Eine Umfrage der Energieforen Leipzig unter 50 Energieversorgern hat ergeben, dass die Versorgungssicherheit während der Pandemie in Deutschland sehr schnell sichergestellt werden konnte. Weniger als ein Fünftel der befragten Unternehmen gab an, vor der Pandemie keinen Krisenplan gehabt zu haben, wohingegen sich nun 94 Prozent der Befragten für eine eventuelle zweite Pandemie gut vorbereitet fühlen. Die zentralen Herausforderungen lagen, neben der abrupten Umstellung auf mobiles Arbeiten, vor allem im Forderungs- und Portfoliomanagement.
Querverbund: Risiko und Chance zugleich
Viele Versorger kämpfen noch heute mit nicht abgerufenen Energiemengen und den Auswirkungen des Zahlungsmoratoriums. Besonders das Forderungsmanagement wird sich noch mindestens zwei Jahre mit den Auswirkungen befassen müssen. Am stärksten leiden Stadtwerke im Querverbund unter den Folgen der Pandemie – sollten sich die coronabedingten Einschränkungen bis Dezember erstrecken, sehen 75 Prozent der befragten Querverbundunternehmen ihre Ziele stark bis existentiell bedroht. Dies ist insbesondere auf Umsatzeinbußen in Bäderbetrieben und dem ÖPNV zurückzuführen.
Raphael Noack, Geschäftsführer der Energieforen, sieht vor allem im Querverbund die Chance, eine nachhaltige Kundenbindung aufzubauen, zu stärken und weiterzuentwickeln. Dieser ist als einziger Marktteilnehmer dazu fähig, verschiedene lokale Angebote digital und verknüpft aus einer Hand zu entwickeln.
Imagegewinn ausbauen
Die Krise bewegte viele Konsumenten dazu, einen solidarischeren Umgang zu lokalen und regionalen Unternehmen zu pflegen. Stadtwerke können neben dem sozialen Engagement weiterhin mit ihrer regionalen Verankerung punkten, zum Beispiel mit Regionalstrom-Produkten. Einige wenige Stadtwerke haben auch lokale Angebote entwickelt, um Händler und Gastronomen in der Region zu unterstützen. Die erfolgreiche Sicherstellung der Versorgungssicherheit und ein fairer Umgang mit Kunden in der Notsituation führen in vielen Fällen zu einem Imagegewinn der Stadtwerke.
Regionale Ökosysteme aufbauen und nutzen
Digitale Lösungen sind im Zuge der „neuen Normalität“ die beste Antwort auf die vorgeschriebenen Hygieneanforderungen. Ob Eintrittskonzepte in Bädern oder Ticketkaufprozesse im ÖPNV – viele Aufgabenbereiche im Querverbund lassen sich über lokale Plattformen einfacher, vernetzter und somit kundenfreundlicher sowie hygienischer lösen. Als Lösungsansatz sind hier lokale Innovationen, aber auch überregionale Kollaborationen gefragt. Besonders vor dem Hintergrund der eingangs beschriebenen prekären Lage von Querverbünden sind neue, gemeinsame Lösungen nicht nur wünschenswert, sondern unabdingbar.
Mangelnde Innovationsfähigkeit behindert EVU in der Krise
Die durchgeführte Studie zeigt jedoch auch, dass es in den Unternehmen noch an Innovationsfähigkeit mangelt und dadurch Chancen verpasst wurden, so Noack weiter. Nur circa 20 Prozent der befragten Energieversorger gaben an, in der Krise neue Angebote entwickelt zu haben und lediglich die Hälfte konnte digitale Kanäle stärken. Dabei sind der Wegfall klassischer Vertriebskanäle, wie des Door-to-Door-Vertriebs, und die Lücken im Forderungsmanagement primär durch neue Angebote auszugleichen. Die mangelnde Reaktionsfähigkeit im Vertrieb führt Herr Noack auf zu langsame Produktentwicklungszyklen und eine mangelnde Innovationsfähigkeit zurück.
Neue Arbeitswelten und Digitalisierungsschub nutzen
Co-Autorin Sabrina Wilhelm war beeindruckt, wie schnell die Umstellung von der Arbeit im Büro auf mobiles Arbeiten realisiert werden konnte. Die Umfrage ergab, dass die Corona-Krise die Digitalisierung von Energieversorgern um zwei bis drei Jahre nach vorne getrieben hat. Dieser Schwung in Richtung neue Arbeitswelt sollte nun ausgenutzt werden. Besonders in Hinblick auf die eigene Attraktivität als Arbeitgeber sollten Energieversorger nach der Pandemie nicht zum „Business as usual“ zurückkehren. Empfehlenswert ist es beispielsweise, eine permanente Mobile Work Richtlinie zu etablieren und den Arbeitnehmern so mehr Flexibilität zu ermöglichen.
Neue Kompetenzen erforderlich
Neue Arbeitsmethoden erfordern auch neue Kompetenzen bei Führungskräften. Sein Team virtuell zu koordinieren und ein Zugehörigkeitsgefühl zum Unternehmen zu wahren, ist für viele Führungskräfte eine ganz neue Herausforderung. Diese sollten intern durch einen Change Management Prozess und durch zusätzliche Schulungen begleitet werden. Der Aufwand wird sich lohnen, denn Arbeitnehmer, die sich an mobiles Arbeiten gewöhnt haben, werden dieses auch in Zukunft einfordern, so die Energieforen Leipzig. Um Angestellte binden zu können und neue Talente anzuziehen, ist eine moderne Arbeitskultur demzufolge unverzichtbar.
(Die Gastautoren: Raphael Noack ist Geschäftsführer der Energieforen Leipzig und Sabrina Wilhelm ist Referentin Kompetenzfeld Analytik & Informationstechnologie bei den Energieforen Leipzig.)



