Es war Sommer im Schwarzwald, als die Energiekrise einen seiner schönsten Orte heimsuchte: die Stadt Haslach im Kinzigtal, wo rund 7000 Menschen wohnen.
Seit mehr als einem Jahrhundert versorgen die kommunal geführten Stadtwerke ihre Bürger mit Strom: zuerst als Monopolist, dann nach der Liberalisierung der Märkte als Grundversorger.
Vollversorgung mit 20-Prozent-Toleranzgrenze
Jahrelang bezogen die Stadtwerke ihren Strom über einen Vollversorgungsvertrag vom E-Werk Mittelbaden, ansässig in der nächstgrößeren Stadt Lahr. Mengenabweichungen von bis zu 20 Prozent nach oben und unten waren problemlos möglich.
Und die Preise waren so attraktiv, dass die Stadtwerke bis ins vergangene Jahr hinein rund 3800 Kunden an sich binden, Verluste aus dem Freibadbetrieb ausgleichen und noch im Jahr 2021 fast 70.000 Euro in die Stadtkasse spülen konnten – bei einem Umsatz von knapp neun Millionen Euro. "Das Beschaffungsrisiko für uns war gering, das war eine komfortable Situation", erinnert sich Ralf Rösch, damals wie heute Technischer Werkleiter.
Kein Strom für 2023
Doch dann überfielen russische Truppen die Ukraine und schossen die Stromgroßhandelspreise in die Höhe. Das E-Werk Mittelbaden tat es vielen anderen Vorversorgern gleich und kündigte seinen Liefervertrag mit den Stadtwerken fristgerecht.
Ende 2022 sollte Schluss sein. Für das Folgejahr waren die Stadtwerke mit ihren gut zwei Dutzend Mitarbeitern auf sich allein gestellt. Strom besorgt hatte das E-Werk für diesen Zeitraum nicht mehr, wie das Unternehmen den Haslachern mitteilte.
"Vorversorger hat sein Problem zu unserem gemacht"
Als Bürgermeister Philipp Saar davon erfuhr, war er noch im Sommerurlaub. Von Erholung konnte nun aber keine Rede mehr sein. Stattdessen berief der Rathauschef den Werksausschuss ein.
"Im Grunde hat unser Vorversorger sein Problem zu unserem gemacht", sagt der CDU-Politiker im Rückblick. "Plötzlich mussten wir uns um Dinge kümmern, die gelinde gesagt nicht zu den klassischen Themen eines Kommunalpolitikers gehören. Da ging es um Detailfragen, wie der Stromgroßhandel funktioniert, was Base- und Peak-Produkte sind. Das hat so manchen Entscheidungsträger zunächst schon sehr gefordert."
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Zwei Hochrisiko-Varianten
Schnell wurde den Stadtwerken klar, dass ihnen nur noch die Wahl zwischen zwei Hochrisiko-Varianten blieb. "Entweder wir verabschieden uns aus dem Stromvertrieb und damit von einem Großteil unseres Umsatzes oder wir suchen uns einen neuen Dienstleister, der den Einkauf für 2023 trotz unfassbar hoher Strompreise erledigt", erzählt Saar.
"Am Ende hatten wir Glück, dass wir mit der Tübinger Südweststrom ein Unternehmen fanden, das für uns den Stromeinkauf abwickelte. Doch die Entscheidung, wann wir wie viel Strom einkaufen samt dem damit verbundenen Risiko, mussten wir selbst treffen. Dazu kam, dass wir als Stadt hohe Sicherheiten stellen mussten. Das war schon happig."
"Wollten abwarten, wohin die Reise geht"
Ende 2022 verabschiedete sich eine ganze Reihe von Grundversorgern aus dem Strommarkt. Darunter waren auch die Gemeindewerke Schutterwald, die zuvor ebenfalls vom E-Werk Mittelbaden beliefert worden waren. Die Stadtwerke Haslach dagegen blieben – und erhöhten ihre Grundversorgungspreise auf 89 Cent pro kWh Strom. Damit gehörten sie zu den teuersten Anbietern bundesweit.
