Ausnahmezustand für Beschaffung und Vertrieb: Seit der jüngsten Explosion der Energiepreise gilt das für viele der Stadtwerke und Energieversorger. Viele geben sich auf Anfrage zugeknöpft, insbesondere die großen Unternehmen. Das Stimmungsbild ist sehr unterschiedlich. „Für uns ist es in der Beschaffung sehr schlecht gelaufen“, sagt etwa Andreas Thiel-Böhm, Geschäftsführer der Technischen Werke Schussental (TWS). Der mehrheitlich kommunale Versorger erwartet im laufenden Jahr im Energievertrieb einen Verlust, im Vorjahr hatte dieser Bereich noch ein Rekordergebnis erzielt.
Das Unternehmen aus Ravensburg hat aufgrund der starken Konkurrenzsituation in seinem Marktgebiet auch in der Grundversorgung teilweise kurzfristig beschafft und hatte auch zu Beginn des Gaspreisanstiegs noch offene Mengen. „Die waren zwar nicht riesig, aber wenn der Hebel groß wird, bereiten eben auch die Probleme“, sagt Thiel-Böhm. Die TWS seien aber kein Spezialfall. Zahlreiche Unternehmen beschafften mit einer ähnlichen Strategie. Deshalb hält er durchaus auch vertriebsbedingte, deutliche Gewinneinbußen bei anderen Stadtwerken für ein realistisches Szenario.
"Stadtwerke mit treuen Kunden und Vollversorgung aktuell auf der Gewinnerseite"
„In der aktuellen Phase gewinnen die Stadtwerke, die früher schon auf der Gewinnerseite waren, weil sie treue Kunden haben und in der Beschaffung wenig tun und Vollversorgungsprodukte eingekauft haben von zuverlässigen Lieferanten.“ Diejenigen mit kurzfristigen Aktivitäten hingegen hätten ein „sehr, sehr schwieriges Vertriebsjahr“.
Bielefeld: Die großen Unbekannten im kommenden Jahr
Anders ist die Situation in Bielefeld: Die Strom- und Gastarife der dortigen Stadtwerke stehen seit Wochen auf Platz 1 bei den Vergleichsportalen Verivox und Check24. Das sei vor allem der langfristig angelegten, risikoarmen Einkaufsstrategie zu verdanken, erklärt Holger Mengedodt, Leiter Geschäftsbereich Markt und Kunde.
Spannend werde es im nächsten Jahr. Sollte die Gesamtzahl der Haushaltskunden der Stadtwerke Bielefeld im kommenden Jahr durch Kunden insolventer Versorger beispielsweise um zehn Prozent steigen, würde der Umfang der offenen Mengen deutlich steigen, so Mengedodt. Beim aktuellen Börsenpreis würde das deutlich ins Gewicht fallen. »Es bleibt jetzt eben abzuwarten, wie viele Unternehmen Insolvenz anmelden respektive ihren Kunden kündigen müssen und wie viele Kundinnen und Kunden zu uns zurückwechseln, weil wir bei Verivox und Check24 auf Platz 1 liegen und wie viele dann auch länger als drei Monate bei uns bleiben.“ Das seien die großen Unbekannten.
Landkreis Offenbach: Wer springt für die insolvente Otima Energie ein?
Relativ entspannt ist die Situation aktuell bei den Stadtwerken Dreieich (Landkreis Offenbach), die vor allem auf Vollversorgungsverträge mit Vorlieferanten setzen. Risiken sieht Geschäftsführer Steffen Arta aktuell bei größeren Kunden, „die kurzfristig nur über die Ersatzversorgung kostendeckend versorgt werden können". „Ansonsten bieten sich vertriebliche Chancen, die wir in der Form in den letzten zehn bis 15 Jahren nicht gesehen haben“, bekräftigt er. Es sei aber tragisch, dass es dafür so einen Anlass und so viel von Drittanbietern ausgesprochene Sonderkündigungen brauche.
Laut einer Pressemitteilung der Stadtwerke Dreieich haben die ersten zehn Discounter ihren Kunden in der Region Dreieich gerade die Lieferverträge gekündigt, andere Insolvenz angemeldet. Sämtliche Schulen des Landkreises Offenbach sollten ab 2022 von der mittlerweile pleite gegangenen Otima Energie versorgt werden. Jetzt muss eine Ersatzlösung her. Einige lokale Energieversorger stehen bereit, darunter die Stadtwerke Dreieich.
Doch wie attraktiv und nachhaltig ist das Geschäftspotenzial mit Kunden insolventer Discounter? „Das wird man erst in zwei Jahren beurteilen können“, sagt Arta. Fakt sei, dass in der Region in der Vergangenheit mit teils unlauteren Methoden Kunden akquiriert wurden, die eigentlich nie den Versorger wechseln wollten. Die Stadtwerke Dreieich erhielten regelmäßig Anfragen von Bürgern vor Ort, die angerufen wurden und ungewollt ihren Versorger gewechselt hätten. „Wenn diese Kunden in der aktuellen Situation zurückkommen, werden diese uns auch erhalten bleiben.“ (hoe)
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Ausführliche Hintergründe zur Entwicklung des Vertriebsgeschäfts der TWS sowie der Stadtwerke Bielefeld und Dreieich finden Sie in der Novemberausgabe der ZfK, die am 8. November erscheint. Darin äußern sich die Stadtwerke auch zum Thema Ersatzversorgung, dem Geschäftsgebaren der Energiediscounter und fordern Anpassungen der Gasgrundversorgungsverordnung. Zum ZfK-Abo geht es hier.



