Gründe für sehr hohe Aufmerksamkeit. Eine Zunahme an Zahlungsausfällen verzeichnen wir noch nicht. Wir betreiben ein sehr transparentes und zeitaktuelles Forderungsmanagement und wir haben in Frankfurt (Oder) auch eine sehr gute Zahlungsmoral. Das Wirtschaftsleben in der Stadt wird stark durch öffentliche Institutionen dominiert, die in einem sichereren wirtschaftlichen Fahrwasser sind. Frankfurt (Oder) ist keine reiche Stadt, der mittelständische Sektor steht aufgrund der Energiekrise vor existenzbedrohenden Herausforderungen. Die Frankfurter sind traditionell sehr sparsam. Die Durchschnittsverbräuche bei Strom und Gas liegen unter dem Bundesdurchschnitt.
Wie gut sind Sie bereits mit Strom und Gas für 2023 eingedeckt?
2023 macht uns vom Eindeckungsrad keine Sorge mehr, zumal sich die aktuellen Marktpreise von den Höchstständen entfernt haben. Kopfzerbrechen bereitet mir vielmehr, wie man bei der Beschaffung reagiert, wenn die Marktpreise drehen und drastisch zusammenfallen. Das wird irgendwann der Fall sein. Dann tauchen die Glücksritter im Markt wieder auf, die mit niedriger Spotpreisbeschaffung Kunden von den Stadtwerken weglocken, einfach mit der kurzfristigen Attraktivität ihres Angebots. Und die sich zurückziehen, wenn die Märkte schwierig werden und ihre Kunden allein lassen.
Wir versuchen möglichst früh zu erkennen, wann der Markt dreht.
Wie können sich die Stadtwerke Frankfurt (Oder) auf die Situation eines sich drehenden Marktes einstellen?
Wir müssen noch stärker die Suchscheinwerfer einschalten, um möglichst früh zu erkennen, wann der Markt dreht. Im Wärmebereich hilft uns aktuell sicher die Braunkohle. Das Kohlekraftwerk liegt aktuell einfach tiefer im Geld als die Gasmotorenanlage. Schwierig wäre es, wenn wir die Gasmotorenanlage zwar zu 100 Prozent eingedeckt hätten und dann eine Gasposition halten, die wir in fallenden Märkten mit Verlust glattstellen müssten. Wichtig ist zudem das enge Monitoring aller Prozesse für Erzeugung und Vertrieb, das haben wir in den letzten Wochen deutlich verschärft.
In einem milden Winter könnten Sie mit dem Braunkohlekraftwerk die notwendige Wärme komplett mit Kohle erzeugen?
In einem milden Winter liegen die Temperaturen vielleicht zwischen 0 und 10 Grad. Wenn das der Fall wäre, bräuchten wir relativ wenig Gas. Gar kein Gas geht auch dann nicht. Wir haben mehrere Optionen. Unsere Anlagenkonfiguration ist zurzeit sehr flexibel. Unser Braunkohlekraftwerk ist das Rückgrat, die Gasmotorenanlage ist modular aufgebaut, 5 mal 10 MW, wir können eine bis fünf Anlagen schalten. Dazu haben wir den Wärmespeicher, einen Heißwassererzeuger und die Ölbesicherung. Im goldenen Oktober reicht aber die Dampfturbine aus dem Braunkohlekraftwerk fast aus und entlastet den Gasmarkt.
Wenn wir den Smart-Meter-Rollout flächendeckend umgesetzt hätten, könnten wir viel besser die Verbräuche prognostizieren.
Das Erstellen von Bedarfsprognosen ist aktuell eine große Herausforderung, die Qualität hängt vor allem von guten Prozessen und verlässlichen Daten ab. Wie sehen Sie sich da aufgestellt?
Hätten wir in Deutschland den flächendeckende Smart-Meter-Rollout umgesetzt, wüssten wir viel mehr über unsere Kunden und könnten viel besser prognostizieren. Das ist ein riesengroßes Versäumnis.
Ersatzweise verfolgen wir die Lastentwicklung im hier und heute und gleichen mit historischen Daten ab. Wir sehen bei unseren mittelständische Kunden, ob Produktionseinstellungen oder -einschränkungen ins Kalkül gezogen werden. Wir sind im Austausch mit den Netzbetreibern und stimmen uns mit deren Annahmen ab. Es gibt Annahmen von Verbrauchsreduktionen von 10 Prozent auf der Gas- und auf der Stromseite. Ob dies so eintrifft, hängt ganz davon ab, wie stark die Preissignale das Verhalten beeinflussen.
Hier stiftet die Politik viel Verwirrung. An einem Tag die Gasumlage eingeführt und am nächsten Tag die Mehrwertsteuer gesenkt. Am übernächsten Tag heißt es, wir verstaatlichen Uniper und es kommt keine Gasumlage, dafür aber eine Gaspreisbremse. Diese liefert aber einen Anreiz, sorglos Gas zu verbrauchen. Das heißt, wir müssen momentan als Stadtwerke einen fantastischen Spagat vollbringen, um den Leuten zu verdeutlichen, dass sie Gas sparen sollen, obwohl es scheinbar billiger wird.
Ich weiß nicht, ob man in jeder Talkshow auftreten und jedes Energiethema dort diskutieren muss.
Was wünschen Sie sich von der aktuellen Bundesregierung?
Die Ampel-Koalition versucht eine Krise zu beherrschen wie es sie so noch nicht gegeben hat. Was unserer Branche helfen würde, wäre weniger Kakophonie und mehr Substanz. Ich weiß nicht, ob man in jeder Talkshow auftreten und jedes Energiethema dort diskutieren muss, wo liegt da der Erkenntnisgewinn für die Bürger? Ich sehe als Flurschaden eher die Verunsicherung von vielen Menschen. Überall lese ich, wie schlimm alles werden wird, aber dies wird selten mit Fakten unterlegt.
Die Geduld, die einschlägigen Studien zu Rate zu ziehen, bringen viele Medien leider nicht auf und highlighten stattdessen das politische Gezänk zwischen Herrn Lindner und Herrn Habeck. Auch der Umgang mit Zahlen ist bisweilen merkwürdig. Da wird von Verdreifachung, Verfünffachung, Verzehnfachung geschrieben aber die Basisgröße gar nicht genannt. Bei der Information und Kommunikation ist noch viel Luft nach oben.
(Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)