"Wir mussten uns zu einem Zeitpunkt eindecken, als die Preise noch auf Rekordniveau waren", erklärt Saar. "Allerdings kauften wir bewusst nur einen Teil der Mengen für 2023 ein. Denn wir wollten erst einmal abwarten, wohin die Reise geht."
Haslach hat doppelt Glück
Von einem "heißen Ritt", den seine Stadtwerke hingelegt hätten, spricht der CDU-Politiker nun. Und tatsächlich hätte für den Versorger viel schieflaufen können. Doch Haslach hatte gleich doppelt Glück.
Zum einen sanken die Strompreise wieder, weshalb auch die Einkaufskosten für die Restmengen spürbar zurückgingen. Und zum anderen führte die Bundesregierung die Strompreisbremse ein.

Philipp Saar, Bürgermeister von Haslach
Bild: © Gemeinde Haslach
"100 Anfragen pro Tag"
Rund 80 Prozent der Bestandskunden hielten den Stadtwerken Haslach nach eigenen Angaben die Treue. "Dabei war die Außenkommunikation im Winter eine echte Herausforderung", sagt Saar. "Hatten sich früher pro Jahr 100 Leute bei unseren Stadtwerken gemeldet, hatten wir auf dem Höhepunkt so viele Anfragen pro Tag."
Inzwischen hat sich die Lage auf den Großhandelsmärkten ein Stück weit normalisiert. Auch die Preise der Haslacher Stadtwerke sind wieder drastisch gesunken, auf rund 45 Cent pro kWh in der Grundversorgung und auf bis zu 33 Cent pro kWh bei Wahltarifen. Vollversorgungsverträge früherer Zeiten sind dagegen weiterhin nicht in Sicht. Auch die Stadtwerke Haslach haben umgesteuert und vier neue Mitarbeiter eingestellt.
Neuer Kaufmännischer Werkleiter
Seit Januar ist mit Steffen Jannek wieder ein Kaufmännischer Werkleiter an Bord. Die Stelle war im vergangenen Jahr unbesetzt gewesen. Zu Janneks Kernaufgaben zählt es, die Risiken der neuen Energiewelt zu managen und Chancen zu nutzen.
Dazu kamen zwei Fachkräfte, die das Marktkommunikationsteam verstärken, sowie eine Mitarbeiterin für den Vertrieb. "Wir wollen in unserem Haus systematisch Wissen rund um den Strommarkt aufbauen, um noch flexibler agieren zu können", sagt Jannek.
Vertrieb über eigenes Netzgebiet hinaus
Aktuell gehe es darum, einige Hausaufgaben zu erledigen, die durch den Wechsel aus der Vollversorgung in die strukturierte Beschaffung auf die Stadtwerke zugekommen seien – die Ausarbeitung eines eigenen Risikohandbuchs zum Beispiel.
"Perspektivisch wollen wir unseren Vertrieb aber auch über unser Netzgebiet hinaus forcieren und beispielsweise Bäckereien oder Gasthäuser in Haslach als Kunden gewinnen", sagt Jannek.
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Sommer 2022 noch nicht abgehakt
Abgehakt haben die Stadtwerke Haslach den Sommer 2022 noch nicht. Vielmehr ist das Unternehmen im "intensiven Austausch" mit seinem ehemaligen Vollversorger, wie beide Seiten bestätigen.
"Uns wurde gesagt, dass im Rahmen unseres Vertrags immer schon viele Monate vor Lieferzeitpunkt beginnend Stück für Stück eingekauft wird", erläutert Saar. "Wir gingen deshalb vor der Kündigung noch davon aus, dass bereits 86 Prozent für das Folgejahr beschafft worden seien."
Existenz der Stadtwerke infrage gestellt
Fehler könnten passieren, sagt der Rathauschef. "Dann hätte man aber mit uns frühzeitig den Dialog suchen können, anstatt uns vor vollendete Tatsachen zu stellen."
Die Kündigung des Vollversorgungsvertrags in dieser Ausnahmezeit habe die Existenz der Stadtwerke infrage gestellt, sagt Saar. "Dass es anders gekommen ist, haben wir im Wesentlichen unseren Kundinnen und Kunden zu verdanken."
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