Aufgrund der Invasion Russlands in der Ukraine und dem Risiko einer fortgesetzt angespannten Lage bei der Gasversorgung bis in den kommenden Winter wollen die Stadtwerke München (SWM) den anvisierten Zeitplan für den Kohleausstieg anpassen. Hierzu wurden unterschiedliche Alternativszenarien geprüft.
Der Kommunalversorger wird dem Stadtrat am kommenden Dienstag vorschlagen, die Umstellung des Kohleblocks des HKW Nord auf Gas nicht bereits in der kommenden Heizperiode, sondern erst zur Heizperiode 2023/24 vorzunehmen. Würde sich dies aufgrund der weiteren Entwicklung nicht realisieren lassen, würden die SWM zu gegebener Zeit einen neuen Vorschlag für die Heizperiode 2024/25 unterbreiten, heißt es in einer Pressemitteilung.
Bieberbach: "Kurzfristiger Fokus muss jetzt auf Versorgungssicherheit liegen"
„Unsere Strategie hin zu hundertprozentig erneuerbarer Strom- und Wärmeversorgung bleibt unverändert. Wir stimmen aber mit Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck überein, dass der kurzfristige Fokus energiepolitischen Handelns jetzt vor allem auf der Versorgungssicherheit liegen muss“, erklärte der Vorsitzende der SWM- Geschäftsführung, Florian Bieberbach. Die Energiewirtschaft bereite sich bundes- und europaweit auf Gasknappheit vor. Zu einem verantwortungsvollen Management gehöre es, dass sich auch die SWM für ihre Kunden darauf vorbereiten.
Der Füllstand der süddeutschen Erdgasspeicher liegt laut SWM aktuell unter 20 Prozent und die Gasflüsse aus Russland blieben deutlich unter dem langjährigen Mittel, heißt es weiter. Als Reaktion hätten sich die Gaspreise im Großhandel mehr als verfünffacht. Dies gelte auch für die bereits am Markt gehandelten Preise für den Sommer und für die kommende Heizperiode. Ob es gelinge, angesichts der schwachen Zuflüsse die süddeutschen Gasspeicher im Sommer ausreichend zu füllen, sei ungewiss.
Mit Umstellung würde ein neuer Großverbraucher ans Netz gehen
Damit stelle sich die Frage, ob eine Umstellung zur Heizperiode 2022/23 im Sinne der Versorgungssicherheit vertretbar sei. Denn damit ginge in München ein neuer Großverbraucher ans Netz, der während der Heizperiode deutlich mehr Erdgas benötigen würde als alle Münchner Privatkunden der SWM Versorgungs GmbH zusammen, heißt es weiter. Die Versorgungslage könnte sich dadurch weiter verschärfen und insbesondere eine Zwangsabschaltung von Industriekunden als erste konkret Betroffene bei einem Engpass wäre dann wahrscheinlicher.
Die SWM hatten erst zum Jahresbeginn mitgeteilt, dass eine Umstellung des Kohleblocks auf Erdgas noch zur Heizperiode 2022/23 technisch umsetzbar sei und angestrebt werde. Der Block 2 ist laut Bundesnetzagentur stromseitig systemrelevant und kann daher nicht ersatzlos abgeschaltet werden. Zudem ist der Betrieb des HKW Nord laut SWM für die zuverlässige Münchner Fernwärmeversorgung unverzichtbar.
SWM beziehen über 50 Prozent des Gases aus Russland
Die SWM beziehen ihr Erdgas von Zwischenhändlern. Zu über 50 Prozent soll dieses aus Russland stammen, rund 30 Prozent aus Norwegen und weitere 10 Prozent aus den Niederlanden. Über einen Zwischenhändler beziehen die SWM auch ihren Kohlemix, den sogenannten Blend. Dieser besteht aus nordamerikanischer und russischer Kohle. Der Kommunalversorger kündigte an zu prüfen, ob er künftig einen Kohlemix ohne russische Kohle beziehen könne.
CSU fordert Neubewertung des Öl- und Gasfördergeschäfts
Mit Blick auf die Unsicherheiten bei der künftigen Gasversorgung hat die Münchner CSU-Fraktion die Stadtwerke München aufgefordert, an ihrem in dem Gemeinschaftsunternehmen Spirit Energy gebündelten Öl- und Gasfördergeschäft festzuhalten. Das Joint-Venture mit dem britischen Centricakonzern soll laut Stadtratsbeschluss von Ende Februar neu ausgerichtet werden.
Als Teil davon wird das norwegische Geschäft, das vor allem Ölfelder umfasst, verkauft und die übrigen Aktivitäten mit einer geänderten Strategie fortgeführt. Der Vollzug des Verkaufs wird für das zweite Quartal dieses Jahres erwartet, es wird mit einem Verkaufserlös von rund 300 Mio. Euro gerechnet.
Ob diese Aktivitäten im Zuge des Kriegs in der Ukraine künftig neu bewertet werden könnten, dazu wollten sich die Stadtwerke München auf Anfrage nicht weiter äußern. "Die SWM möchten etwaigen, aufgrund der geänderten geopolitischen Lage, erneut geführten Diskussionen im Stadtrat nicht vorweggreifen“, hießt es hierzu auf Anfrage gegenüber Lokalmedien.
Spirit Energy erwartet gutes operatives Ergebnis
Die Spirit Energy hatte im Jahr 2020 bei einem leicht positiven operativen Betriebsergebnis aufgrund preisbedingter Wertberichtigungen einen größeren Jahresfehlbetrag erwirtschaftet. Für 2021 sei der Jahresabschluss derzeit in Erstellung; das operative Betriebsergebnis der Spirit Energy sei in 2021 aufgrund im Jahresverlauf stark gestiegenen Preise für Gas und Öl deutlich positiv, teilen die SWM mit.
Zur Stärkung der energiepolitischen Unabhängigkeit Deutschlands hält SWM-Chef Florian Bieberbach aber künftig insbesondere einen beschleunigten Ausbau eigener erneuerbarer Energien für entscheidend. „Wir sehen uns deshalb in unserer langjährigen Strategie bestätigt und werden unsere Ausbauoffensive erneuerbare Energien und die Fernwärmewende konsequenter denn je fortsetzen.“ (hoe)



