Noch steht das neue Umspannwerk nicht. Aber im Frühsommer 2020 soll der Bau beginnen. Im Bild: der Eingang zum Umspannwerk Schopfloch.

Noch steht das neue Umspannwerk nicht. Aber im Frühsommer 2020 soll der Bau beginnen. Im Bild: der Eingang zum Umspannwerk Schopfloch.

Bild: © Netze BW

Den deutschen Energieversorgern stehen die großen Herausforderungen durch die Corona-Krise erst noch bevor. Hauptgrund ist laut einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger der Trend zu dauerhaft niedrigen respektive nicht mehr vorhandenen Zinsen. In der Folge dürften die Renditen im Durchschnitt in den nächsten zwei Jahren unter vier Prozent fallen und auf diesem niedrigen Niveau verharren. Die Folge: Künftige Investitionen könnten nicht mehr finanziert, Dividendenauszahlungen nicht mehr geleistet werden. Das würde zu massiven Einschränkungen der kommunalen Daseinsvorsorge führen, warnen die Studienautoren. Um das zu vermeiden, müsse die Branche die verbleibende Zeit nutzen, um aktiv gegensteuern. Zum einen müsse die Rendite aus Energie- und Dienstleistungen erhöht und gleichzeitig die Fördermöglichkeiten im Kontext des "Green Deals" respektive der Corona-Konjunkturprogramme maximal ausgenutzt werden. "Wird beides nicht kraftvoll angegangen, droht der schrittweise Substanzverlust", heißt es.

Parallelen zur Finanzkrise 2008/2009

Um diese Botschaft zu unterstreichen, werden auch Parallelen zur Finanzkrise 2008/2009 aufgezeigt. Auch nach der Pleite der US- Investmentbank Lehman sei die Ertragslage der deutschen EVU in den ersten Monaten weitestgehend stabil geblieben, mit größeren Einbußen wurde nicht gerechnet. Als Teil ihrer zukunftsgerichteten Handelsstrategie hätten viele Versorger damals ihre Stromproduktion der Jahre 2009 und 2010 bereits vor der Krise zu einem relativ hohen Preis verkauft. Mit sinkender Nachfrage ließen sich in den Folgejahren auf dem Großhandelsmarkt aber nur noch Preise realisieren, die weit unterhalb des gewohnten Niveaus lagen. Die Folge war ein Ergebniseinbruch um bis zu 50 Prozent. Vieles deute darauf hin, dass sich die Geschichte wiederhole, so Roland Berger. Die aktuelle Krise erwische die EVUs zudem erneut in einer Umbruchphase: Anhaltend niedrige Zinsen, der EU Green Deal und verschärfte Nachhaltigkeitsziele würden die Rahmenbedingungen grundlegend verändern. Zudem würden Finanzinvestoren, Versicherungs- und Pensionsfonds zunehmend als Wettbewerber für Neuinvestitionen, aber auch als Kaufinteressenten  im Fall von Desinvestitionsüberlegungen auftreten.

"Coronakrise legt strukturelle Defizite offen"

Die Studie prognostiziert weiter, dass spätestens in den kommenden Jahren 2020/21 die Haushalte vieler Kommunen unter Druck geraten. Deshalb würden nur wenige Eigentümer in der Lage sein, die strategischen Entwicklungen ihrer Beteiligung proaktiv zu unterstützen. In Kommunen, in denen sowohl das EVU als auch die Kommune finanziell schlecht aufgestellt seien, werde sich der Querverbund künftig nicht mehr selbst tragen und müsse dringend neu aufgestellt werden. Unterm Strich wird erwartet, dass die Coronakrise den Umbruch in der Versorger-Landschaft verstärken und beschleunigen werde. "Sie legt strukturelle Defizite offen, mit denen viele EVUs schon lange kämpfen, die nun aber umso offener zu Tage treten", heißt es. Dazu zählten die Umsetzung der Energiewende genauso wie der Ausbau der Infrastruktur.

Prozesse noch robuster aufstellen

Laut der Studie müssten vor allem drei Handlungsfelder angegangen werden, um das Renditeniveau der Versorger auch künftig auf einem auskömmlichen Niveau zu halten. Die Unternehmen müssten ihre Prozesse generell auf den Prüfstand stellen und sich mit Hilfe der neu gewonnenen Erkenntnisse robuster aufstellen. "Das Erreichen der nächsten Stufe in der Digitalisierung der Prozesse, beispielsweise im Vertrieb mit einem Smart Customer Engine oder im Netz mit einer Digitalen Service Plattform, sind dafür unabdinglich", so die Autoren.

Finanzielle Reserven schaffen

Das zweite Handlungsfeld betrifft die Schaffung finanzieller Reserven. Unter anderem auch über vorbereitende Maßnahmen zur Liquiditätssicherung. Konkret gehe es darum, passende Bürgschaften und Kreditlinien im Vorfeld abzusichern und alle Spielräume bei der Beschaffung zu berücksichtigen. Zusätzlich müssten weitere Anstrengungen zur Senkung operativer Kosten unternommen werden. Ein wertorientiertess Infrastrukturmanagement helfe hier dabei, Risiken abzubauen und die Kapitalkosten zu senken.

Neue Strategien für eine neue Zeit

Das dritte Handlungsfeld umfasst die künftige strategische Ausrichtung. Es sei wichtig, bereeits heute seine Kernkompetenzen zu kennen und im Rahmen der Strategieumsetzung fehlende Kompetenzen frühzeitig aufzubauen. Genauso konsequent müssten sich Versorger von Geschäftsfeldern trennen, sofern diese nicht mehr zur neuen Strategie passten. Schließlich werden drei mögliche strategische Entwicklungsrichtungen für EVU aufgzeigt. Zum einen die Rolle eines "Spezialisten nahe am Kunden", der die Kunden mit Energie und weiteren Produkten und Dienstleistungen beliefert. Hier liegt der Fokus auf Vertrieb und Produktmanagement. Der sogenannte "Tier-1-Lieferant für Versorger" hingegen beliefert den Markt und die Versorger mit umfangreichen Leistungen entlang der Wertschöpfungskette, ist aber nicht selber im Endkundenvertrieb tätig. Der "Spezialist im Energiemarkt" zu guter Letzt ist nur in sehr wenigen Bereichen der Wertschöpfung präsent und in einzelnen Bereichen technologisch führend oder kann Commodity-Leistungen aufgrund von Skaleneffekten kostengünstig liefern. Die komplette Studie finden Sie hier. (hoe)

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