Sebastian Jurczyk (rechts) wird am 1. September 2019 Geschäftsführer Energie und Vorsitzender der Geschäftsführung der Stadtwerke Münster, Frank Gäfgen dort am 1. Oktober 2019 Geschäftsführer Mobilität.

Sebastian Jurczyk (rechts) wird am 1. September 2019 Geschäftsführer Energie und Vorsitzender der Geschäftsführung der Stadtwerke Münster, Frank Gäfgen dort am 1. Oktober 2019 Geschäftsführer Mobilität.

Bild: © Stadtwerke Münster

Mit einer neuen Unternehmensstrategie wollen die Stadtwerke Münster die Energie- und Mobilitätswende vor Ort forcieren und gleichzeitig neue Wachstumfelder erschließen, unter anderem über einen flächendeckenden Glasfaserausbau. Bis 2030 will der Kommunalversorger sämtliche Münsteraner Haushalte mit selbst erzeugtem Ökostrom versorgen. Die Zahl der Windenergieanlagen soll sich verdoppeln von derzeit 21 auf 42 auf 280 Mio. kwH, die PV-Erzeugung deutlich ausgebaut werden.

Pläne für Gaskraft im Hafen ad acta gelegt

Auch die Wärme für die Universitätsstadt soll perspektivisch aus erneuerbaren Energien gewonnen werden, die Überlegungen für ein Gaskraftwerk im Hafen wurden ad acta gelegt. Aktuell werde an einem Konzept gearbeitet, wie die Transformation der Wärmeerzeugung geschafft werden kann, hieß es. All diese Maßnahmen sind Teil der neu entwickelten Vision „Herzschlag für Münster“, die die neue Unternehmensleitung um den Vorsitzenden der Geschäftsführung, Sebastian Jurczyk, und ÖPNV-Geschäftsführer Frank Gäfgen, gemeinsam mit den Mitarbeitern entwickelt hat. Das neue Führungsduo ist seit Herbst vergangenen Jahres im Amt.

Ab 2024 kein Atom- und Kohlestrom im Strommix

"Wir werden die Stadtwerke und die Stadt Münster massiv weiter entwickeln", versprach Jurcyzk. Im Ökosystem Stadt – Bürger – Stadtwerke definiere man die eigene Rolle neu. Bereits ab 2024 soll der Strommix keinen Atom- und Kohlestrom mehr enthalten. Die Beschaffung werde entsprechend geändert, so der Vorstandsvorsitzende. Die Verdopplung der eigenen Windenergiekapazitäten soll über den Bau und die Beteiligung an Anlagen erfolgen – vorrangig in NRW, aber auch bundesweit.

PV-Bereich wird deutlich ausgebaut

Stärker als bisher soll die Photovoltaik fokussiert werden. „Hierzu haben wir im Unternehmen neue Strukturen für den Ausbau erneuerbarer Energien geschaffen“, verdeutlichte Jurcyzk. In Summe soll die Erzeugungskapazität im Solarbereich von derzeit rund sieben Mio. auf rund 100 Mio. kWh pro Jahr ausgebaut werden. Potenzial besteht neben eigenen Dachflächen und städtischen Gebäuden aktuell auch auf Dachflächen einer städtischen Wohnbaugesellschaft. Perspektivisch sei aber auch die Investition in PV-Freiflächenanlagen denkbar, so Jurczyk.

Ab 2029 nur noch E-Busse

Flankiert wird dies durch hohe Investitionen in den Umbau der Busflotte, diese soll bis 2029 auf Elektrobusse umgestellt werden. "Wir verstehen uns als Mobilitätsdienstleister, der verschiedene Verkehrsmittel und –angebote bestmöglich miteinander verzahnt. Die Verkehrswende besteht aus vielen Bausteinen, die wir kombinieren möchten", betonte Frank Gäfgen, Geschäftsführer Mobilität. Im Frühjahr hatte das Unternehmen eine Beteiligung an einem Carsharing-Anbieter erworben, in diesem Herbst startet ein Pilotprojekt, das das Nahverkehrsangebot mit einem App-basierten Mikro-Bus-Dienst ergänzt. Flankiert werden sollen diese Angebote künftig von einer zentralen digitalen Plattform.

"Zur DNA gehören Kooperationen"

Künftige Wachstumschancen ortet die neue Geschäftsführung vor allem in der Bereitstellung von digitalen Infrastrukturen und Angeboten. Bis 2030 sollen 80 Prozent der Privathaushalte in Münster flächendeckend mit Fibre-to-the-Home (FTTH-)Anschlüssen versorgt werden. Auch die Grundlagen für den 5G-Ausbau habe man mit einer Kooperation mit der Deutschen Funkturm GmbH  gelegt. Um die Ziele im Bereich Klimaschutz und Digitalisierung zu erreichen, setzen die Stadtwerke Münster verstärkt auf Kooperationen. "Zur DNA von morgen werden Kooperationen gehören, sie sind der neue Wettbewerb", brachte es Jurczyk auf den Punkt.

Zusage an Gesellschafter

Auch die Agilität will das Unternehmen weiter verbessern. Hierzu wurde eine Innovationsabteilung eingerichtet, die aktuell aus einem Mitarbeitenden besteht, künftig aber bis zu vier Personen umfassen soll. Diese widmet sich als erstem Thema den Potenzialen beim Markt für Post-EEG-Anlagen. Aberundet wird die neue Strategie von  einer klaren Zusicherung an den Gesellschafter, die Stadt Münster: Das Unternehmen garantiert eine dauerhafte Dividendenfähigkeit (aktuell sind vertraglich 6,5 Mio. Euro vereinbart) und eine jährliche kommunale Wertschöpfung von mindestens 80 Mio. Euro.

Solides Jahresergebnis

Die Basis für die Umbau-Planungen der Stadtwerke Münster bildet das nach wie vor profitable Kerngeschäft. Der Kommunalversorger erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Jahresüberschuss von 10,3 Mio. Euro und lag damit über Plan. Das Ergebnis fiel damit zwar um über 60 Prozent geringer aus als im Geschäftsjahr 2018, dieses war allerdings stark von Sondereinflüssen, konkret die Auflösung von Rückstellungen, geprägt.

Wachstum bei Ökostromkunden

Aus dem Ergebnis flossen 6,5 Mio. Euro an die Stadt Münster, die restlichen 3,8 Mio. Euro wurden in die Gewinnrücklage einbestellt. Die komplette Wertschöpfung für die Kommune betrug rund 90 Mio. Euro, darin sind auch 16,9 Mio. für den Ausgleich des ÖPNV-Defizits erhalten. Im Energievertrieb konnte der Kommunalversorger 1,3 Mrd. kWh Strom absetzen, das entspricht einem Plus von 6,6 Prozent. Besonders stark wuchs das Ökostromsegment. Die Zahl der Kunden stieg um knapp ein Viertel auf über 10000 an. Der Erdgasverkauf legte moderat zu um 1,7 Prozent auf 2,01 Mrd. kWh.

Corona hinterlässt deutliche Spuren

Für das laufende Jahr ist der Ausblick entsprechend verhalten und vorsichtig. Die Coronakrise spürt das Unternehmen laut Sebastian Jurczyk „relativ deutlich“. Das Unternehmen verzeichnet massive Einbußen bei den Fahrgästen im ÖPNV sowie Absatzeinbrüche bei Geschäfts- und Gewerbekunden im Strombereich. Das werde sich im Jahresabschluss niederschlagen, hieß es. Nach heutigem Stand wolle man aber die vereinbarte Dividendenausschüttung an die Stadt aber aufrechterhalten. (hoe)

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper