Die Gastautoren: Sebastian Seier ist Leiter des Kompetenzteams Nachhaltigkeit und Benedikt Ralfs Junior-Berater beim Beratungsunternehmen BET in Aachen

Die Gastautoren: Sebastian Seier ist Leiter des Kompetenzteams Nachhaltigkeit und Benedikt Ralfs Junior-Berater beim Beratungsunternehmen BET in Aachen

Bilder: © BET

Die Dekarbonisierung des eigenen Geschäftsmodells ist für Stadtwerke nicht nur der größte Beitrag für eine nachhaltige Energieversorgung, sondern auch eine immense strategische und finanzielle Herausforderung. Ausgangspunkt einer jeden Dekarbonisierungsstrategie ist eine Treibhausgasbilanz, die alle relevanten Emissionsquellen zusammenfasst.

Die Klimawerke haben ihre Bilanzen verglichen und geben einen ersten Benchmark für die Branche ab. In dem vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Netzwerk „Klimawerke“ arbeiten 19 Versorgungsunternehmen seit Mitte 2022 an Strategien zur Reduktion von Emissionen.
 

Fossile Wärme- und Stromerzeugung mit Abstand größte Emissionsquelle

Die Emissionen der Unternehmen unterteilen sich gemäß dem international anerkannten „Greenhouse Gas Protocol“ in drei Scopes: In den Scopes 1 und 2 werden alle direkt von den Unternehmen beeinflussbaren Emissionen zusammengefasst. Indirekte Emissionen werden für die Unternehmen im Scope 3 erfasst.

Der Fokus von Strategien zur Dekarbonisierung von Energieversorgern liegt häufig auf den direkt beeinflussbaren Emissionen in Scope 1 und 2. Daneben werden in der Regel auch die indirekten Scope-3-Emissionen aus dem Strom- und Gasabsatz in die Strategien einbezogen.

Der größte Treiber für die Emissionen der Stadtwerke in den Scopes 1 und 2 sind eigene fossile Erzeugungsanlagen für Wärme und Strom. Bei 92 Prozent der Klimawerke sind Eigenerzeugungsanlagen die größte Emissionsquelle in den Scopes 1 und 2. Dort machen KWK-Anlagen, Erdgaskessel und Großkraftwerke im Durchschnitt 60 Prozent der Emissionen in den Scopes 1 und 2 aus. Stadtwerke, die kein eigenes Fernwärmenetz haben, weisen dementsprechend deutlich geringere Emissionen im Scope 1 auf.

Direkt beeinflussbare Emissionen im firmeneigenen Fuhrpark

Neben den Emissionen aus eigenen Erzeugungsanlagen sind eingekaufte Strommengen für den Netzverlustausgleich eine der größten Emissionsquellen von Stadtwerken. Ihr Anteil an den Scope-1- und -2-Emissionen liegt bei durchschnittlich 26 Prozent. Unter den häufigsten Quellen für direkt beeinflussbare Emissionen befindet sich zudem der firmeneigene Fuhrpark.

Bei den Klimawerken kommen die Benzin- und Dieselverbräuche eigener Fahrzeuge dennoch auf lediglich 5 Prozent der Emissionen aus Scope 1 und 2. Eine Ausnahme bilden Stadtwerke, die auch für den ÖPNV zuständig sind. Hier machen eigene Fahrzeuge durch die Dieselverbräuche für Busse zwischen 20 und 22 Prozent der direkt beeinflussbaren Emissionen aus.

Während in anderen Branchen der Gasverbrauch in eigenen Gebäuden zu den größten Emissionsquellen zählen, macht diese Position nur einen geringen Teil der THG-Bilanz von Energieversorgern aus. Im Schnitt kamen die Klimawerke hier auf einen Wert von 5 Prozent der Scope-1 und -2-Emissionen.

83 Prozent der Gesamtemissionen entfallen auf den Strom- und Gasabsatz in Scope 3

Beim Vergleich der Emissionsanteile der einzelnen Scopes bei den Stadtwerken der Klimawerke-Initiative wird die Herausforderung der vollständigen Dekarbonisierung der Stadtwerke deutlich: Während die direkt von den Unternehmen beeinflussbaren Emissionen in den Scopes 1 und 2 im Durchschnitt lediglich 12 Prozent der Gesamtemissionen ausmachen, kommen die Emissionen im Scope 3 auf 88 Prozent.

Die Verteilung der indirekten Emissionen der Stadtwerke gibt ein eindeutiges Bild ab. Bei allen Klimawerken verursachen der Strom- und Gasabsatz die mit Abstand höchsten Emissionen im Scope 3. Der Stromabsatz macht dabei im Schnitt 30 und der Gasabsatz 52 Prozent der indirekten Emissionen aus.

Scope-3-Emissionen aus anderen Quellen (z. B. Arbeitswege von Mitarbeitenden oder Materialeinkauf) sind im Vergleich dazu vernachlässigbar.

Aktive Umstellung der Beschaffungsstrategien

Die Dekarbonisierung von Strom- und Gasabsatz stellt Energieversorger vor sehr unterschiedliche Herausforderungen. Mit zunehmender „Vergrünung“ der deutschen Stromerzeugung sinkt auch der Emissionsfaktor abgesetzter Strommengen.

Somit ist hier neben der aktiven Umstellung der Beschaffungsstrategie ausnahmsweise auch „Abwarten und Tee trinken“ eine gangbare Strategie. Schwieriger gestaltet sich dies beim Erdgasabsatz. Hier müssen im Rahmen der Wärmewende Alternativen für die dezentrale Beheizung von Gebäuden über Erdgasanlagen gefunden werden.

Emissionskennzahlen für Energieversorger

Die Zahlen der größenmäßig sehr heterogenen Klimawerke erlauben auch eine Ableitung von stadtwerketypischen Kennzahlen zur Emissionsintensität, die wiederum als Benchmark für andere Unternehmen der Branche dienen können.

Demnach emittieren Stadtwerke im Durchschnitt Gesamtemissionen von 830 t CO2äqpro Mitarbeiter*in. Pro Euro Umsatz sind es 1,53 kgCO2äq. Schaut man nur auf die direkt beeinflussbaren Emissionen, liegen die Durchschnittswerte bei 87 t CO2äq  pro Mitarbeiter*in und 0,16 kgCO2äqpro Euro Umsatz.

Bundesweit liegen die direkten Emissionen der deutschen Wirtschaft im Durchschnitt bei 13 t CO2äqpro Mitarbeiter*in und 0,21 kg CO2äqpro Euro Umsatz. Die Stadtwerke emittieren somit deutlich höhere direkte Emissionen je Mitarbeiter*in im Vergleich zum Durchschnitt der deutschen Wirtschaft.

Branche liegt auch bei direkt beeinflussbaren Emissionen über dem Durchschnitt

Bei den direkten Emissionen je Umsatz scheinen die Stadtwerke auf den ersten Blick gut abzuschneiden. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass in den Umsätzen der Stadtwerke, welche überwiegend durch den Absatz von Strom und Gas erwirtschaftet werden, auch staatlich induzierte Preisbestandteile (Steuern, Abgaben, Umlagen) enthalten sind.

Bereinigt man die Umsätze der Stadtwerke um die staatlich veranlassten Preisbestandteile ergeben sich im Durchschnitt für die Stadtwerke der Klimawerke-Initiative direkt beeinflussbare Emissionen in der Größenordnung von 0,25 kg CO2äqpro Euro Umsatz. Damit liegt die Stadtwerke-Branche wiederum über dem Durchschnitt der deutschen Wirtschaft.

Größte Herausforderung bleibt die Wärmewende

Die Kennzahlen zeigen auf, welche Verantwortung der Energiewirtschaft bei der Dekarbonisierung unseres Landes zukommt. Gleichzeitig verdeutlichen sie jedoch auch, dass alle Energieversorger vor denselben Aufgaben stehen, sodass der brancheninterne Erfahrungsaustausch – wie er bspw. bei den Klimawerken praktiziert wird – einen wichtigen Beitrag für eine erfolgreiche Transformation leistet.

Die größte Herausforderung stellt dabei die Wärmewende da, denn sie adressiert mit den fossilen Erzeugungsanlagen und dem Erdgasabsatz 62 Prozent der Stadtwerke-Emissionen.

(Die Gastautoren: Sebastian Seier ist Leiter des Kompetenzteams Nachhaltigkeit und Benedikt Ralfs Junior-Berater beim Beratungsunternehmen BET in Aachen).

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper