Herr Rudischer, während andere Versorger ihre Grundversorgungstarife angesichts extremer Energiepreise im Großhandel teils deutlich erhöht haben, haben die Stadtwerke Tübingen zumindest bei Strom die Preise gesenkt. Wie war das möglich?
Wir fahren seit Jahren eine klare und faire Preispolitik. Wir saldieren alle Kostenveränderungen und geben das Delta eins zu eins an unsere Kunden weiter. Wir hatten zwar diesmal üppige Kostensteigerungen in der Beschaffung. Allerdings ist die Senkung der EEG-Umlage noch größer ausgefallen. Davon profitieren nun unsere Kunden.
Dabei könnten Ihre Kosten diesen Winter deutlich steigen, je mehr Kunden ihre Verträge bei Mitbewerbern verlieren oder kündigen und dann zu Ihnen in die Grund- oder Ersatzversorgung kommen. Wäre da eine zusätzliche finanzielle Absicherung nicht sinnvoll gewesen?
Tatsächlich stellen unbekannte Energiemengen, die auf uns als Grund- und Ersatzversorger zukommen könnten, eine Herausforderung in der Beschaffung dar. Allerdings wollen wir diese Kosten nicht einfach auf alle umlegen, denn wir würden unsere treuen Bestandskunden dadurch in gewisser Weise mitreißen. Stattdessen haben wir versucht, unsere Risiken abzuschätzen, und entsprechend Risikokapital zur Verfügung gestellt.
Sie sind Grundversorger in Tübingen, einer Stadt mit knapp 90.000 Einwohner, haben eine Versorgungsquote von etwa 80 Prozent. Mit wie vielen Neukunden in der Grund- und Ersatzversorgung rechnen Sie denn in den nächsten Wochen?
Bislang sind nur eine Handvoll Kunden bei uns in die Ersatzversorgung gefallen. Allerdings haben wir uns dafür gerüstet, dass durchaus noch mehr Kunden dazukommen. Dabei dürften insolvente Anbieter noch das kleinere Problem sein. Die größere Herausforderung sind Kunden, die zum Jahreswechsel von sich aus kündigen oder vom derzeitigen Lieferanten gekündigt wurden, sich dann umsehen, kein passendes Angebot finden und schließlich bei uns in der Grundversorgung landen. Deren Zahl dürfte deutlich steigen.
Dass wir auch für sie Mengen beschaffen müssen, erfahren wir dabei häufig erst kurz vor oder sogar nach dem eigentlichen Lieferbeginn. Wenn es sich dann auch noch um Gewerbe- oder Industriekunden handelt, kann sich das wirtschaftlich schon deutlicher auswirken. Wobei wir bei Letzteren insofern vorgesorgt haben, dass wir die Preise in der Ersatzversorgung für Nicht-Haushaltskunden deutlich näher an das Marktniveau herangeführt haben.
Andere Stadtwerke haben bereits separate Grundversorgungstarife für Neukunden. Erwägen Sie das auch?
Bislang haben wir uns noch dagegen entschieden. Die zusätzlichen Mengen, mit denen wir rechnen, können wir derzeit gut abschätzen und berücksichtigen. Außerdem wäre ein separater Grundversorgungstarif mit erheblichem Aufwand verbunden. Für den Fall aber, dass sich die Lage deutlich zuspitzt, möchte ich separate Grundversorgungstarife nicht generell ausschließen.
Aber ist es nicht auch eine Chance, dass Ihnen nun Neukunden ohne eigenen vertrieblichen Aufwand in den Schoß fallen?
In normalen Zeiten schon. Allerdings können wir diese eigentlich einmalige Chance in der aktuellen Lage nicht so nutzen, wie wir es gerne tun würden. Natürlich versuchen wir, Neukunden gleich aus der Grundversorgung zu holen und mit unseren Sondertarifen längerfristig zu binden. Trotzdem halte ich die aktuelle Situation für problematisch.
Jahrelang wurde auf uns Grundversorger geschimpft, weil unsere Tarife angeblich so teuer seien. Jetzt müssen wir reihenweise Kunden auffangen, weil teils unseriöse Discounteranbieter sie fallengelassen haben. Im für uns ärgerlichsten Fall werden die Kunden dann wieder in Scharen von uns Grundversorgern davonlaufen und sich erneut von Billiganbietern locken lassen, wenn im Frühjahr die Heizsaison endet und sich der Markt vielleicht wieder normalisiert. Für uns als kommunaler Versorger, der langfristig und seriös arbeitet und auch dann für die Energieversorgung aller Kunden da ist, wenn es am Markt ruppig wird, ist das eine undankbare Situation.
Außerhalb Tübingens haben Sie es selbst in der Hand, wen Sie als Neukunden aufnehmen wollen und wen nicht. Wie handhaben Sie es dort?
Wir sind nur noch regional unterwegs, auch aus Verantwortung als regional verankerter Versorger. Auf den Vergleichsportalen sind wir sogar nur noch in der Stadt Tübingen selbst gelistet. Zwar blutet mir als Vertriebschef das Herz, wenn ich sehe, wie viele Kunden bundesweit nun nach neuen Anbietern suchen. Zugleich aber ist das Risiko zurzeit schlicht zu groß. Natürlich könnten wir auch auf neue Produkte setzen. Diese müssten dann aber mit Blick auf die aktuell sehr hohen Beschaffungskosten so hoch ausfallen, dass kein Kunde solche Verträge abschließen würde. Insofern sind die Vertriebschancen derzeit eher gering. (aba)
Sebastian Rudischer ist Abteilungsleiter Vertrieb und Service bei den Stadtwerken Tübingen.
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Hinweis: Wie andere Stadtwerkevertriebe die aktuelle Lage am Strom- und Gasmarkt einschätzen, lesen Sie in der kommenden ZfK-Printausgabe, die am Montag erscheint. Auf Seite 23 geht es dabei vorwiegend um Risiken und Chancen bei Haushaltskunden, auf Seite 25 um die Situation bei Geschäftskunden.



